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es wird alles zuwachsen

colette m. schmidt | es wird alles zuwachsen

Eine Begegnung mit der Autorin Waris Dirie

Es kommt relativ selten vor, dass ich mich mit hunderten Frauen in einem Raum befinde. Mit hunderten von Frauen und Männern, das ist nichts Seltenes. Mit hunderten Männern saß ich zuletzt als einzige Frau in einem Fußballstadion in Sarajevo. „Man“ fühlt sich da als Frau nicht gerade pudelwohl, aber was tut man nicht alles für einen guten Kick. Vielleicht hab ich mit Massenansammlungen an sich ein Problem, aber gemischtgeschlechtlich finde ich sie noch vergleichsweise angenehm, was jede meiner feministischen Überzeugungen nicht gerade untermauert. Zurück zu den Frauen. „Man“ könnte sich denken, es wäre eine feierlich weibliche Stimmung, wenn man sich mit einer Hundertschaft Schwestern - ich unterschlage nun vereinzelte männliche Wesen, die sich unter die Masse gemischt hatten, da ich ihren Einfluss auf die Stimmung für vernachlässigbar halte - in einem großen, barocken Saal befindet. An einem Abend im vergangenen Herbst saß ich also in einem mit bewusster Weiblichkeit voll gefüllten Saal, feierlich fand ich das aber gar nicht.

Anlässlich des Besuchs der Autorin der Wüstenblume, Waris Dirie, kamen über 500 Frauen in den großen Saal der Grazer Minoriten. Ein Mann, Christian Wabl von der Grünen Akademie, hatte Dirie eingeladen. Und da war sie. Stand in einem überfüllten Raum, wo jeder Stuhl, jede Fensterbank und auch jede Bodenfliese besetzt war. Besetzt von Menschen, die Dirie hören wollten. Die meisten hatten wohl das Buch über die Rituale genitaler Verstümmelungen an afrikanischen Mädchen gelesen, in dem Dirie auch ihre eigene, ganz persönliche Geschichte verarbeitet hat. Jetzt saßen alle da und waren auf die faszinierende Frau, die hinter der Wüstenblume steckt, gespannt. Eine Frau, die es vom Nomadenmädchen aus der somalischen Wüste zum Topmodel in den großen Modemetropolen gebracht hatte. Eine Entwicklung, die auch an diesem Abend von vielen als großartige Bewegung in Richtung Wohlstand und Freiheit betrachtet wurde. Nicht von Dirie, wie ich schon ahnte - und später noch genauer erfahren konnte.

Die Frauen im Saal kamen direkt aus ihren Büros, aus Vorlesungen, einige von ihrer Familie, der sie noch schnell das Essen gewärmt hatten, die allermeisten waren weiß.

Waris Dirie verbrachte den Tag in ständiger Bewegung. Unter anderem hielt sie Vorträge vor Teenagern an zwei verschiedenen Grazer Gymnasien. Außerdem hoffte sie ihr Gepäck zu bekommen, das irgendwo unterwegs hängen geblieben war. Am Abend war sie einfach nur müde. Sie sah sehr zerbrechlich und erschöpft aus. Ihre ständige Begleiterin auf Reisen und im Leben nickte ihr einige Male aufmunternd zu. Als Dirie das Podium betrat und die enorme Ansammlung Grazer Fans erblickte, schien sie zu erschrecken.

Ihre Fans waren voller Erwartung und wollten - niemand könnte ihnen das übel nehmen -, noch einmal die märchenhafte Geschichte des afrikanischen Aschenputtel hören. Sich berieseln lassen von Geschichten, die mit ihrem eigenen Leben nicht viel zu tun haben, aber diesem Abend doch den besonderen Kick geben würden. Vor allem, wenn man die Aussicht darauf hat, mit Erkenntnissen wie „Frauen schaffen alles“ oder „Black is really beautiful“ oder „kommt von irgendwo ein Lichtlein her“ heimgehen kann. Waris Dirie sagt allerdings schon nach einigen Minuten, dass sie nicht besonders viel Lust hat, zum x-ten Mal ihre hinlänglich bekannte Lebensgeschichte zu erzählen und eigentlich sehr gerne etwas über die Frauen im Saal erfahren würde. Etwas über das Leben der österreichischen Frauen, was sie bewegt etc. Die Antwort ist ein Schweigen, das in einer derartigen Fülle noch wortloser ist als das Schweigen einer Einzelnen. (Meinen kleinen Beitrag an dieser Stille leiste ich natürlich mit.) Und getragen wird das Schweigen von ziemlich ratlosen Gesichtern. Damit hat niemand gerechnet. Wer will schon über das eigene Leben erzählen, noch dazu vor so vielen Fremden? Keine - und Waris Dirie auch nicht.

