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die leiden des jungen hausmanns

hermann götz | die leiden des jungen hausmanns

Oder von der Schwierigkeit Normalität wider die Norm zu leben

Als ich pickelig, pubertär und brünftig war, galt Selbstzerstörung als fesch. Kurt Cobain war der wohl schillerndeste Vertreter eines derartigen livestyle mit Ablaufdatum. Oder Werner Schwab, der für unsereinen nicht zuletzt ob seines Todes zur Kultfigur geriet. Meine ganz private Selbstzerstörung beschränkte sich in der Regel auf das Verschleißen und Zerreißen von Kleidungsstücken. Zum Glück, wie ich meine. Wenn ich trotzdem behaupte, diese Zeit sei vom Versuch bestimmt gewesen, alles, was zu tun war, heftig zu tun - und sei es nur (wie meistens) heftig nichts zu tun - so ist mir bewusst, dass ich damit nicht mehr beschreibe als die schlichte, pubertäre Normalität.

Es ist auffallend, dass in einem meist eingrenzbaren Lebensabschnitt der erschwerten Selbstdefinition alle bestimmenden Vehikel und Attribute, mit denen wir uns umgeben und identifizieren, so verschieden sie auch auf Grund wechselnder Moden sind, eines gemeinsam haben: Sie müssen heftig sein. Genauso heftig erscheint in Folge dessen der spätere Absturz in die „Normalität“, jener Schritt den Kurt Cobain & Co scheinbar verweigert haben.

Im Allgemeinen ...

Wer sich für diese Normalität entscheidet, das heißt: für ein Dasein als Familienvater/Mutter, Karrierist oder Arbeitsloser, wird zuweilen feststellen, dass auch ein solches Leben seine turbulenten Seiten hat. Die begehrte und allerorten beworbene Freiheit tritt plötzlich auf, wo sie nicht vermutet wurde, der Aufbruch von Strukturen, die als Belastung empfunden wurden, zeugt neue Belastungen, das heißt: Flexibilisierung am Arbeitsmarkt, eine halbfertig stockende oder besser: eine einseitige Emanzipationsbewegung, die ihre Protagonistinnen alleine und damit im Regen stehen lässt oder auch nur die Hilflosigkeit von Jungeltern, die nicht wissen, was sie in der Situation tun sollen, in der ihre Eltern Watschen verteilten.

Es ist zur Zeit eine Mode von „Generationen“ zu sprechen und damit den Lebensstil und die Weltanschauung zu umreißen, die vielleicht ein Jahrzehnt lang von der jeweils führenden, zunehmend jüngeren Schicht der Geschmacksträger propagiert werden. Florian Illies etwa attestiert seiner/unserer „Generation“ - also jenen, die in den 80ern jung waren und jetzt bald nur mehr Junggebliebene sind - eine gründlich zementierte Oberflächlichkeit: „Nicht nur ich“, schreibt er in Generation Golf, „finde die Entscheidung zwischen einer grünen und einer blauen Barbour-Jacke schwieriger als jene zwischen CDU und SPD“. Mit aller Penetranz umreißt er dabei das Lebensgefühl einer Alters- und Bevölkerungsschicht, die vom sozialen bzw. ökonomischen Aufstieg ihrer Eltern weit mehr profitiert hat als von deren längst vertrocknetem politischem Engagement. Von Menschen, die ein Leben lang mit einem Überangebot an Konsumgütern konfrontiert waren und alleine schon deshalb wenig Gelegenheit hatten andere Interessen auszubilden als die eines kompetenten Konsumenten. Der Konsument ist als Subjekt wie als Kollektiv ein gefräßiger Moloch, ein „Verbraucher“, der, um das Wachstum der Wirtschaft zu gewährleisten, mit jedem Tag mehr verbraucht. „I wan' it all, i wan´ it all and I wan´ it now“ intonierte Freddy Mercury auf dem letzten Queen-Album mit der ihm eigenen Inbrunst den Markt-Spruch dieses Daseins. Umgelegt auf die Ausbildung einer Persönlichkeit bedeutet dies jedoch nicht nur alles haben, sondern auch alles sein zu wollen. Oder mit anderen Worten: Die zelebrierte Oberflächlichkeit vermittelt den Eindruck, dass ein Wechsel der Fassade auch einen Wechsel der Identität bedeute. Während wir heftig pubertierten, hat das blendend funktioniert. Ein paar Monate Skater sein, ein paar Monate Raver, ein paar Monate Mode-Punk, ein paar Tage darauf im Anzug erscheinen. Wer „alles ausprobiert hat“, wie es die herrschende Sprachregelung vorschreibt, wer beginnt, sich zu situieren, hat es schon schwerer, denn ein Hauch von Endgültigkeit stellt uns bereits vor das zentrale Problem alles, was wir wollen, (und das ist bekanntlich sehr viel) neben- und nicht hintereinander zu verwirklichen. Was tatsächlich schwierig werden kann: Schließlich wollen wir nicht wie unsere Eltern sein. Aber doch ihren Ansprüchen genügen, was bedeutet: sie, wenn möglich, auch noch nach ihren eigenen Maßstäben übertreffen. Wir wollen unkonventionell sein. Und doch allen Konventionen unserer „Generation“ entsprechen. Wir wollen ungebunden sein und doch eine Beziehung leben; dem Partner Sicherheit vermitteln und ihm doch seine Freiheit lassen; für ihn da sein und doch vor allem für uns selbst; alles haben und doch großzügig sein; alles geben, aber Egoisten sein. Noch bezeichnender als die vielzitierte Oberflächlichkeit ist für unsere „Generation“ wohl jener unersättliche Perfektionismus, der aus dem Versuch erwächst, all das Genannte unter einem Lebenskonzept zu vereinen, das sich schließlich über uns stülpt wie eine Dunstglocke. Schwierig wird dieser Spagat zwischen divergierenden Eigeninteressen, oder besser: dieser alles vereinende, niemals verneinende Kompromiss dann, wenn er von der ästhetischen auf die reale Ebene übertragen werden soll. Ich kann mir eine blaue und eine grüne (und dazu neuerdings auch noch eine schwarze) Barbour-Jacke kaufen, aber ich kann mich nicht selbst zerteilen, um zur selben Zeit in Blau zur Arbeit zu gehen und in Grün mein Kind spazieren zu fahren. Frauen - und Männer -, die verzweifelt versuchen Kind und Karriere, Selbst- und Fremdbestimmung, Emanzipation und Tradition unter einen Hut zu bringen, sind typische Beispiele dafür, wie heftig sich dann der Alltag und die Ansprüche, die er an uns stellt, gestalten können.

