schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 07 - heftig damals in aups
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/07-heftig/damals-in-aups

damals in aups

egyd gstättner | damals in aups

Einmal waren wir in Aups. Das waren glorreiche Zeiten! Denn nach Avignon, Arles oder Nîmes kommt jeder, wir aber kamen nach Aups! Alles war neu und aufregend und unberührt, und wir kannten damals in Aups noch keinen einzigen Aupser Troubadour, keine einzige Aupser Concierge und keine einzige Aupser Maîtresse, also setzten wir uns völlig auf uns allein gestellt und bloß mit unserem bisherigen Weltwissen ausgestattet an ein nachtkästchengroßes Tischlein am Place Général Girard, der gerade von zwei dänischen Touristinnen überschwemmt wurde – nicht der General, der Platz –, dänische Touristinnen erkennt man ja gleich am dänischen Reisebus mit dem Zeichen DK sowie am dänisch-französischen Langenscheidt (Sachen gibt’s auf der Welt! Fairneßhalber muß man auch noch sagen, daß am Platz bloß der Langenscheidt Platz hatte, nicht der Bus. Es war wirklich ein sehr, sehr kleiner Platz) – und gedachten – noblesse obligé! – der Opfer von 1851, realisierten aber schnell, daß wir von den bedauernswerten Opfern von 1851 rein gar nichts wußten und daher auch unser allgemeines Gedenken nicht in sinnvolle Bahnen zu lenken verstanden, die den Opfern jetzt nach so langer Zeit noch konkret genützt hätten. Also vergaßen wir die Opfer wieder, harrten der Dinge (wir sind Spezialisten im Dingeharren, was wir sowohl beim Dingeharren von Saint Tropez als auch beim Dingeharren von Ventimiglia derart eindrucksvoll unter Beweis gestellt haben, daß uns erst einmal einer unsere internationalen Dingeharrungshochleistungen nachmachen soll!) und erfuhren aus dem Aupser Stadtführer, daß Aups ein Hauptkanton ist und 1.803 Einwohner hat. Jedesmal, wenn ein junger Aupser in Aups zur Welt kommt, und jedesmal, wenn in Aups ein alter Aupser stirbt und aus der Welt weicht, wird in Aups ein neuer Stadtführer gedruckt. Ein Hauptkanton!, damit hatten wir nicht gerechnet! Wie angetan und gerührt aber waren wir von diesem klitzekleinen Platz mit der klitzekleinen Fontaine, der klitzekleinen Trafik, dem klitzekleinen Kiosk, der klitzekleinen Boutique, dem klitzekleinen Institut de Beaute, der klitzekleinen Boucherie und der klitzekleinen Blanchisserie! Der klitzekleine Gastgarten gehört sowohl dem klitzekleinen Pub mit dem klitzekleinen Espresso als auch der klitzekleinen Patisserie mit den klitzekleinen Petit Force. Steinhart und mittelalterlich sind die wie die ehrwürdigen provencalischen Häuser, die dem Platz seine unverwechselbare Enge geben, und mit Ionesco jaulten wir gebildet auf: J`ai mal au dents! Vieles wurde uns klar in jenen Tagen, manches nicht – es fehlte uns an Troubadours und Maîtressen an allen Ecken und Enden – und bis heute haben wir nicht restlos klären können, warum man diesen historisch gewachsenen Ort nach dem Überbrückungsgeräusch von Kinderrätselsendungen benannt hat.
Theoretisch könnte es sich auch um eine Momentaufnahme von Damenschluckauf handeln, die Theorie ist jedoch umstritten. Die Aupser streiten nicht mit, lieber gehen sie auf den Markt und kaufen Trüffel, aber nur von November bis Februar. Tja, c`est la vie!

Ça bas? Ça bas? Die Fontaine plätschert, die Franzosen plätschern französisch, und immer wenn Franzosen französisch nuscheln und wuscheln und tuscheln – und sei es unter dem Himmel von Aups! –, meinen wir phantasiestrotzende Illusionisten, Gilles Deleuze und Michel Foucault verhandelten gerade die Archäologie des Wissens oder George Batailles (hat der nun George geheißen?) schürfte an den Stamm einer schattenspendenden alten Platane gelehnt Fragmente einer Sprache der Liebe zu Tage. Es ist uns, als diskutierten alle Aupserinnen und Aupser an diesem verschlafenen Frühlingsvormittag mit der ihnen eigenen Leidenschaft Michel Onfrays Portrait du philosophe en chien, Jacques LeGoffs Les intellectuels au Moyen Age, Dominique Laportes Histoire de la merde oder gar Georges Minois Histoire du suicide. Sprachen, die man nicht spricht, klingen automatisch erotisch und hochintelligent. Mais non, die Ohren spitzend hörten wir dann doch Massage, Garage, Visage, Blamage, Bagage. Es ging also um Bandscheibenvorfälle, Ölwechsel und die Fußballnationalmannschaft. Das kommt vom Ohrenspitzen! Wie schmolz da unsere blassierte metaphysische Begierlichkeit dahin, wir labten uns an Volkes Quelle und priesen diesen Flecken Erde, auch wenn wir damals in Aups weder einen Troubadour, noch eine Concierge, noch eine Maîtresse hatten. Aber all den fremden Frauen verpaßten wir Namen nach unserem Geschmack, Nadine, Colette, Babette, Isabelle, Michelle, Jacqueline, Nathalie, und hochgestimmt, wie wir waren, grölten wir bis zur Boucherie hinauf, Non, je ne regrette rien!

