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heftiges ballfieber

werner suppanz | heftiges ballfieber

Fever Pitch in rot-weiß-rot

„Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden.“ Mit diesem Rückblick beginnt in Nick Hornbys autobiographischem Roman Fever Pitch die Schilderung seines „Heimdebüts“ anlässlich des englischen Meisterschaftsspiels Arsenal – Stoke City im September 1968. Ein Roman, der seinen Höhepunkt im ersten Meistertitel für Arsenal nach achtzehn Jahren, dank eines Siegestores durch Michael Thomas in Liverpool in der letzten Minute des letzten Meisterschaftsspiels der Saison 1988/89, erlebt: „[…] bitte Michael, bitte Michael, bitte hau ihn rein, bitte Gott, lass ihn treffen. Und dann schlug er einen Salto, und ich lag flach am Boden, und jeder im Wohnzimmer sprang auf mich drauf. Achtzehn Jahre, in einer Sekunde weggeblasen.“

Es gibt nicht viele Glücksmomente eines Fußballfans in Fever Pitch. Viel mehr dominieren, wie angekündigt, Schmerz und Enttäuschung. Aber eines haben die vom Fußball ausgelösten Gefühle in Hornbys Roman gemeinsam: Sie sind heftig, mehr noch, sie sorgen für Intensität des Lebens wie sonst nur die Liebe.

Wie heftig Fußball sein kann, ist nicht nur den Hardcore-Fans geläufig. Das „I wer’ narrisch“-Erlebnis in Córdoba 1978 ist ÖsterreicherInnen auch außerhalb der Fußballgemeinde geläufig und wirkt sogar dort erhebend. Österreichs 3:2-Sieg gegen Deutschland am 21. Juni 1978 bei der Weltmeisterschaft in Argentinien ist der Idealtyp, der Gipfelpunkt der positiven Heftigkeit, die ein Fußballspiel bieten kann. Folgende Umstände trafen zusammen, die diesem Sieg eine Qualität verliehen, wie sie nur mit äußerst seltenen kosmischen Ereignissen vergleichbar ist:

  • Der österreichische Sieg kam nach dramatischem Spielverlauf – zuerst 1:0-Führung für das DFB-Team, dann 2:1 für Österreich – zustande, zu einem Zeitpunkt, als alle schon mit einem Unentschieden gerechnet hatten.

  • Das Siegestor durch Hans Krankl war herausragend spektakulär. Sein Sololauf machte ihn zum Einzelhelden, der dem Spiel den Stempel eines Gesichts, einer fußballerischen Einzelleistung, einer individuellen Demonstration überlegenen Könnens aufdrückte.

  • Der Radiokommentar durch Ing. Edi Finger sorgte für die Vermittlung dieser großen Momente durch die treffendsten, prägnantesten und österreichischsten Formulierungen, wie sie nur denkbar waren. „Tor! Tor! Tor! I wer’ narrisch“ brachte die Gefühle gerade der ÖsterreicherInnen auf den Punkt, wie auch der Nachsatz: „Warten’s noch a bissl, warten’s noch a bissl, dann kemma uns vielleicht a Vierterl genehmigen.“ So feiern Phäaken ihre Heldentaten. Mediengeschichtlich interessant: Vielleicht zum letzten Mal war es der Radiokommentator, der das größere symbolische Kapital als der Fernsehsprecher erwerben konnte. Mit Córdoba 1978 werden bis in die fernste Zukunft alle Edi Finger und nicht Robert Seeger assoziieren.

  • Es war ein Sieg über den Erbfeind, der noch dazu erstmals seit 1931, seit 47 Jahren, geschlagen werden konnte. Die Rivalität gegenüber den Deutschen, die einzige Form von Hurrapatriotismus, die auch unter linken Intellektuellen in Österreich salonfähig ist, erklärt die enorme emotionale Bedeutung. Zu einem Zeitpunkt, als Österreichs Nationswerdung sich ihrem Abschluss näherte, gelang eine Leistung, die als ausgesprochen emanzipatorisch gedeutet wurde: Von nun an verdienen wir den gleichen Respekt, was ihr könnt, können wir schon lange. Das Spiel hatte die mythische Qualität eines Kampfes zwischen David und Goliath, der Machtlosen gegen die Arroganz der Macht.