... wie im Besonderen

Ich denke etwa an jene Bekannte, die mit achtzehn noch vom Aussteigen träumte, mit neunzehn ihr Reifezeugnis, das heißt: ihren Schulabschluss erwarb und von einer abgebrochenen Interrailreise zwar nicht verliebt, dafür aber schwanger nach Hause kam. Heute ist sie knapp dreißig, alleinstehend, hat zwei Kinder von zwei Männern, von denen nur einer Alimente zahlt, eine profunde Ausbildung und einen Vierzig-Stunden-Job, um ihre Familie erhalten zu können. Wenn sie von der Arbeit nach Hause fährt, sammelt sie ihren Nachwuchs von verschiedenen Betreuungsplätzen ein, bekocht die hungrigen, meist überdrehten Kinder, mutiert zur Mustermutter, die Bilderbücher wälzt und heiße Schokolade kocht, weil ihr ein anerzogenes Frauengewissen sagt, dass sie sonst ein schlechter Mensch sei. Sind die beiden im Bett, muss sie den Haushalt versorgen und zuletzt sich selbst. Das bedeutet Beziehungsarbeit. Denn ihr Freund, oder besser: ihr Liebhaber steht zwar auf unabhängige Frauen, doch freut es ihn auch nicht, wenn er mit samt seiner Verliebtheit gänzlich vernachlässigt wird. Ein solcher Alltag repräsentiert für meine Bekannte bereits einen erheblichen Fortschritt. Wirklich schlimm sah es aus, als die Kinder noch klein waren, nicht abgegeben werden konnten und meine Bekannte als Stillende unter der Zuhilfenahme von Großmüttern, Koffein und Schlaftabletten versuchte, durch sogenannte „Heimarbeit“ einen Karriereknick zu verhindern, der die kleine Familie auch finanziell empfindlich getroffen hätte. Hier fand sie nur wenige Jahre nach ihren Aussteigerträumen zu jener Selbstzerstörung, die auch sie als Pubertierende genüsslich geprobt hatte. Sie sah aus, als wäre sie heroinabhängig, und erreichte zum ersten und letzten Mal im Leben ihr Wunschgewicht. Für Frauen wie meine Bekannte wäre ein Begriff wie „Emanzipationsverliererinnen“ zu prägen. Was an Freiheiten gewonnen, an geschlechtsbedingten Diskriminierungen bereits aus dem Weg geräumt wurde, fällt ihnen als Zweifach- und Dreifachbelastung auf den Kopf, oder besser: in den Rücken. Das ist im übrigen keine sehr neue Erkenntnis. Eine Veränderung, eine Verbesserung ihres Lebens ist für meine Bekannte trotzdem nicht in Sicht. Da hilft kein Kindergeld. Und auch kein Power-Frauen-Image.

