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die ausnahme von der regel

werner schandor | die ausnahme von der regel

Der Wiener Autor Daniel Wisser verlegt mit der Zeitschrift „Der Pudel“ eine der unkonventionellsten Literaturpublikationen Österreichs

Am Anfang war ein Tintenklecks. Er sah aus wie ein Pudel. Dazu kam die Beschäftigung des 1971 geborenen Daniel Wisser mit etwas, das in vielen Lehrbüchern unter der Bezeichnung „konkrete Poesie“ oder „Experimentallyrik“ firmiert, aber das Wisser lieber „methodische Dichtung“ nennen würde. Die Synthese aus beiden Gegebenheiten mündete in der Gründung der Zeitschrift Der Pudel, deren Cover von besagtem Tintenklecks geziert wird. Der Pudel erscheint je nach finanziellen Gegebenheiten ihres Gründers und Herausgebers zwei bis vier Mal jährlich. Anfangs, als Daniel Wisser um das Jahr 1994 gemeinsam mit seinem Bruder Florian so etwas wie einen literarisch-künstlerischen Salon in der gemeinsamen Wohnung in Simmering betrieb, erschien die Zeitschrift kopiert und geheftet. Anno 2000 wurde das Erscheinungsbild dann ein wenig auf Vordermann gebracht. Der gebräuchliche Ausdruck „Relaunch“ wäre in diesem Zusammenhang hoffnungslos übertrieben.

Einen „Relaunch“ gibt es bei Lifestyle-Magazinen. Vorbild für den nunmehr gedruckten und broschierten Pudel im A5-Format war hingegen eine Publikation mit dem Titel Ungarische Handelsnormen. Dementsprechend dominiert beim neuen Pudel der sachliche Stil: Der Druck ist schwarz-weiß, die Schrift simpel Times New Roman, die rund 70 Seiten starken Hefte kommen meistens ohne Bilder aus, das Layout weist insgesamt – auf gut wienerisch – keine Spompanadeln auf. Die Zählung begann wieder bei Null.

Bis dato erschienen sechs Ausgaben des Pudels, eine siebente ist in Vorbereitung. Neben dem Herausgeber selbst publizierten AutorInnen wie Gerhard Jaschke – die Eminenz der Wiener Kleinverlagsszene –, Margret Kreidl oder Petra Nachbaur in Wissers Organ. „Es gibt keine klare Blattlinie“, erklärt der Herausgeber. „Der Pudel ist eine Mischung aus einem Publikationsforum, wo ich meine eigenen ‚Altlasten’ veröffentliche, aber wo auch Dinge erscheinen, die ich publizieren möchte. Zum Beispiel Anagramme: Ich selbst schreibe keine Anagramme, aber ich habe mich damit beschäftigt.“

Anagramme und andere Anachronismen

 

Anagramme! – Wie kann man sich im 21. Jahrhundert noch mit Anagrammen beschäftigen?! Das ist doch längst passé!, möchte man ausrufen. Aber Wisser kümmert sich um Anachronismen keinen Deut. Neben dem Pudel mit den Anagrammen gibt es auch ein Heft (Nr. 2), das sich lustvoll der „arte povera“ der Dichtung widmet: dem Zweizeiler. Zweihundertzwei solche Zweizeiler sind im Heft versammelt, etliche mehr hat Wisser auf der Homepage des Pudels, www.derpudel.at, versammelt. Ausgangspunkt war ein alter Reim aus der Wisser’schen Produktion, der folgendermaßen lautet: „Er fastete und fastete / verschmähte Brot und Pastete.“ – Und schon war das Ziel des Heftes klar: Es lautete, leicht hinkende Zweizeiler zu produzieren, die sich nur bei falscher Betonung wirklich reimen. Etliche Autoren beteiligten sich mit Eifer an dem Unterfangen. Die besten wurden zur Veröffentlichung im Pudel ausgewählt und sind dort thematisch gegliedert. Bei 202 Zweizeilern gibt natürlich nicht jeder einen funkelnden Stern am Reimehimmel ab, aber einige dieser Verse sind in der Tat äußerst amüsant zu lesen. Beispiel: „So wie ich den Erwin kenn’ / wird er uns nicht herwinken.“ Oder: „Man erkennt Präsident Klestil / an seinem seltsamen Redestil.“

„Bei diesem Projekt war es interessant, den Reim mit dem Reim zu demontieren“, erzählt Wisser in einem Gespräch nach der Präsentation des Pudels im Frühsommer 2001 im Grazer Forum Stadtpark. Durch die schiefen Reime „löst man einerseits eine Form ein, die man andererseits vollkommen zusammenhaut. Das ist etwas Zweischneidiges. Die Zweizeiler im Pudel sind vor allem zum Lesen. Wenn man sie vorliest, dann gibt es von jedem vier Varianten. Das ist etwas Uraltes: Der Widerstreit zwischen dem geschriebenen Gedicht und dem vorgelesenen Gedicht.“

Lässiger Akademismus

 

