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ich und ich entwachsen dem kinderland (2)

Zwei sehr verschiedene Erzähler nähern sich bei Residenz ihrer Jugend und dem Älterwerden an. Ein fast zufälliger Vergleich


Andreas Mand: Vaterkind. Roman.

Salzburg: Residenz 2001

Rezensiert von: hermann götz


Das Kunststück, schöne Literatur im besten Sinne zu schaffen, ist dem 1959 in Duisburg geborenen Andreas Mand, der ebenfalls bei Residenz einen neuen Roman vorlegt, nicht oder nicht mit dieser Leichtigkeit geglückt. Mand, dessen Text zahlreiche Qualitäten, die jedem Lektor angenehm ins Auge springen müssen, bereits im Plot vereint, hat den autobiographischen Ton an vielen Stellen mit einem Tonfall von Betroffenheit verwechselt, der selbst dem Betroffenen weinerlich erscheinen muss. Dies mag an dem Ich-Erzähler liegen, der, als junger Vater gedacht, wohl über wenig Schlaf verfügt, ständig zwischen Melancholie und Überreiztheit pendelt und sorgfältig gehütete Erinnerungen aus seiner Jugend der in all zu vieler Hinsicht deprimierenden Gegenwart entgegenhält. Paul Schade nämlich wird Vater, kurz bevor sein eigener Vater einem Krebsleiden erliegt. Der langsame, verzögerte Abschied des kranken Familienoberhaupts forciert die Auseinandersetzung mit dessen Person und Persönlichkeit. Selbst Vater zu sein bedeutet in dieser Lebensphase für Paul immer wieder Vergleiche ziehen zu müssen. Dieses Vergleichen ist der archimedische Punkt in Mands Roman. Von Vater zu Vater stehen sich die Generationen gegenüber. Bezeichnenderweise ist der eine Pastor, der andere Popmusiker. Es treffen sich also zwei Prototypen deutscher Literaturproduktion im erzählenden Ich. Der Pastorensohn und der Popliterat könnten auch als ein literarisches ?Einst gegen Jetzt? gelesen werden. So passiert eine Konfrontation zwischen alten und neuen Vätern sowie zwischen alten und neuen Strategien, zur Literatur zu finden. Mand wird diesen selbst auferlegten Implikationen durch seine Prosa souverän gerecht. Er erzählt einfühlsam und mit großer Genauigkeit vom Sterben des Vaters wie vom veränderten Alltag des jungen Papas, der sich, aus seinem Dasein als Berufsjugendlicher verstoßen, grüblerisch grantig durch den Alltag motzt. Es mischen sich gekonnt traditionelle erzählerische Positionen mit jener saloppen Einfachheit der Popliteratur, die dazu führt, dass sich der Gefühlshaushalt des Protagonisten vor allem in einer semisakralen Anrufung von Kindheitsgegenständen manifestiert oder in der literarischen Fixierung sozialer Differenzen. Ein bisschen Generation Golf, ein bisschen Stuckrad-Barre (der ja auch Pastorensohn ist), das Ganze zu einer konsequenten Textmasse aufgebläht, zu einem mittelgroßen ?Roman unserer Zeit?. Unstimmig ist vor diesem Hintergrund nur die Stimmung, die sich durch einen lamentierenden Tonfall überall breit macht. Ein schwerfälliger Popsound, der stark an die melancholische Monotonie von REM erinnert, aber sehr dadurch verliert, dass Literatur sich nicht als Hintergrundmusik für Sofapartys dreißigjähriger Gemütsmenschen eignet. Keine Schärfe, kein Witz auch kein Sarkasmus, der nicht durch eine fast moralisierende Wehleidigkeit neutralisiert würde. Andreas Mand kann schreiben. Und wie. Doch schreibt er sich immer wieder in einen Strudel an Sentimentalitäten hinein, über den ihm der beste Erzählduktus nicht hinweghilft. Aber: Stimmung oder Gestimmtheit eines literarischen Textes sind eine Sache des Geschmacks. Wer also REM-Literatur schätzt, sollte getrost über die Sarkasmen dieser Rezension hinweg- und in die nächste Buchhandlung schauen. Wer aber die Vorstellung von gut 200 Seiten Mand-moll als trist empfindet, sei hiermit ausdrücklich gewarnt.