Nicht, dass meine Bekannte glücklich gewesen wäre, wenn sie als Hausfrau für Kinder, Heim und Herd hätte leben dürfen. Ganz im Gegenteil. Aber in mancher schwachen Nacht wünscht sie sich einen zweiten erwachsenen Menschen in ihrem Haushalt. Vielleicht sogar einen Mann. Einen, der ihr Kinder, Haus und Herd versorgt, während sie arbeitet. Das wäre ideal. Sie fragt sich, weshalb es so schwer ist so einen „Hausmann“ zu finden. Das heißt: Sie fragt sich gar nichts, weil sie genau weiß, dass dieser Hausmann erst geboren und vor allem: erzogen werden müsste. So zumindest - oder so ähnlich - steht es in der Allegra zu lesen, die sich auf ihrer Toilette stapelt. Ganz recht hat meine Allegra lesende Bekannte jedoch nicht. Erzogen wurde jener potentielle Hausmann bereits, den sie ersehnt, abgerichtet von einer meist emanzipierten, oft alleinerziehenden Müttergeneration, die ihm ein Selbstverständnis beigebracht hat, wo dazugehört, dass Männer Kochen und Abwaschen, Kinder zeugen und wickeln und auch in Karenz gehen können. Die soziale Realität, mit der solcherart herangewachsene Jungmänner konfrontiert sind, versetzt sie jedoch, sobald sie sich daran versuchen ihrer hausmännlichen Sendung zu folgen, in eine mit der Situation meiner Bekannten fast vergleichbare, weil spiegelgleiche Lage.

Schnullis

 

Das entscheidende Problem, das einer tatsächlichen Gleichstellung von Mann und Frau noch immer im Wege steht, ist bekanntermaßen der Nachwuchs. Frauen, die es mit Beruf und Karriere ernst meinen und trotzdem Mütter werden, sind fast ausnahmslos einer Doppelbelastung ausgesetzt. Und noch immer ist da dieser gesellschaftliche Druck, das Bild von der „Rabenmutter“, die „karrieregeil das Wohl der Familie gefährdet“. Selbst Frauen, die solche Sätze nie zu hören bekamen, haben allzu oft ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihre Kinder erst am Abend zu Gesicht bekommen. Männer, die in Karenz gehen, Teilzeitjobs versehen, um ihre Frauen zu entlasten oder gar überhaupt zu Hause bleiben, stehen vor einem ähnlichen Rechtfertigungsproblem. Auch sie müssen gegen ein ihnen allseits vermitteltes Manns-Bild ankämpfen, das ihnen ein schlechtes Gewissen, oder besser: ein wackeliges Selbstbewusstsein aufdrängt. Nicht zufällig bezeichnen sich zu Hause gebliebene Familienväter lieber als Ewigstudenten, Arbeitslose oder Lebenskünstler denn als Hausmänner. Wer sich mit diesen Ersatzkategorien nicht anfreunden kann, bemüht sich nach Kräften - und ganz im Sinne unserer als unersättlichen charakterisierten „Generation“ - trotz allem Engagement für Kinder und Haushalt sein Studium schnell und erfolgreich zu beenden, Karriere zu machen, ein Haus zu bauen, sein Leben - wie es so schön heißt - selbst zu meistern oder gar: in die Hand zu nehmen. Der Hausmann muss sich vor seinem Umfeld scheinbar erst als Mann beweisen. Warum eigentlich? In Die Identität, einem seiner letzten Romane, hat Milan Kundera, Parademacho unter den zeitgenössischen Literaten, den zögernden Veränderungen des Männerbildes ein sprachliches Denkmal gesetzt. Der „Papaisierung“ der Männer. Männer sind keine Lover mehr. Und auch keine Väter. Sie sind zu Papas mutiert. Kinderwägen schiebend hasten sie durch den Tag, zudem mit Babys behängt, die sich schreiend in Tragetüchern und Tragetaschen winden. Wie Kinderbäume sehen sie aus, wie androgyne Sorgfaltspuppen, die stets ängstlich bemüht sind die kleinen anhänglichen Lebewesen mit Windeln, Häubchen und Rotzfetzen zu versorgen. Wobei sie ganz darauf vergessen sich nach fremden Frauen umzudrehen. So Kundera. Nichts ist scheinbar so wenig sexy wie ein Papa oder Hausmann. Unrasiert und unfrisiert läuft er an den Frauen vorbei, verstellt sein männliches Organ zu einem kindhaft weichlichen Lispeln und versteckt den Neidbauch, den er sich während der Schwangerschaft seiner Partnerin angefressen hat, unter schlabbrigen Gewändern, die aus der Zeit stammen müssen, wo er sich noch um Mode gekümmert hat. Er duftet nach Kinderkacke und Abwaschfetzen und stapelt Klopapier oder Babywindeln auf dem Buggy. „Schnullis“, wurden solche Männer vor einiger Zeit in der Kleinen Zeitung genannt, wo im Übrigen die höchst erfolgreichen Notizen eines Vaters deutlich illustrieren, wie Vaterschaft hier und jetzt - noch immer - auszusehen hat: Georg Hofmann-Wellenhof, der Autor der Kolumne, ist erstens Gymnasialprofessor, zweitens Fußballtrainer, drittens Reserveoffizier und verwendet viertens seine wohl spärliche Freizeit, um Sonntagskolumnen über sein Vater-Sein zu verfassen. „Schnullis“. Das hört sich sehr treffend an. Weil es einen sozialen Konsens widerspiegelt, der weiterhin nach traditionellen Rollenschemata verlangt, anders Gestricktes wenn nicht ideologisch, so doch zumindest ästhetisch verdammt.

