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grillen-missiles und tortenwerfer

bernhard wolf | grillen-missiles und tortenwerfer

Die zeitgenössische Kunst in den USA greift angesichts der Medien- und Politikmaschinerie des Mainstreams zu bemerkenswertem Aktionismus

Das Heftigste an den USA ist ihre pure Existenz. Als Europäer kann man sich vorzüglich über naives Schwingen der Nationalflagge in den Staaten alterieren, über die Diktatur des Fernsehens oder darüber, dass McDonalds für die Nationalspeise zuständig ist. Alles Makulatur. Kinkerlitzchen im Vergleich dazu, wie dieses Land auf der soziokulturellen Landkarte des Systems Menschheit jeden Tag aufs Neue geträumt wird. Die USA sind keine Nation, sie sind eine Projektionsfläche im Gesamtbewusstsein, eine Metapher, bereinigt von ihrer eigentlichen Bevölkerung, täglich erschaffen von den Sehnsüchten Tausender echter und noch mehr Möchtegern-ImmigrantInnen. Dass dieses Land eine fragwürdige Wirtschaftsdoktrin und die damit verbundene Politik erfolgreich exportiert, lassen wir diesmal auf einem anderen Blatt stehen, ebenso den feinen Unterschied zwischen Schein und Sein, und die diversen inneren Kurzschlüsse im Norden Amerikas.

Eines steht fest: die USA haben sich nicht selbst erfunden, offensichtlich existiert ein vehementes Bedürfnis dies zu tun, gespeist vom großen Rest der Welt. Vielleicht ist es auch die Geschichte vom Zauberlehrling, der dem Meister um die Ohren fegt, auf jeden Fall die Geschichte eines Pubertierenden, der auf pathetischer Identitätssuche immer wieder die Nachbarschaft anpöbelt. Und sei es nur um seine Kräfte zu messen. Die zeitgenössische USA-Kunst fährt auch gerne auf der Autobahn, und treibt in diesem historischen Spezialklima ihre eigenen Blüten. Zur Illustration zwei Beispiele:

Projekt „Grillen-Missiles“

 

Aaron Gach, nach eigenen Angaben „kultureller Saboteur und ästhetischer Kopfgeldjäger“, ist Assistent am Californian Center for Arts and Crafts in San Francisco. Seine Projekte fallen unter die Rubrik „Politischer Aktivismus aus der Kunstszene“, Abteilung San Francisco, ordentlich gewürzt. Einige Stunden nördlich von San Francisco, in den „Redwoods“, tobt seit Jahren ein Kampf zwischen UmweltschützerInnen und Holzfirmen. Der unter Naturschutz stehende Baumbestand wird von den Holzfirmen kaltschnäuzig weitergefällt. Die dafür verhängte Strafe von 5.000.- USD rechnet sich derzeit locker bei einem Ertrag von bis zu 80.000.- USD pro Baum. UmweltschützerInnen versuchen weitere Schlägerungen seit geraumer Zeit mit den klassischen Taktiken wie Sitzblockaden oder Ankettungen an den Bäumen zu verhindern.

Aaron Gach und Kollegen haben im Sommer 2000 zur Verwunderung beider Seiten das Projekt „Cricket Missile/Grillen Marschflugkörper“ installiert. Die Zutaten sind kleine Explosivgeschoße mit einer Länge von 20cm, ein Zündsystem, das über akustische Frequenzmelder funktioniert, und eine Besonderheit der Grillen: Nach Angaben der Erfinder zirpen Grillen in einer ganz bestimmten Frequenz, sobald sich ihnen Menschen in größerer Anzahl nähern. Sie gehören übrigens zu den ersten Insekten, die sich in frisch geschlägerten Waldgebieten ansiedeln.

Das Projektteam hat rund um gefährdete Bäume eine geheim gehaltene Anzahl von Missile-Stellungen - eingegrabene Eisenrohre mit Raketen und Zündmechanismen - angelegt, die auf die Zufahrtswege für schweres Holzfällgerät zielen. Sobald sich Menschen auf diesen illegalen Zufahrtswegen nähern, legen zuerst die Grillen und dann die Grillen-Marschflugkörper los. Die Holzfirmen, Polizei und Forstverwaltung werden vorher genau informiert, welche der geschützten Bäume mit Missiles gesichert sind.