Glorreiche Zeiten waren das und ein Laissez faire und ein Savoir vivre, bis einer von uns die glorreichen Zeiten aus einer Laune heraus urplötzlich kaputtmachte und Folgendes festhielt: Die Großen dieser Welt haben Aups immer gemieden! Napoleon war nie in Aups. Danton war nie in Aups. Alain Delon war nie in Aups. Camus, Sartre und Simone de Beauvoir waren nie in Aups. Arrabal, Tardieu, Ghelderode und Audiberti waren nie in Aups. Mireille Matthieu, Patrick Fiori, Joel Ursul und Plastic Bertrand waren nie in Aups. Boudrillard war nie in Aups. Toulouse-Lautrec war nie in Aups. König René der Gute war nie in Aups. Perinne Pelen war nie in Aups. Cézanne, Petrarca und Frédéric Mistral waren nie in Aups. Ludwig XIV. war nie in Aups, ebensowenig Marie Marquise de Sévigné, Voltaire, Pompidou, Nostradamus, Uderzo, Jean Amery. Unglaublich, wer alles nicht da war! Aber wir sind doch da! Ja wir, das schon. Jean Alesi war nie in Aups. Marcel Proust, Gerard Depardieu, Karl von Anjou, Catherine Deneuve, Vercingetorix, Jacques Offenbach und Gustave Eiffel waren nie in Aups. Kein Papst war je in Aups und hat in Aups eine Vatikanfiliale errichtet, weder stationär noch ambulant. Da erkannten wir mit einem Mal, was es bedeutet, in Aups zu leben, und wir waren der Hochachtung voll den Eingeborenen gegenüber, beteiligten uns an ihrem sinnlosen Kugelspiel am Marktplatz, schlitterten demütig in freiwillige Niederlagen und aßen Baguettes Provence. Ja, solche Kerls waren wir damals!

Ein paar Cromagnon-Menschen waren in Aups vor vierzigtausend Jahren, aber sie haben leider nirgendwo in der Region Spuren von Steinzeitkunst hinterlassen, die dumpfen Bestien! Mitterand war einmal in Aups, vor irgendwelchen nationalen Wahlen, zehn Minuten. Er ist noch vor Ende seiner Rede wieder aufgebrochen. Jean Jacques Cocteau hat in Aups einen Fisch vergessen, Lizarazu, Thuram, Barthez und Zinedine Zidane haben hinter einem Busch ihre Notdurft verrichtet. Seither riecht es in ganz Aups nach Fisch und Pisse. Das eigentliche Wahrzeichen von Aups sind aber die beiden Kirchtürme, der eine – in der Provence bis nach St. Tropez mit seinen Schießbudendavidbowies hinunter andauernd zu finden –, wo die Glocke über dem Turm in einem Faradayschen Käfig hängt, sodaß es bei jedem Regenwetter auf die Glocke hinaufgießt, wodurch die Glocke längst völlig verrostet ist, was diesen typischen provencalischen Gänsehauterzeugungsglockenklang ergibt; der andere mit dem windschiefen Kruzifix auf dem kerzengeraden Turmgemäuer, das man sonst nirgendwo findet, auch in Pisa nicht, jenem ordinären Ort, wo bekanntlich der ganze Turm schief steht, weshalb er viel berühmter als der von Aups ist, welcher – sieht man einmal von der eventuellen Breitenwirkung der beiden dänischen Touristinnen ab – überhaupt nicht berühmt ist, was die himmelschreiende Ungerechtigkeit auf diesem Globus recht artig widerspiegelt, und wir erkannten wieder einmal, was es heißen muß, in Aups zu leben. Ah, Ça ira!

So schritten wir frohgemut die Häuserfronten von Altaups entlang, freuten uns einerseits über unsere Wortschöpfung Gänsehauterzeugungsglockenklang, die wir den dänischen Touristinnen vorsichtshalber vorenthielten – auch weil uns die beiden nichtssagenden Kopenhagener Camembertgesichter komplett ignorierten –, andererseits über die Tatsache, endlich an einem Ort zu sein, der 501 Meter über dem Meeresspiegel liegt – wie oft hat man das Vergnügen! – und geheimnisten allerlei Mysteriöses in die Häuserfronten hinein. Theoretisch könnte sich hinter jeder Jalousie ein Aupser Troubadour verstecken, eine Aupser Concierge, eine Aupser Maîtresse! Heißa, das waren glorreiche Zeiten! Ja, Freunde, es stimmt, die Erde dreht sich, das Leben geht weiter und wir haben Aups wieder verlassen, denn wir halten es nie lange an einem Ort aus, der 1.803 Einwohner hat, 501 Meter über dem Meeresspiegel liegt und nach Pisse riecht. Wir mußten in die Welt hinaus, indem wir bei der Verkehrshinweistafel Centre ville einfach in die andere Richtung fuhren. Wir mußten in die Welt hinaus nach Villecroze, Tourtour, Moissac und Flayosc, wo neue Abenteuer auf uns warteten und Dinge, die unserer harrten, damit wir ihrer harren, Troubadours, Conciergen und Maîtressen. Über Stock und Stein fuhren wir in diesen glorreichen Zeiten und schnupperten weltoffen und zu allem bereit am Kuckucksknabenkraut, an der Händelwurz, an den Waldhyazinthen und an der Bocksriemenzunge, wodurch uns vieles klar wurde, manches nicht, aber Aups werden wir immer in liebevoller Erinnerung behalten. Und wenn wir dereinst innehalten, uns besinnen und vielleicht sogar wiederkehren an die Stätten unserer Lebenstriumphe und also nach Aups, dann werden wir nicht eher ruhen, bis daß wir einen Aupser Troubadour gefunden haben, eine Aupser Concierge, eine Aupser Maîtresse.