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ich und ich entwachsen dem kinderland (1)

Zwei sehr verschiedene Erzähler nähern sich bei Residenz ihrer Jugend und dem Älterwerden an. Ein fast zufälliger Vergleich


Gerhard Amanshauser: Als Barbar im Prater. Autobiographie einer Jugend.

Salzburg: Residenz 2001

Rezensiert von: hermann götz


Gerhard Amanshauser hat sich selbst seine Biographie geschrieben. Was an sich nichts Ungewöhnliches wäre. Doch unterscheidet sich Amanshausers Autobiographie deutlich von einem autobiographischen Roman, der in diesem Fall - ein alternder Autor rollt seine Jugend auf - zu erwarten gewesen wäre. Hier hält der Leser tatsächlich eine ?Biographie? in Händen. Ein Buch das sich ganz an dem orientiert, was entsteht, wenn das Leben eines illustren Zeitgenossen von fremder Hand beflissen vor uns ausgebreitet wird. Amanshauser beginnt mit der Geschichte seiner unmittelbaren Vorfahren, erzählt seine Jugend und die letzten Kriegsjahre, die ihn schließlich auch an die Front bringen, ein finales Kriegserlebnis während der letzten Tage vor der Kapitulation, das zum Glück für den Autor ein glimpfliches Ende nimmt. Interessant ist vor allem die Form dieser Erzählung. Amanshauser schreibt keine Erinnerungsprosa, sondern einen dokumentarischen Bericht. Zwischen Fotos von ihm und den Stätten seiner Kindheit wechseln sich anekdotische Amanshauser-Zitate mit dem Text ab, der seine Jugend in entscheidende Episoden und Abschnitte zusammenfasst. In kurzen Kapiteln werden die Menschen beschrieben, die diese Jugend geprägt haben, wird die Familiengeschichte aufgerollt, in die sie eingebettet war. Unweigerlich kommt beim ersten Durchblättern ein Gefühl auf, als hätte sich der Autor sein eigenes Staatsbegräbnis inszeniert. Hier wird nicht der Anschein vermittelt, selbst Erfahrenes als stille Folie für das literarische Wort nutzbar zu machen, sondern lauthals der Eindruck erweckt, dass die Vita des Gerhard Amanshauser, geboren am 2.1.1928 als Sohn zweier "Wandervögel", ganz allgemein von großem Interesse sei. Was in seltsamem Widerspruch zur tatsächlichen Beachtung steht, die dem Leben und dem Werk des Autors von Seiten der Öffentlichkeit widerfährt. Ein seltsames Spiel mit Gewöhnlichkeiten ist Amanshausers Autobiographie, ein unspektakulär gewitztes Experiment, das keinen anderen Schluss zulässt, als dass hier eine Textform, die am Rande der schönen Literatur aber im Zentrum der Lesercharts ein wenig reflektiertes Dasein fristet, für die hohe Schule seiner eigenwilligen Nischenprosa gewonnen werden sollte. Gerhard Amanshauser hat die Biographie als literarisches Muster benutzt. Und dabei einen interessanten Roman fabriziert. Die dargestellten Episoden sind auf das (ihm) wesentliche reduziert, pointiert und oft scharfzüngig erzählt. Die Ironie kann hier ungehindert wuchern. Auch wenn sie damit zuweilen ein Stück Eitelkeit nur notdürftig bedeckt. Jeder Satz scheint mit leichter Hand hingeworfen. Geschichte wird als etwas vorgestellt, dem man sich durch ein paar gute Geschichten annähern kann. Ohne dabei die Dimensionen des historischen Geschehens aus den Augen zu verlieren. Ohne die eigene, eingeschränkte Perspektive absolut zu setzen. Amanshauser gesteht sich und seinen Lesern auch Fehler ein, die er nicht gemacht hat. Weil er die Möglichkeit sieht, die neben dem steht, was war. Eine solches Erinnern ist keine Selbstverständlichkeit in Anbetracht der beschriebenen Kriegs- und Nachkriegszeiten. Tiefendimensionen dieser Art eröffnen sich ganz nebenbei. Was bleibt ist eine Collage von dichten Eindrücken, die sehr nahe eine Welt beschreibt, aus der die unsere gewachsen ist. Amanshauser ist es gelungen, den Leser für eine Sache zu interessieren, der apriori kein großes Interesse entgegen gebracht wird. Damit hat er schöne Literatur im besten Sinne geschaffen, obwohl, oder gerade weil sein Buch nicht den Anschein erweckt solche sein zu wollen.