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durch den tag fährt mein langes gehirn

Matthias Göritz hat den Puls der Großstadt in den Adern


Matthias Göritz: Loops. Gedichte.

Wien: Droschl 2001

Rezensiert von: helwig brunner


Matthias Göritz, in Hamburg lebender Philosoph, Literaturwissenschafter und Übersetzer, hat bisher in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht und, so darf vermutet werden, über die manuskripte seinen Weg zum Literaturverlag Droschl gefunden. Längere Aufenthalte in Moskau, Paris und Chicago liefern den großstädtischen Hintergrund seiner Gedichte. Tag und Nacht, Schweiß und Regen, Straßen, Busse und Stiegenhäuser – in immer ähnlichen, immer neuen Shortcuts flimmernder Urbanität ziehen Göritz´ Gedichte in sorgfältigen Schleifen (loops) die Spuren des Alltäglichen nach. In einer unaufdringlichen, wohltuend unpathetischen Weise ist das lyrische Ich damit beschäftigt, wach und durchlässig seinen Weg durch das untrennbar verwobene Dickicht äußerer Eindrücke und innerer Befindlichkeiten zu gehen.

Nicht immer finden diese Versuche fortwährender Verortung, Entgrenzung und Selbstdefinition poetisch befriedigende Lösungen. Verse wie „Der Verkehr in meinem Kopf / und der Straßenverkehr / verbinden sich“ oder „In der Nacht gehe ich allein / durch die Schatten der Straße“ schaffen den Absprung vom Notizbuch ins Gedicht nicht wirklich. Auch manche Metaphern wie das „Schachbrett der Straßen“ und Vergleiche – „Vögel hängen / wie Fragezeichen in der Luft“ – wirken nicht gerade wie neu geboren. Sie führen den Text gelegentlich in eine biedere Beengtheit, die zwar sicherlich in jeder Großstadt die eine oder andere Nische besetzt, aber wohl kaum zu den angestrebten Textmerkmalen zählen dürfte. Ein relativ langer Entstehungszeitraum – die Gedichte wurden im Lauf der 90er Jahre geschrieben – bedingt zudem eine Uneinheitlichkeit der Texte, die manchmal belebend, mehrheitlich aber eher störend in Erscheinung tritt. Immer wieder gelingen Göritz aber – und hier schlägt die garstige Kritik in hohes Lob um – herrlich lakonische Statements, die sich um ein entscheidendes Quäntchen von den eben angeprangerten Platitüden abheben. „Hier sitze ich / und werde einen ganzen Tag lang / Abend“ oder „Ich gehe ans Fenster / und werde ein schöner Abend“ – Sätze wie diese (auch hier in einer schleifenartigen Wiederkehr des Ähnlichen) bringen die Verwobenheit des lyrisch erzählenden Ich mit seinem tagein, tagaus dahinströmenden Umfeld auf einen ruhenden Punkt. In täglich neuer Verstörung und Haltsuche spricht der Autor sich (und dem Leser) Mut zu: „Ein Mund schnappt über mir / Keine Angst er heißt Himmel“. Bisweilen klingen kontrastierend zärtlich-zarte Töne an, die aus dem städtischen Begriffsfeld ausbrechen: „Licht, wie die goldne Giraffe des Glücks“.

Wem es behagt, den urbanen Alltag in lyrischen Notizen beschrieben zu finden, aus denen – ganz wie im richtigen Leben – nur hier und da ein Spotlight, ein poetischer Flash hervorblitzt, dem können diese Gedichte durchaus gefallen. Wer hingegen einen Lyrikzyklus als Verkettung sprachlicher Umstände liest, die nicht stärker sein kann als ihr schwächstes Glied, dem empfehle ich, sein großstädtisches Lyrikglück lieber bei Allen Ginsberg zu suchen.

helwig brunner Matthias Göritz: Loops. Gedichte. Graz, Wien: Droschl 2001.