Bisherige Bilanz der Aktion: Leichter Sachschaden an mehreren Baufahrzeugen, Menschen wurden nicht verletzt, obwohl das Risiko besteht. Die Aktivistengruppe hat ihre Strategie hart am Rand des legal Machbaren mit ihrem Rechtsanwalt konzipiert und wurde bisher nicht mit rechtlichen Schritten konfrontiert. Dies liegt vor allem daran, dass die Holzfirmen keinen Wind um ihr eigenes illegales Verhalten machen wollen. Und die Gefährlichkeit der Aktion bewegt sich gerade an der Reizschwelle zu einer echten Bedrohung. „Es liegt an der Skrupellosigkeit der Holzfirmen, wenn sie trotz unserer Warnungen Arbeiter in die Naturschutzgebiete zu verbotenen Schlägerungen schicken,“ meint Aaron Gach.

The Pie is the Equalizer

 

Die „Biotic Bakery Brigade“ (BBB) ist eine weltumspannenden Vereinigung radikaler Kuchenbäcker und Tortenwerfer. Sie hat das Platzieren von Selbstgebackenem in das Gesicht von „Repräsentanten des politischen und wirtschaftlichen Systems, das die Ausbeutung des Planeten und seiner Menschen betreibt“ zu ihrer bevorzugten Widerstandstechnik erhoben. In Österreich erlangte diese Protestform 2001 schlagartig Bekanntheit mit der erfolgreichen Tortung des FPÖ Politikers Hilmar Kabas vor laufenden ORF Kameras (der Agent entkam unerkannt, die Sachertorte blieb vor Ort). Der Ursprung der Bewegung liegt im goldenen San Francisco. 1998 entschlossen sich mehrere KünstlerInnen und AktivistInnen zum aktiven Widerstand gegen Umweltzerstörung und ungerechte Verteilung des Reichtums überzugehen. Unterstützt von „radikalen BäckerInnen, die tief in den Headwaters Forests rund um San Francisco backen“ bildete sich ein Netz von AgentInnen mit so klingenden Namen wie Agent Rasberry, Agent Blueberry, Agent Coconut Cream.

„Das Tortenwerfen als Geste ist wie visuelles Esperanto“, meint Agent Chocolate Surpreme, „es wird weltweit verstanden. Man kann damit im Handumdrehen jemanden, der sich als unantastbar gibt, auf eine menschliche Ebene herunterholen. Eine Torte im Gesicht ist ein kraftvolles Zeichen von Kritik und es macht Spaß.“

Das erste medial groß platzierte Pieing ereilte den Bürgermeister von San Francisco, Willie Brown, 1998 im berüchtigten „Cherry Pie Three“-Vorfall. Willie Brown wollte gerade den Start zu seiner Aktion „The Great Sweep“, der großangelegten Säuberung der Innenstadt von allen Obdachlosen, den TV Kameras verkünden, als ihn drei Kirschkuchen aus seiner Presseeuphorie holten. Für die Cherry Pie Three, Gerry Livernois, Rahula Janowski, und Justin Gross, hatte die beherzte Attacke ein schweres rechtliches Nachspiel. Obwohl niemand verletzt wurde und viele herzlich lachen durften, statuierte das Gericht ein Exempel und verurteilte alle drei Akteure zu jeweils sechs Monaten Gefängnis wegen Körperverletzung. Der Bewegung verhalf das Gerichtsverfahren aber erst zum richtigen Aufbruch und Bekanntheit - „The International Pastry Uprising/Der internationale Tortenaufstand“ war geboren. „Anyone with a pie and a vision of a better world can be a member of the BBB“. Seit 1998 wurden durch das internationale Agenten-Netzwerk weltweit mehr als 40 PolitikerInnen und VertreterInnen von Großkonzernen mit Torten für ihre beruflichen Leistungen versorgt. Unter ihnen Milton Friedmann, Nobelpreisträger und Wirtschaftstheoretiker des Neoliberalismus (Kokosnusscremetorte), Bill Gates dafür, dass er sich wie Bill Gates benimmt (Cremetorte), Robert Shapiro, Vorsitzender von Monsanto, des größten Biogenetik-Unternehmens in den USA (Tofucreme-Torte), Jeffrey Skilling, Vorsitzender des Energiemultis ENRON, der Großprofiteur und Mitverursacher der kalifornischen Energiekrise ist (Schwarzbeer Tofucreme Torte).

Ein Besuch der Webseite der „Biotic Bakery Brigade“ unter www.asis.com/ ~bbb/ ist empfehlenswert, dort ist auch das inspirierende Dokumentationsvideo „The Pie Is The Limit“ erhältlich.

mehr unter http://parallelinfo.mur.at/us/"