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eine bruchstelle, gekittet?

An Peter Truschners Prosadebut wird eine Frage geknüpft


Peter Truschner: Schlangenkind

Wien, Zsolnay 2001

Rezensiert von: hannes luxbacher


Wie weit kann das Bedürfnis, den „banalen“ Entwürfen des Alltags eine eigene, ästhetisierende Variante entgegenzuhalten, eigentlich gehen, ohne dabei Fragen aufzuwerfen?

Mit "Schlangenkind" legt der in Klagenfurt geborene, mittlerweile in Berlin lebende Mittdreißiger Peter Truschner sein Romandebüt vor. Ein Debüt, dass sich wie eine autobiographische Annäherung an die Kindheit des Autors, insbesondere an die zentralen Figuren Großvater, Großmutter und Mutter liest. Und schnell ist, wie am Schutzumschlag geschehen, der Verweis auf das in der österreichischen Literatur immer wieder zentrale Thema „Heranwachsen in der Hölle der Provinz“ getan. Und sofort wird ein neuer österreichischer Erzähler ausgerufen. Der Mechanismus jedenfalls funktioniert bestens. Dennoch bleibt beim Rezensenten etwas Skepsis, denn wenn Peter Turrini in seinem Begleitwort zum Roman schreibt, dass hier einer ist, der dem Realismus seine unverwechselbare Poesie hinzufügt, dann stellt sich eben die Eingangsfrage. Das Heranwachsen im Kärntner Dorf, bei den Großeltern – die Mutter versucht ihr Leben nach der Scheidung von ihrem zuhälterischen Mann in Salzburg neu zu ordnen –, dem rauen Großvater und einer Großmutter, die dem ignoranten Verhalten ihres Mannes nicht wirklich etwas entgegenzusetzen hat und schließlich, nachdem die Mutter den mittlerweile Jugendlichen zu sich nach Salzburg geholt hat, nach jahrelangem Siechtum, halbseitiger Lähmung und keiner Pflege stirbt, die Jugendphase in der Stadt, das alles führt Truschner zwar ohne inhaltliche Romantizismen aus, dennoch entsteht so etwas wie eine Bruchstelle. Weil nämlich Truschner dem Räudigen der Geschehnisse mit einer Poetisierung kontert, die eine gewisse Distanznahme zum Wahrgenommenen befördert. Das ist auch der Grund, warum man in der Folge dem Autor, vielmehr der sich anbietenden Kategorisierung bezüglich Textgattung – Autobiographie –, nicht ganz traut. Bei Josef Winkler etwa, einem Autor, auf den in den mittlerweile vielzähligen Rezensionen zu diesem Buch immer wieder verwiesen wird, trat das Ungeheure ganz unvermittelt und blank liegend hervor, bei Norbert Gstrein, einem zweiten Verweisfixpunkt, kappte die Kurz- und Bündigkeit alle schönfärberischen Metamorphosen und bei den Vorläufern, z.B. Anna Mitgutsch, Franz Innerhofer, Gernot Wolfgruber, hatte alles ohnedies mehr von einem Befreiungsschlag als hier. Denn: Truschner schreibt aus einer reflektierten Perspektive, hier muss nichts mehr wirklich aufgearbeitet werden, das hat das Erzähler-Ich schon hinter sich gebracht. Dass der Text sodann eher weniger mit einem Befreiungsakt zu tun hat, liegt schlichtweg daran, dass die über das Beschriebene gestülpte Poetisierung dem Inhalt eine Form von Eindringlichkeit anpasst, die jedenfalls distanzierter ist, als es das Bild des Schlangenkindes andeutet. Das einzige Mal nämlich, wo im Text von Schlangen gesprochen wird, werden diese auf den Straßen von Autos plattgewalzt. Diesem drastischen inhaltlichen Bild steht jedoch besagte Poetisierung der Form gegenüber. Auch wenn der Stoff nach wie vor solche Inhalte hergibt, auch wenn Truschners Sprache dafür originär ist, die Frage bleibt: Ab wann stehen Inhalt und Form einander im Wege?