schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 07 - heftig graz im gegenlicht
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/07-heftig/graz-im-gegenlicht

graz im gegenlicht

birgit pölzl | graz im gegenlicht

Ein essayistischer Monolog

Grazerin, tendenziell ironisch, einige Heftigkeitsmomente:

Ich bin das, was man intellektuell nennt. Selbstverständlich nicht nur intellektuell, ich habe auch andere Qualitäten, ich bin zum Beispiel ein harmonischer Typ. Aber das ist in Graz synonym. In Graz sind alle Intellektuellen und die, die es sein wollen, ausgesprochen harmonische Typen. Deshalb fügt sich hier die Intellektualität so gut ein, deshalb gibt es ein Miteinander in Graz. (Heftig.) Man kann auch sagen: Alle arrangieren sich hier, man kann auch sagen: hier regiert die vorgehaltene Hand. Ein Grazer, der sich nicht arrangiert ist kein Grazer. Das gilt selbstverständlich auch für die Intellektuellen in Graz. Was ist Diskurs? Entschuldigung, was ist Öffentlichkeit? Sorry, wissen wir nicht. Ich könnte auch sagen, gähn, das haben wir schon lange vergessen. Dafür jeiern wir. Selbstverständlich hinter vorgehaltener Hand. Wir jeiern privat, wir jeiern im kleinen Kreis, wir jeiern in der Halböffentlichkeit, aber keinen Schritt weiter, das ist die magische Grenze. Und wenn wir frustriert sind - Sie müssen wissen, intellektuelle Frustrationen sind nicht so ohne -, dann sagen wir: Hut drauf, eh wurscht, über kurz oder lang verlass ich das Kaff.

Manchmal spüre ich den Druck der vorgehaltenen Hand. Das ist der Preis, den ich zahle, mich im Unbehagen wohnlich einzurichten, denke ich dann. Aber warum richten sich alle in der Unbehaglichkeit ein? Das zerschlagene Porzellan. Das Forum, die Kunsthausgeschichte, die Initiativen der rotblauschwarzen Schützer. Da ist die Hand vor dem Mund schon richtig, frau kann ja nicht immer destruktiv sein. Deshalb sagt frau nur hinter vorgehaltener Hand, dass der Dom im Berg eine Frechheit und eine Provinzposse ist. Wo außer in Graz gibt es aufwendige Projekte ohne Nachnutzungskonzept? Was tun wir um Himmels willen bloß mit dem Dom? Weil wir keine Ahnung und kein Konzept und keine Infrastruktur haben, geben wir ihn halt den Vereinigten Bühnen. Wo außer in Graz gibt es solche Projekte? In Graz, sage ich hinter vorgehaltener Hand. Huschhusch, das Kunsthaus muss her, huch und 2003 muss es fertig sein, was brauchen wir da für nachher Konzepte. Außerdem: nach diesem magischen Jahr werden einige zu versorgen sein. Manchmal bin ich sogar ironisch hinter vorgehaltener Hand.

Aber die unangenehme Größe. Warum, frage ich, warum wölbt sich die vorgehaltene Hand so riesenhaft über Graz? Die Provinzialität. In Graz kulminiert das Provinzielle, denn in Graz hat das Provinzielle solche Angst vor sich. Das liegt überall, auch auf der vorgehaltenen Hand. Deshalb tun wir uns so schwer mit dem Maß. Deshalb thematisieren wir das auch nicht. Und wenn nur hinter vorgehaltener Hand. Und hinter vorgehaltener Hand ist es kein Diskurs, sondern ein Jeiern. Deshalb wird Graz für sein Flüsschen eine Insel bekommen, als wäre das Flüsschen ein Strom. Deshalb heißt es in der Öffentlichkeit oder was man in Graz dafür hält: endlich ein Projekt von entsprechender Größe, endlich der Wurf eines international anerkannten Architekten. Dass es ein Fluss sein soll und kein Flüsschen, ist nicht so wichtig. Hauptsache international, international. Ja international wird man den Mut der Stadt preisen, suggeriert die Öffentlichkeit, oder was man in Graz dafür hält. Der Leitsatz für 2004? Danke, lieber Gott, dass wir keine Provinz mehr sind. Und ich stöhne, natürlich hinter vorgehaltener Hand: Vielleicht kommt wer von außen, jemand von Gewicht, ein Journalist von der FAZ oder wenigstens der Gauss oder die Jelinek oder der Schuh, und macht öffentlich, was jeder zweite privat oder halböffentlich sagt: die Insel wird ein Wahrzeichen für die Provinzialität dieser Stadt. Natürlich weiß ich, dass nicht die Insel das Wahrzeichen ist, sondern die vorgehaltene Hand. Die vorgehaltene Hand ist das Wahrzeichen für die Provinzialität dieser Stadt.

Die Hand, die ich mir vor den Mund halte, ist meine Hand. Eine weibliche Hand. Auch die Hand über der Stadt ist eine weibliche Hand. Tja, oft kommen Gedanken politisch leider völlig inkorrekt. Frauen haben so weibliche Hände, denke ich, aber erstaunlich oft auch Männer, sofern sie Künstler oder Intellektuelle sind. Die Hand, die was weiterbringt, ist männlich, eine eindeutig männliche Hand. In Graz wurde genug gemurkst, genug herumexperimentiert und basisdemokratisch spintisiert, suggeriert die Öffentlichkeit oder was man hier dafür hält. Deshalb sitzen in Graz an den Schalthebeln der kulturpolitischen Macht Männer. Die bringen endlich was weiter. Da hält man sich nicht mit Belanglosigkeiten auf, da bekommen die Tüchtigsten ohne Ausschreibung ihr Amt. Da klaubt man die Ebenen nicht fad auseinander, da reichen die Kuratoren selbst Projekte ein. Da stellt man nicht umständlich Kriterien auf, nach denen man die Auswahl von Projekten objektiviert. Endlich Effizienz, Effizienz endlich; wer hätte das gedacht, Effizienz in Graz, suggeriert die öffentliche Meinung oder was man in dieser Stadt dafür hält. Privat oder halböffentlich sagen wir, dass es demokratiepolitisch ein Wahnsinn ist, dass Nepotismus Tür und Tor geöffnet sind, aber wir haben ja eigene Projekte laufen, wir brauchen die Öffentlichkeit oder was man hier dafür hält, deshalb kritisieren wir ausschließlich hinter vorgehaltener Hand.

Alle Hände bitte hochgehalten und vor den Mund geführt, so ist es brav, sagt regelmäßig die Öffentlichkeit oder was man hier dafür hält. Sonst wird sie böse, die Öffentlichkeit, und sagt Vernaderer. Huch, da kriegen wir Angst, vielleicht läuft dann nichts mehr, keine Subventionen, keine Rezensionen, kein Smalltalk beim nächsten Empfang. Das wäre das Ende, da könnten wir hülserln gehen. Da lassen wir die Hände lieber oben.