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diagnose: dolchstoßsyndrom

helwig brunner | diagnose: dolchstoßsyndrom

Bemerkungen zu Sein und Schein der Heftigkeit

Der junge Dichterfürst stieß seinen Dolch heftig bis ans Heft ins Heft. Mit theatralischer Geste veredelte er, worum es in den darin zu Papier gebrachten Liebesoden ging: dass er eigentlich lieber in freudvollem Zusammensein mit seiner Herzensdame etwas anderes anderswohin gestoßen hätte – nicht minder heftig, versteht sich, und in ähnlich vollendeter Metrik der Hebungen und Senkungen, wie auch die Verse seiner Dichtung sie aufwiesen. Doch es sollte nicht sein (die Angebetete wollte sich wohl Ärger ersparen und keusch kuschen), und deshalb geht es auch in diesem Text um etwas fast ganz anderes. Eben kam zwar noch die Muse an meinen Schreibtisch, um mich zu küssen, ich aber sagte nein danke, verwirr mich nicht, ich weiß schon, was ich schreiben will, und wenn ich jetzt zu küssen anfange, dann vergesse ich mich und vergesse es und werfe zuletzt aus Ärger die Heftmaschine heftig gegen den Bildschirm meines schönen Sony-Notebooks, das mich ein Schweinegeld gekostet hat. Als nicht ganz so junger, nicht ganz so fürstlicher Dichter wende ich mich meinem Thema naturgemäß in einer bescheideneren Weise zu, methodisch sauber freigehalten von allen Trübungen triebhafter Heftigkeit.

Phänomenologisch abgeklärt frage ich nicht einmal, was die Heftigkeit ist, sondern nur, als was sie uns erscheint; dabei erwarte ich nichts dolchstoßartig Endgültiges, keine definitive Definition, sondern bloß ein paar nette, zufällig aus der Fülle der Erscheinungen herausgegriffene Beobachtungen. Und flugs finde ich heraus, dass die Heftigkeit (wer hätte sich das gedacht) viele Gesichter hat. Ganz schön heftig, murrte beispielsweise die oben erwähnte Muse angesichts eines Berges von Möbeln, Kisten und Schachteln, als wir unlängst unsere gemeinsame Wohnung bezogen. Ja, stimmte ich ihr zu, schleppte drei Tage lang und hatte spätestens am zweiten Tag heftige Kreuzschmerzen. Bereits am ersten Abend nach unserem Einzug war aus der Nachbarwohnung ein heftiger Streit zu vernehmen. Selbst die Träume der folgenden Nacht, in denen eine fünfzehn Jahre zurückliegende Mathematikschularbeit und ein drei Tage vor mir liegender, mindestens ebenso heftig verkalkulierter Abgabetermin ein unheilvolles Amalgam bildeten, waren heftig.

Angesichts solcher Vielgestaltigkeit möchte man fast behaupten, die Heftigkeit wäre der Vater aller Dinge, wenn a) sie nicht weiblich (und daher allenfalls Mutter) wäre und b) die Ehre dieser Vaterschaft nicht schon der Krieg als Sonderfall zwischenmenschlicher Heftigkeit für sich in Anspruch nähme. Bleiben wir also ganz undogmatisch und konstatieren bloß: Es gibt sie, die Heftigkeit, in allerlei Erscheinungsformen des mehrheitlich Unerwünschten. Und wo es sie nicht gibt, dort gibt es die Traumwelten Hollywoods und der TV-Werbung, die uns attraktiv verpackte Formen der Heftigkeit präsentieren und so unsere Wünsche und Begehrlichkeiten wecken, auf dass wir wieder zu jungen, dolchstoßfreudigen Dichterfürsten werden.

„The commonest thing is delightful, if one only hides it”, wusste schon Oscar Wilde. Wo die Heftigkeit unverhüllt zutage tritt, wird sie meist, siehe Hollywood, schnöde und langweilig. Deshalb bleiben die Atem beraubenden Erlebnisse und Genüsse, deren Käuflichkeit uns die Werbung suggeriert, immer im Verborgenen. Irgendwo vor einer zur trügerisch harmlosen Kulisse stilisierten Wildnis sitzt lässig an ein Paddelboot gelehnt der Marlboro rauchende Schönling mit perfekt gestutztem Dreitagebart. Irgendwo hinter zartem Tüll rauscht die Versuchung vorüber, die uns zum Kauf jenes sinnlichen Duft spendenden Deodorants hinreißen soll, das dann doch nur als gewöhnlicher Deo dekoriert mit ein paar gekräuselten Achselhaaren in unserem Alibert steht, vor dem wir Zähne putzend unseren Alltag beginnen. Sollte uns dieser Alltag wider Erwarten irgendwann einmal hinter die Kulissen der Wildnis entführen, so werden wir dort vermutlich vor allem über die Gelsen fluchen. Aber auch gegen diese gibt es ja ein wirksames und vor allem wirksam zu bewerbendes Mittel.

Dass trotz allem die Heftigkeit, die Intensität gelebten Lebens und Erlebens, als Inbegriff des Erstrebenswerten gehandelt wird, verweist auf ein kulturell und zeitlich gut eingrenzbares Leitbild. Es darf vermutet werden, dass erst mit der europäischen Romantik und ihrem überbordenden Drang zur Ich-Entfaltung die Heftigkeit einen Wandel vom gelegentlich eintretenden Gemütszustand zur ultimativen Lebensmaxime erfuhr. Global gesehen sind wir als postmoderne Romantiker eine heftigkeitsbesessene Minderheit; vom gegenteiligen Ideal der Gelassenheit und Selbstzurücknahme im unspektakulären Einklang mit dem Wesen der Dinge sind weltweit zweifellos ungleich mehr Menschen angetan als vom Abfackeln heftiger Lebensfeuer auf Kosten gesundheitlicher, ethischer und ökologischer Ressourcen. Wer mir nach diesen Zeilen vorwirft, ich wäre ein mieselsüchtiger, prüder Langeweiler, der alle Heftigkeit, die das Leben würzig und spannend macht, in das Reich der Unpässlichkeiten, Illusionen und gesellschaftlichen Verfehlungen verweist, dem gebe ich meinetwegen Recht. Im Stillen sehe ich die Sache freilich etwas anders: Auch ich halte meine schönen Heftigkeiten im schemenhaft Verborgenen, damit sie mir gefallen und ich mich nicht vor meinen eigenen Augen in ein grantiges, geiles, Analgetika fressendes Trivialungeheuer verwandle. Das bin ich als gelernter Mitteleuropäer meinem Selbstwertgefühl einfach schuldig.

Postskriptum: Mir persönlich erscheint die Heftigkeit als Adverb. Als Hauptwort funktioniert sie jedenfalls nicht: weniges gibt sich so lasch wie die Heftigkeit. Als Eigenschaftswort tritt sie uns schon näher, doch selbst der heftigste Dolchstoß ist nur deshalb ein heftiger Dolchstoß, weil jemand heftig mit dem Dolch stößt. Ich erkläre also das Thema dieses Themenhefts zum Adverb.