Na gut, Waris hat CDs mitgebracht. Sie würde gerne mit allen tanzen und Champagner trinken, sagt sie. Das Glück am Leben zu sein gebührend feiern. Ich sitze in einem riesigen, alten, zugigen Fenster neben der Bühne, meine Nieren arbeiten an einer Verkühlung. Gegen Musik und Champagner hätte ich jetzt nichts. Aber beim Gedanken, dass diese Masse auf engstem Raum zu tanzen beginnt, wird mir bang ums Herz. Außerdem bezweifle ich, dass man im Buffet der Minoriten Champagner in derartig großen Mengen vorrätig hat.

Meine Gedanken sind sinnlos, denn Ms Dirie muss bald erkennen, dass hier heute Abend ernst gemacht wird, ob sie Lust hat oder nicht. Eine kompetente Wissenschafterin, die über genitale Verstümmelungen gearbeitet hat, sitzt mit am Podium und auch die Dolmetscherin will jede noch so bauchlastige Silbe von Waris Dirie in lange, verschachtelte, viel zu deutsche Sätze umbauen, wobei ihr die 500 Zuhörerinnen geduldig zusehen. Auch Diries Wunsch, doch einfach unübersetzt Englisch sprechen dürfen, da sie am Lachen der Frauen zu erkennen glaubt, dass die meisten sie ohnehin verstehen, verhallt unter malerischen Deckenfresken. Jeder Schnaufer wird übersetzt. Die Veranstaltung bekommt dadurch mindestens noch eine dritte Halbzeit und Dirie sieht von Minute zu Minute müder aus, bleibt aber freundlich und erzählt - once again - ihre Geschichte. Sie erzählt von einer wunderschönen, sorgenfreien Kindheit in Somalia, von Nächten unter dem Sternenhimmel, von ihrer liebevollen Mutter und schließlich vom abrupten Ende dieser Zeit, an die sie sich rückblickend als „einzige wirklich freie Periode ihres Lebens“ erinnert. Waris Dirie wurde als junges Mädchen eines von vielen Opfern eines der brutalsten Rituale an Frauen: der Genitalverstümmelung, vielerorts verharmlosend auch als „Beschneidung“ bezeichnet, was den grausamen Eingriff, an dessen Folgen Frauen oft lebenslang leiden, nicht annähernd erfassen kann.

„Meine Mutter musste es tun, sie hatte keine Wahl. Eine Frau, die das nicht über sich ergehen lässt, bekommt später keinen Mann.“ Ein Verlust, den Dirie bis heute nicht als besonders schmerzlich einstuft. Denn gerade die durch ihre Eltern wenig später für sie getroffene Gattenwahl war für das junge Mädchen entgültig ausschlaggebend, aus ihrer Heimat ins unbekannte Europa zu fliehen. Dirie: „Er war ein Greis und ich konnte nicht glauben, dass meine Eltern ihn für mich ausgesucht hatten. In der Nacht bevor ich wegging, wusste meine Mutter, was ich vorhatte und sie schwieg. Obwohl es bei uns zuhause geradezu unmöglich ist, dem Vater gegenüber ungehorsam zu sein, glaube ich, dass meine Mutter mich im Innersten verstanden hat.“

Durch einen Verwandten konnte Dirie nach London auswandern, wo sie als Hausmädchen arbeitete. In London begann dann auch ihre rasante Karriere als Model.

Als Dirie das Buch Wüstenblume veröffentlichte, löste sie eine weltweite Diskussion über die Verstümmelung von Frauen aus. Dass bei dieser Diskussion oft Afrika allein schlecht wegkommt und der Eindruck entsteht, in der westlichen Kultur wäre die Freiheit für Frauen Realität, störte Waris Dirie von Anfang an. Sie denkt global und will auch das Problem der Unterdrückung der Frauen als ein globales verstanden wissen. Eine andere Kultur darf Ungerechtigkeit nicht rechtfertigen.

