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das zurückgeflossene dorf

Eine ethnologische Monografie des Rabiatsteires


Franzobel: Austrian Psycho oder Der Rabiat Hödlmoser. Ein Trashroman in memoriam Franz Fuchs

Weitra: Bibliothek der Provinz 2001

Rezensiert von: jürgen plank


„Wenn das Hödlmoser-Buch von Reinhard P. Gruber das Alte Testament der Steirer ist, dann habe ich es gewagt, sozusagen das Neue Testament zu schreiben“, sagt Franzobel über Austrian Psycho. Sein Rabiat Hödlmoser ist ein Schelmenroman und eine ironische ethnologische Monographie. Das Forschungsobjekt sind die Steirer, die emische Annäherung geschieht am Beispiel des aus R. P. Grubers Buch Aus dem Leben Hödlmosers nach Mürzzuschlag zugereisten Hödlmoser.

Austrian Psycho ist wie ein historischer Reise- und Forschungsbericht aufgebaut, gleich zu Beginn heißt es: „Die Steiermark ist so reich an Sehenswürdigkeiten, dass ein dickes Buch nicht ausreichen würde, sie alle zu beschreiben. Doch seien wenigstens einige hier vorgestellt. Zum Beispiel das Wirtshaus.“ Welche Hedonismen – oder auch Sauereien der übelsten Sorte – sich aus einem Wirtshausbesuch ergeben können, führt Franzobel auf 132 Seiten vor. Motto: Sex & Drugs & Blasmusik. Drugs bedeutet in diesem Fall Alkohol, statt Sex ist abwechselnd Sodomie oder Vergewaltigung einzusetzen. Beim Essen, Trinken und in der Sexualität geht es im jüngsten Buch Franzobels deftig zu: Als Hödlmoser sodomistische Gelüste an einer geschlachteten Sau auslebt, wird er unter einem Berg von Innereien begraben. Nach solchen Erlebnissen gibt es Sterz oder Blunzengröstl – und Bier.

Franzobel lässt den bauernschlauen Schelm Hödlmoser von einem Mürzzuschlager Rausch zum nächsten und von dort in diverse Fettnäpfchen, Brutalitäten und Abenteuer stolpern. Wie im Märchen – und in der Fernsehserie „Knight Rider“ – übersteht sein Held alle Schwierigkeiten.

Franzobel versteht es Späße zu machen. Die besten Gags gelingen ihm, wenn er einfach schreibt und schreibt und schreibt. Schreibfluss und Alkoholfluss: „Mürz ist ein in die Steiermark zurückgeflossenes Tirolerdorf.“ Oder: „Ich sage immer, bei einem anständigen Rausch musst du nachher vier Tage blind sein, sonst war es rausgeschmissenes Geld.“ Grund zur Sorge besteht trotzdem nicht, denn wie der echte Wiener geht auch der echte Steirer nicht unter – und der echte Österreicher sowieso nicht. Die Anspielung an Brett Easton Ellis’ Roman American Psycho ist offensichtlich, wenngleich sich hier die Monstrositäten nicht im urbanen, sondern im ruralen Raum bewegen. Irrläufer wie den Bombenbastler Franz Fuchs gebiert auch das Landleben mühelos. In Mürzzuschlag, in Attnang-Puchheim und anderswo.

Norbert Trummer hat das schön gemachte Buch in der für ihn typischen Weise illustriert: Seine Mürzzuschlager Ansichten sind genaue Miniatur-Zeichnungen – mit Buntstiften und Tintenstift auf Papier festgehalten –, die in Originalgröße abgebildet sind. Da sieht man das Brahmsmuseum, Wohnhäuser, das Chinesische Restaurant Shang Hai und Szenen aus Wirtshäusern. Mehrfach hat Trummer den Bahnhof und dessen Umgebung gezeichnet. „Der Bahnhof ist ein zentraler Ort Mürzzuschlags“, sagt Trummer. Wer jemals mit dem Zug durch das Tal am Fuß des Semmerings gefahren ist oder von dort in die Großstadt wollte, hat vielleicht schon selbst den Kosenamen des Ortes von einer Hauswand abgelesen: „Mürz“.