Anachronismen und Antagonismen (zwischen Form und Ausführung) – damit sind schon zwei der Merkmale des Pudels, aber auch von Daniel Wissers eigener Dichtung genannt. Als dritter poetischer Zugang wäre noch ein lässiger Akademismus anzubieten. Und darunter kann man Folgendes verstehen: Heft 5 des Pudels bearbeitet unter dem Motto „vokalharmonische Dichtung“ das Thema Lautdichtung. Dabei schießt sich Wisser nicht etwa auf bestimmte Vokale ein, um seinen Sprachschatz daran zu beweisen, dass er 37 Verse lang nur mit dem Vokal a auskommt. Keineswegs. Stattdessen greift er zu einem Modell aus der Sprachwissenschaft, dem Hellwag’schen Vokaldreieck, das die Nachbarschaft der Vokale bei der Lautbildung definiert. Wisser bastelt daraus eine Vokalreihe a-e-i-ü-i-e-a, und arrangiert seine Strophen entlang dieser Reihe. Ist es auch Unsinn, so hat es doch Methode. Nämlich linguistische. Beispiel:

 

ADAM

adam der mensch der die übrigen wesen verlacht

anmaßend hält er sich für die zierde des alls

nascht blasphemisch die üppigen linien evas

hat kaffee in sich türkischer machart Hysterische Systematisierungen

 

Daniel Wisser begann während des Germanistikstudiums in Wien, sich mit Linguistik zu beschäftigen. „Ich habe mich während des Studiums immer mehr von der Literaturwissenschaft entfernt und der Linguistik angenähert“, erzählt er. „Irgendwann hat mir dieses Geschwafel der Literaturwissenschaft gereicht, dieses über Texte nachdenken, das nicht auf ein bestimmtes Feld eingegrenzt ist: Ich finde, das ufert zu sehr aus. Und die Linguistik hat mich dann insofern interessiert, als sie relativ streng ist. Sie versucht Dinge entweder am Lautbild oder am Schriftbild festzumachen.“

In seiner Diplomarbeit beschäftigte er sich mit Ähnlichkeiten in der Textstruktur von Witzen und von konkreten Gedichten. „Ich habe einen Hang zur Systematisierung“, gibt Wisser zu. Und weiter: „Es ist eine hysterische Systematisierung, es geht oft zu weit. Aber ich sehe Formalismus positiv. Nur muss man immer schummeln, damit man irgendwo hinkommt.“

In diesem „Schummeln“ liegt auch der Unterhaltungswert der dichterischen Arbeiten von Daniel Wisser. So artifiziell sein dichterischer Ansatz auch ist: Die Idee geht nicht auf, ohne dass die Reime aus der Bahn laufen oder der Inhalt vollkommen banal wird. Und indem Wisser bewusst mit diesen „Mängeln“ spielt, etabliert er in den Texten eine ironische Ebene, durch die Lesungen und Auftritte von ihm zu einem amüsanten Erlebnis werden. Gemeinsam mit Liese Lyon und Alexander Fleischmann gestaltete er beispielsweise in Wien und Graz einen Liederabend mit dem Titel Ich zünde nachts Italien an ... Und als Mitglied der in Szenekreisen zu Ruhm gelangten Band Erstes Wiener Heimorgelorchester (EWHO) vertonte er einige der im Pudel, Heft 1, versammelten Gedichte aus eigener Produktion. Vom Wisser zum Könner Literaturstaatspreisträger Andreas Okopenko wusste im Nachwort zum ersten Pudel sehr viel Schmeichelhaftes über Wissers Gedichte zu sagen. Okopenko schreibt unter anderem: „Wisser ist ein guter Name. Wenn wir uns, durch das Lesen der Gedichte des Daniel Wisser hier, zu Mit-Wissern dieses Wissers machen, werden wir erkennen, dass dieser Wisser auf dem Weg zum Könner schon ein Stück geschafft hat.“ Und als Begründung führte er aus: „Abgesehen von der latenten Sozialkritik, die in der Hinterfragung und Relativierung der Wörter und Phrasen zu sehen ist, übt Wisser auch thematische Zeitkritik: überzeichnend führt er die verdinglichte und sinnentfremdete Reizüberflutung vor Augen und ad absurdum.“

Science Fiction Texte

 

Heft 6 des Pudels erschien vor wenigen Wochen und beschäftigt sich unter dem Titel „Literatur 2100“ mit der Zukunft der Lyrik. „Auch weitere Hefte wären eigentlich fix, wenn es ein Geld dafür gäbe und wenn die Autoren weiterhin in der Form mitspielen, dass sie für den Abdruck nichts bekommen“, erzählt Wisser. Geplant sind Hefte über Gemeinschaftsromane, über Palindrome sowie eine Sammlung von automatischen, von Computern generierten Gedichten. Dazu Wisser: „Die automatischen Gedichte selbst sind total uninteressant. Was mich interessieren würde, wäre der Quelltext samt Kommentar des Programmierers, wie er an die Problematik herangegangen ist. Wer ein Programm dafür schreibt, wie man Texte macht, muss eine Idee davon haben, wie man einen Text aufbauen sollte. Das wäre das Interessante. Es ist aber sehr schwer da an irgendwelche Menschen heranzukommen und an ihr System. Die wollen meistens nur, dass man ihnen große Datenbanken mit Material liefert.“ Nachsatz mit Blickpunkt auf die Verkaufbarkeit einer solchen herausgeberischen Unternehmung: „Außerdem wäre das ein Projekt, das zwar mir gut gefällt, wo ich aber insgesamt fünf Hefte verkaufe, und der Rest steht dann in meinem Regal.“

Erstes Wiener Heimorgelorchester: Die Affen. Wien: Eigenverlag 1999.
In Kürze erscheint die Single „Gemma Disco“. www.monochrom.at/ewho/