In den Minoriten geht es trotz Anlaufschwierigkeiten dann doch heiß her: Ein bisschen reden die Frauen im Publikum auch mit Waris Dirie. Eine Frau redet auch ein bisschen mit mir. Ich habe mich auf den Boden neben ein Klavier gesetzt, sie sitzt neben mir, sie ist Österreicherin. Sie erzählt mir von ihrem Mann, er ist Afrikaner. Sie sagt: „Wenn wir ein Mädchen hätten, dann würde er das auch wollen.“ Ich staune, weil sie mir das recht unaufgeregt erzählt. Sie sagt: „Da kann man nicht drüber reden mit ihm.“ Das erinnert mich an Phrasen, die meine Großmütter wohl verwendet haben, doch die Frau ist höchstens zwei Jahre älter als ich. Ich sage: „Ob ich meine Töchter verstümmeln lassen würde, darüber würde ich auch nicht reden, was soll das? Einen gewissen minimalen Grundkonsens brauch ich schon in einer Beziehung.“ Sie sagt leicht phlegmatisch: „Das ist ein völlig anderer Kulturkreis. Er ist halt ganz anders aufgewachsen.“ Ich denke mir: „Mein Opa ist auch völlig anders aufgewachsen.“ Aber ich sag nichts mehr, weil ich Wut in mir aufsteigen spüre, irgendwo zwischen den Nieren aus einer Region meines Bauches, die sich nur in ganz bestimmten Situationen bemerkbar macht. Was, wenn es irgendwo - und das gibt es ja - üblich ist, Frauen umzubringen?! Bin ich dann intolerant, wenn ich sage, ich finde diesen Teil eurer Kultur indiskutabel? Könnte ich mit jemandem leben, der davon überzeugt ist, dass man Frauen gegen ihren Willen weh tun darf? Ist irgendeine Liebe oder Beziehung dieser Welt diesen Preis wert?

Die Wissenschafterin am Podium erzählt unterdessen von Österreicherinnen, die sich auf Wunsch ihres Partners ebenfalls die Klitoris, salopp formuliert, herrichten lassen. Sie erzählt von einem Wiener Gynäkologen, der solche Eingriffe vornahm, der Fall war in der Presse. Mir wird übel, ich hoffe, dass die Veranstaltung bald vorbei ist und ich Waris Dirie allein sprechen kann. Die Journalistin in mir streitet mit dem Teil in mir, der nicht Journalistin ist. Diese Frau ist müde, ich kann sie jetzt nicht auch noch belästigen.

Es ist vorbei, und eine Traube von zig Frauen umzingelt Dirie mit zu signierenden Büchern. Ich will nicht mehr. Meine Töchter warten sicher auf mich, weil sie die Babysitterin mal wieder zu 15 Gutenachtgeschichten überredet haben, anstatt wie ausgemacht schlafen zu gehen. Mit dem auch schon erschöpften Christian Wabl vereinbare ich, ihn morgen anzurufen, um einen Interviewtermin mit Waris für mein Stammblatt, den Standard, zu bekommen.

„Beim Frühstück im Hotel oder so“, schlage ich vor, er lächelt verzweifelt. „Sie ist recht ... unberechenbar“, meint er vorsichtig. Am nächsten Morgen klappt es aber, Wabl-sei-innigster-Dank, doch. Er sagt mir: „Aber sie will höchstens zehn Minuten, sie ist sehr müde.“ Um zwölf Uhr stelle ich mein Rad abgehetzt vor dem Hotel ab. In dem Wintergarten, der aus dem alten Haus heraus auf die Straße wächst, sehe ich Waris Dirie alleine sitzen. Sie scheint in die Luft zu schauen. Ihre Laune ist nicht die beste, das ahne ich.

Ich gehe zu ihrem Tisch und stelle mich ihr vor. Sie fragt mich nach meinem Leben und woher ich so abgehetzt komme. Ich erzähle. Sie lacht mehr und mehr und fängt auch an zu erzählen. Von ihrem vierjährigen Sohn, dessen Name übersetzt „stark wie ein Löwe heißt“, von der absoluten Abstinenz seines Vaters - „er hat nicht einmal eine einzige Windel für das Kind gekauft.“ Nicht zu allen, aber leider zu den meisten Männern, die sie getroffen hat, wäre wenig zu sagen, außer: „Where ever they are, they leave a mess.“

Egal, welches Thema wir anschneiden, ob es Religionen sind, Kriege oder ihr Job als Sonderbotschafterin der UNO, Waris Dirie hat ein Weltbild, dass einfach an allen Ecken zusammenpasst. Ohne jemals laut zu werden, spricht sie mit einer Kraft, der man sich schwer entziehen kann. Von zwei sehr unterschiedlichen Seiten hat sie die Welt gesehen, in keiner Tradition oder Kultur ist sie hängen geblieben, hat sie sich einengen lassen. Als junges Mädchen hat sie sich gegen scheinbar übermächtige Zwänge gewehrt, und ihr Gerechtigkeitssinn und ihr Drang nach wirklicher Freiheit sind ungebrochen.