  • Österreich besiegte den regierenden Weltmeister, verhinderte den Aufstieg des DFB-Teams ins Finale und damit die Möglichkeit seiner Titelverteidigung. Den Deutschen blieb nicht einmal das Spiel um den dritten Platz.

  • Der österreichische Sieg besiegelte den Abgang des DFB-Teamchefs und „Weltmeistermachers“ Helmut Schön.

  • Last but not least wurde das Spiel von Anfang an in einen historischen Kontext gesetzt, mit außerfußballerischen Bedeutungen aufgeladen. Z.B. schrieb der FAZ-Kommentator: „1866: Preußen schlägt unter Moltke Österreich bei Königgrätz. 1938: Schalke 04 schlägt unter Szepan Admira Wien neun zu null in Berlin. 1954: Die Bundesrepublik schlägt unter Fritz Walter Österreich sechs zu eins – jetzt haben Krankl & Co. die Scharten ausgewetzt. ,Den Deutschen hammas zagt’.“

    Noch deutlicher in historischen Wunden und gegenseitigen Verwundungen bohrte Peter Vujica in der Kleinen Zeitung vom 25. Juni 1978: „Das Vaterland. Alles, was sich da so aufgestaut hat an Emotionen, seit der Zeit zwischen achtunddreißig und fünfundvierzig vielleicht noch, das hat der Krankl gerächt. Den Hitler, den Österreich hervorgebracht hat, den hat es mit Hansi Krankl wieder wettgemacht. Der eine aus Braunau. Der andere aus Wien.“

Epochaler und historischer kann ein Sieg nicht ausfallen. Das 3:2 von Córdoba gehört zu den herausragenden Ereignissen in den österreichischen Biographien, das bei einer großen Zahl von Menschen heute noch Detailerinnerungen auslöst – wo sie das Spiel verfolgten oder das Ergebnis erfuhren, welche Gefühle es bei ihnen auslöste. Ein Phänomen, wie man es bei den Zeitgenossen des Kennedy-Mordes erlebt und das eben nur Ereignisse möglich machen, die durch äußerste Heftigkeit gekennzeichnet sind. Max Weber würde in ihnen vermutlich das „Außeralltägliche“ erkennen. Heftige Empfindungen

Fußball gehört zu den Erfahrungen, die einem Menschen das Gefühl geben, nicht nur einen Lebenslauf, sondern ein Schicksal zu haben. Die Heftigkeit der Empfindungen, die dieser Sport auslösen kann, liegt in einer komplexen Verbindung eben zwischen dem Außeralltäglichen und der besonderen Konzentration von Alltagserfahrungen, die das Gefühl vermittelt: Hier findet das Leben selbst statt. In den Worten Konrad Paul Liessmanns: „Die erste WM, die man bewusst verfolgte, bleibt nicht nur im Gedächtnis haften, an ihr entdeckte man überhaupt erst, was es so alles gibt, an ihr entwickelte man seine Vorstellungen von einem spannenden Spiel, von schönen Toren, bösen Fouls und von der Ungerechtigkeit der Welt.“ Die Ungerechtigkeit der Welt! Im Fußball konzentrieren sich die Gefühle, die die Alltagserlebnisse in uns auslösen, und steigern sich zu überwältigender Intensität. Denn wir alle wissen, wie es ist, Pech zu haben, einen Tag zu haben, an dem alles daneben geht, zu Unrecht eines Vergehens beschuldigt zu werden, von Vorgesetzten gegenüber anderen zurückgesetzt zu werden, aber auch unerwartetes, unverdientes Glück zu haben, Erfolge zu genießen, mit denen wir nicht mehr gerechnet haben. Was ist das anderes als der dritte Lattenpendler in einem Match, eine Fehlpassorgie, die Verzweiflung nach einem falschen Elfmeterpfiff, der Ärger, dass ständig nur die eigenen Fouls gepfiffen werden, aber auch das fassungslose Glücksgefühl, nach 91 Minuten in der Defensive dem Gegner in der 92. Minute das entscheidende Tor zu schießen? Und was gibt es Verwirrenderes und Lebensnäheres, als wenn Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit untrennbar miteinander verwoben sind. Wenn z.B. an einem Novemberabend des Jahres 1999 der Tormann, nennen wir ihn Schicklgruber, einer weit überlegenen Mannschaft, sagen wir SK Sturm Graz, einen Schuss des Gegners, das könnte der AC Parma sein, bei einem gleichzeitigen Schritt nach hinten fängt, sodass nicht einmal die Torkamera deutlich macht, ob der Ball die Linie in vollem Umfang überschritten hat. Wenn der Schiedsrichter die Szene zuerst ignoriert und das Tor dann auf Interventionen der gegnerischen Mannschaft hin gibt, obwohl niemand in der Lage sein konnte zu erkennen, ob diese Entscheidung regulär ist oder nicht. Wenn der Schiedsrichter also nach allen Grundsätzen der Ethik ein Tor nicht geben darf, weil es niemand gesehen hat, das dann sich nach wochen- und monatelangen Tests und Experimenten an Technischen Universitäten doch als vermutlich regulär herausstellt. Das ist nicht der Sport mit der Exaktheit von Hundertstelsekunden, das ist nicht das hehre Prinzip: Der Bessere wird gewinnen. Dem Fußball sind das Ambivalente, das Unentscheidbare des Lebens immanent. Glück der Kindheit