Auslaufmodell Hausmann

Tatsächlich hat die Emanzipation dazu geführt, dass endlich auch Frauen in prestigeträchtige, männlich dominierte Bereiche drängen. Die einstigen Domänen der Frauen wurden dadurch nicht aufgewertet. Hausarbeit und Säuglingsbetreuung rangieren an den letzten Plätzen in der Imageskala der Berufe. Kein Wunder: Es gibt keine Arbeit, die längst etablierten Werten wie Freiheit, Autonomie, Mobilität und Flexibilität so sehr widerspricht wie das häuslich familiäre Totalmanagement: Totale Abhängigkeit und Fremdbestimmung, dafür keine Karriereperspektiven, keine Freizeit, kein Privatleben und vor allem: Kein eigenes Geld. Wer seinen Lebensrhythmus dem seiner Kinder unterordnet, Heim und Herd versorgt, wird von erfolgreichen Mitmenschen bestimmt nie beneidet werden. Höchstens belächelt. Egal ob Mann oder Frau. Und wer das Image des frustrierten Stubenhockers vor sich herträgt, erscheint als Partner ebenfalls nicht sehr attraktiv. Auch das sind keine Neuheiten. Und doch wird sich so bald nichts daran ändern. Der Hausmann ist keine Alternative. Er ist vielmehr der Aufguss eines Auslaufmodells. Gleichstellung der Geschlechter bedeutet in der zunehmend jobfixierten Realität, dass die pensionierten Großeltern einspringen, wenn ein Nachwuchs durch die Baby- und Kleinkinderjahre gebracht werden soll. Stehen solche nicht zur Verfügung, müssen sich oft genug beide Partner einer Doppelbelastung aussetzen. Besonders dann, wenn sie sich sehr fern von einem pragmatisierten Beamtenstatus befinden.

Der Wunschtraum, sich Betreuung und Erziehung der Kinder 50:50 aufzuteilen, um die Kinder wirklich zu zweit aufzuziehen und zugleich ganz ungebremst am Arbeitsmarkt reüssieren zu können, gerät zum Alptraum, wenn mann und frau keine Kompromisse kennen, nicht verzichten können. Und verzichten können liegt, wie anfangs angedeutet, nicht im Wesen unserer „Generation“. Das Potential an Spannungen und Konflikten, die sich so zwischen dem Mikrokosmos „Beziehung“ und dem Makrokosmos „Gesellschaft“ ergeben und folgerichtig auch von außen nach innen, vom sozialen in den privaten Bereich getragen werden, kann dann wirklich heftig sein (um abschließend noch einmal am Thema zu streifen). Als ich pickelig, pubertär und brünftig war, hätte ich mir unmöglich vorstellen können, dass ich eines Tages hingebungsvoll zum Klang von Walgesängen auf einem Gymnastikball hopsen würde. Aber was tun, wenn das Baby, das du im Arm hältst, bei jeder anderen Behandlung sein Geschrei fortsetzt? - Und dann läutet auch noch das Telefon. Da niemand sonst zu Hause ist, hebe ich ab, weil ich noch immer nicht im Stande bin, ein Telefon einfach läuten zu lassen. Nach wenigen Sätzen beginnt das Baby erwartungsgemäß zu brüllen. Der Freund auf der anderen Seite der Leitung (der sehr gut über meine Lebensumstände im Bilde ist) artikuliert hörbar betroffen einen missglückten Ausdruck von Mitgefühl: Ach bist du gerade beim Babysitten? Nein, sage ich, ich bin der Vater. Hast du schon einmal eine Mutter gefragt, ob sie ihr Baby „sittet“? Das Schweigen auf der anderen Seite der Leitung scheint nicht von Verständnis zu zeugen.