„Ich glaube, dass fast keine Frau der Welt heute die absolute Freiheit kennt. Denn wenn eine jemals dort gewesen wäre, wäre sie wohl niemals zurückgekommen.“

In Afrika wollte man ihr vorschreiben, wen sie heiraten sollte, im Westen landete Dirie in einer Diktatur der Schönheit. Als Topmodel weiß sie, welchen Zwängen die Frauen in der „freien Welt“ unterliegen. Mit den üblichen Themen wie Einkommensschere, Kinder und Karriere, etc. ist es nicht getan. Das kann man ja im besten Fall mit dem besten Mann und den besten Gesetzen alles regeln. „Aber die Frauen hier tragen doch auch ihren Schleier. Du kannst nicht außer Haus gehen ohne dein Gesicht in Ordnung zu bringen oder in unbequeme Schuhe zu schlüpfen“, sagt die ungeschminkte Schönheit, die mir gegenübersitzt. Und: „Wie viele Frauen lassen sich an ihrem Körper operieren, um scheinbare Schönheit zu erreichen. Nichts kannst du in Wirklichkeit ohne Sex verkaufen. Die Werbung ist voll von nackten Frauen. Und sie müssen funktionieren und gute Frauen sein, oder das, was sich Männer darunter vorstellen.“

Die Unterdrückung von so genannten Minderheiten, die keine sind, erlebt Waris Dirie selbst heute noch, täglich im Doppelpack. „Ich kann reich sein, UNO-Sonderbotschafterin, ich werde doch immer nur eine schwarze Frau bleiben. Ich werde in Ämtern ignoriert, ich werde übersehen.“

Waris Dirie wohnt ein fatalistischer Optimismus inne. Sie ist überzeugt, dass eine große Veränderung im Gange ist, und das Matriarchat sich aufmacht, um zurückzukehren. „Jahrtausende hat man Frauen eingesperrt, verstümmelt und verschleiert, weil die Männer Angst vor ihrer Macht haben. Aber das Patriarchat macht sich durch diese einseitige Beherrschung der Welt langsam selbst kaputt. Durch Kriege, durch die Zerstörung der Mutter Erde.“

Wenn es aber zu spät sei, wenn wir es nicht mehr schaffen, macht das auch nichts, denn „die Natur wird schließlich siegen, wir werden uns vielleicht ausrotten, aber die wunderschöne Natur wird sich erholen und alles überleben. Es wird alles wieder zuwachsen.“

Aus den zehn Minuten waren etwa 90 Minuten geworden. Während dieser Zeit habe ich für Waris etwa dreimal einen Orangensaft zu ihrem Essen bestellt, doch er kam nie. Die Kellner bedienten alle Tische um uns herum, und ich fragte mich dauernd, ob das ein Zufall war. In einem teuren Hotel, mit lauter weißen Gästen. Oder ob ich paranoid sei, und ob ich jemals begreifen würde, wie sie lebt. Ich ärgerte mich, aber sie winkte ab, das sei nichts. Sie könne seit Wochen nicht in ihre New Yorker Wohnung zurück, weil man ihr in London keinen neuen Pass ausstellte. Sie, die Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen, deren hübsches Gesicht man gekauft habe, hänge mit ihrem kleinen Sohn seit Wochen in Europa fest. Außerdem habe sie jetzt immerhin gut gegessen. „Als ich gestern sehr hungrig im Hotel ankam, sagte man mir, die Küche ist geschlossen. Ich wollte nur ein Sandwich auf mein Zimmer haben, das war nicht möglich.“

P.S.: Vor wenigen Wochen ist Waris Diries neues Buch "Nomadentochter" im Verlag Blanvalet erschienen. Es handelt von ihrem ersten Besuch in Somalia nach dem Krieg.