Der Fußballsport wird zumeist in der Kindheit zum Teil des menschlichen Lebens, also in einer besonders prägbaren Phase, in der wir uns gegen die Heftigkeit von Empfindungen besonders schwer wehren können. „Alles Glück“, bemerkte Adorno einmal, „orientiert sich an den Erfahrungen der Kindheit.“ „Unvergesslich bleiben jene Momente, in denen sich zum ersten Mal eine Welt auftat“, stellt Konrad Paul Liessmann fest. Diese Erfahrung ist für die Generationen, die in Österreich vor etwa 1975 oder 1980 geboren wurden, mit den Radioübertragungen von Fußballspielen verbunden. Nick Hornby, in England schon viel länger als die ORF-KonsumentInnen vom Match of the Day im BBC-Fernsehen verwöhnt, hasst sie offensichtlich: „Ich bin kein guter Radiohörer, schließlich sind das nur sehr wenige Fans. […] Im Radio ist jeder Schuss auf dein Tor in Richtung Winkel unterwegs, jede Flanke erzeugt Panik, jeder gegnerische Freistoß ist unmittelbar an der Strafraumgrenze.“ Die rein akustische Übertragung steigert noch das Gefühl der Hilflosigkeit und der permanenten Bedrohung, die ja auch den StadionbesucherInnen nicht fremd sind. Den RadiohörerInnen bleibt nur „nackte Angst“. Radio Days Der Kommentar im Radio schuf also eine spezifische Variante der heftigen Gefühle, die Fußball auslösen kann. Zum einen wirkte jedes Spiel dramatischer, unvorhersehbarer, angsteinflößender, wie jede Bedrohung, die in der Fantasie wurzelt. Jeder Name eines gegnerischen Spielers am Ball ließ die Fans in der Zeit der Radio Days, die in Österreich bis in die 1980er-Jahre dauerten, zusammenzucken, jede Nennung eines eigenen Spielers den Blutdruck wieder in gesunde Bereiche absinken. Gleichzeitig aber wirkte diese Gefühlsintensität wie eine Droge, die legendäre Sendung Sport und Musik in Ö3 wie ihr Dealer. Ständig war man mit dem Erhofften oder Gefürchteten konfrontiert, gleichsam blind, den Worten der Kommentatoren ausgeliefert: „Weiterhin also 0:0 hier im Tivoli-Stadion … Achtung, Achtung! Hier ist die Hohe Warte, Elfmeter für die Vienna!“ Als die Musik in der Radiosportsendung wirklich nur die Unterbrechung, die Konferenzschaltung hingegen noch eine Kunstform war, die Nennung des Spielstands der eigenen Mannschaft wie ein Strafurteil, in Extremfällen wie ein „Urteil über Leben und Tod“ erwartet wurde, da brach der Fußball in neblige Herbstnachmittage oder laue Frühlingsabende herein, die von den Außenstehenden nur zu leicht als Idylle erlebt wurden. Ohne zu wissen, welche Dramen sich in der Nachbarswohnung vor einem Radio abspielen konnten, ohne auch nur zu ahnen, dass der unvorhersehbare Torschrei eines Reporters aus dem Stadion deiner Mannschaft denselben Schock wie das Erscheinen Freddie Kruegers oder aber Glücksgefühle orgasmischer Qualität auslösen kann. Doch ohne diese Bereitschaft zum Leiden wie auch zur Verzückung wäre das Leben für die Fußballfans der Radio Days, für die die Spiele im Kopf stattfanden, ärmer gewesen. Die öden Tage der Rückkehr in die Schule nach den Sommerferien wurden durch die Aussicht auf die erste Runde des Europacups Jahr für Jahr aufgeheitert. In den 1970er-Jahren, als es noch kaum Europacupübertragungen im Fernsehen gab, war der Mittwochabend der dritten Septemberwoche in Ö3 regelmäßig dem Fußball gewidmet. Da wurde nicht zwischen der Gruabn, dem Tivoli-Stadion und Dornbach hin und her geschaltet. Da vermittelte die Konferenzschaltung aus den europäischen Groß- und Mittelstädten, wo zumeist Rapid und die Austria, seltener der SK Sturm, der GAK, LASK, Wacker Innsbruck, Vienna oder der Wiener Sportclub auftraten, eine Ahnung von der großen Fußballwelt und den mit ihr verbundenen großen Gefühlen. Besser als Sex

Ist Fußball unvermeidlich mit heftigen Gefühlen, möglicherweise mit Momenten sexueller Entrücktheit verbunden? Für Nick Hornby sind die Glücksmomente im Fußball unvergleichbar und bieten Empfindungen, die die Geburt eines Kindes, Beförderungen, Ehrungen oder Lottogewinne nicht vermitteln können. Ja, selbst ein Orgasmus könne nicht so heftig sein wie die intensiven Gefühle, die das einmalige Erlebnis eines in der letzten Minute erzielten und für die Erringung der Meisterschaft entscheidenden Tores hervorruft. Eine Einschätzung dieser Feststellungen muss wohl dem individuellen Urteil der LeserInnen überlassen bleiben. Hornby liefert allerdings Anhaltspunkte dafür, dass Fußball auch in anderer als der bereits erwähnten Form „dem Leben selbst“ ähnlich sein kann: Er kann gnadenlos langweilig sein. Boring, boring Arsenal heißt ein Kapitel in Fever Pitch, und den AnhängerInnen eines Klubs ist nichts verhasster als jene Phasen der Vereinsgeschichte, in denen ihre Mannschaft weder negative noch positive Höhepunkte bietet. „Dahintümpeln“ im Mittelfeld der Tabelle, hilfloses Ballgeschiebe über Wochen hinweg in Meisterschaft und Cup, Erinnerungen an trostlose, mühsame Heimspiele gegen Mannschaften wie z.B. Bischofshofen, die den SK Sturm in der Saison 1971/72 an den Rand der Bedeutungslosigkeit brachten, finden wir zumindest im kommunikativen Gedächtnis der Fans (das Spiel endete übrigens 2:1 für Sturm). Doch gerade diese Tatsache zeigt, dass selbst das Langweilige, Öde seinen Stellenwert im Fußball hat, als etwas, das mit Gefühlen – wenn auch der Verzweiflung und des Zorns, vielleicht sogar des Ekels über soviel Unvermögen – besetzt ist. Das dazu beiträgt, aus deinem Lebenslauf ein Schicksal zu machen und, wie es Hornby formuliert, im Bewusstsein zu leben: „Es ist etwas Außergewöhnliches zu wissen, dass der Abend ohne dich und Tausende, die wie du sind, nicht der gleiche gewesen wäre.“