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intensiv nachgeben

herbert christian stöger | intensiv nachgeben

1.1
Heftiger Sex begleitete sie in den Morgen. Beide konnten bei den sommerlichen Temperaturen nicht schlafen. Sie hatte einige Videos besorgt. So stimuliert, befriedigten sie sich beim Anblick der Filme. Zuweilen auch gegenseitig, wenngleich sie nie zuvor miteinander geschlafen hatten, wie auch in dieser Nacht.
Die Freundschaft ließ sie auch schlaflose Nächte teilen. Tisch wie Bett. Und dennoch keine Anwärter für den Eheschluß. Gleichgültig wohin sie je die Liebe verschlagen möchte, die Offenheit zu reden, ohne den anderen zu verlieren, war ihr beider Gewinn.

2.1
Über die Brücke wehte der Wind Zeitungen wie Schuhe. Einen Schuh im Park zu finden hatte ihn immer an Verbrechen erinnert. Als sie ihm von einem kompletten Paar berichtete, daß sie auf der Straße neben einem Strauch gesehen hatte, nebst Schachtel, verwunderte ihn das noch mehr. Dieser Besitzer würde die alten unbequemen Schuhe nebst Schachtel der neuen zurückgelassen haben. „Aber würden diese auf Anhieb denn besser passen?“, fragte er. „Vielleicht hat der Zorn über die alten überwogen“. Der Regen würde beginnen wie ein Fußballspiel. Der Ball verfehlte das Tor. Der Schuh berührte das Innennetz, dennoch verlor die Mannschaft, ob derer er ins Stadion gekommen war. Ein fanatischer Nachbar hatte zuvor beim Freudenschrei über ein Tor seinen Plastikbecher zerdrückt. Der Rest des Bieres spritzte die vorderen Zuseher an. Allein, der Glückstaumel wegen des geschossenen Tores hielt sie nicht, sondern der Zorn bzw. die Freude über die Aberkennung, darauf zu reagieren.

3.1
„Es heißt, alte Leute sagen, bevor sie sterben, noch die wichtigsten Dinge“. Er hatte sich den Arsch wund gesessen. Darum lag er in den letzten Tagen meist herum. „Du bist ein Stoffel“, wandte sie sich ihm zu, nachdem sie miteinander geschlafen hatten. „Was ist ein Stoffel?“ „Du bist einer. Du bist wie ein frischer reifer Apfel, der sich noch nie im Spiegel gesehen hat.“ Dabei begann sie zu lachen. Er stand auf und suchte einen späteren Augenblick.

2.2
Nachdem sie ihm ein paar neue Schuhe gekauft hatte, begann es draußen heftig zu regnen. Gerade wollte er vor dem Geschäft die neuen Schuhe anziehen, um sie gleich auszuprobieren. Sie nahm ihn plötzlich bei der Hand und zog ihn samt der neuen Schuhe fort.
Obwohl er ihr den Verlust der alten Schuhe übel nahm, schliefen sie in dieser Nacht gut, und nicht nur nebeneinander ein.

1.2
Er war der Freund seines besten Freundes. Dessen Frau konnte von ihrem Ehemann keine Kinder bekommen, obwohl das intensive Liebesleben bisher ungebrochen verlief. Um nun doch seiner Frau ein Kind zu schenken, überredete er sie, sich seinem Freunde für eine Nacht hinzugeben. „Eine Nacht?“
„Eine Nacht.“
„Und dann?“
„Dann bekommst du von ihm ein Kind.“
„Warum bist du dir da so sicher?“ „Ich habe ihn … er hat sich untersuchen lassen. Der Befund spricht dafür.“
„Wenn du es so willst.“
„Willst du es nicht?“
„Kinder?“
„Ja.“

3.2
„Du hast mir immer das Gefühl gegeben genau die richtigen Ausschnitte des Lebens zu sehen, nein, mich sogar mitten drin zu befinden!“, gestand sie, und „So wurde ich einfach glücklich. Auch mit dir.“
„Ich war also der Regisseur.“
„Nein, der Kameramann. Und ich schrieb das Drehbuch.“
„Ich habe also nur deine Wünsche erfüllt.“
„Du hast sie gelesen ohne sie tatsächlich zu kennen.“
„Nachdem dein Hauptdarsteller gestorben ist, wird man behaupten. ‚Den alten Herrn hat etwas derart überrascht, daß es sein Herz nicht mehr verkraftete. Er fiel auf eine Ente. Die gab es dann zum Leichenschmaus, anstatt Rindfleisch’, nur um ihm etwas besonderes nachsagen zu können. Aber zu Weihnachten werden trotzdem die wenigsten daran denken.“

1.3
„Du hast gesagt, eine Nacht!“
„Und?“
„Und? Ihr schlaft beinahe wöchentlich miteinander!“
„Der Arzt meint, es könnte sein, daß es schwierig wird … Die Regelmäßigkeit könnte helfen, würde mich mehr entspannen …“
„Es geht zu weit.“
„Wessen Idee war es denn?“
„Ich, … ich wollte uns nur helfen ein Kind zu bekommen. Und er war unser Freund…“
„Dein Freund.“
„Ja, und jetzt ist es deiner. Und du schläft mit ihm aus purer Lust.“ „Mittlerweile könntest du dich daran gewöhnt haben.“ „Ich will normale Verhältnisse!“

4.1
Sollten irgendwann die Muskeln beim Halten des Kopfes versagen, würde der Kopf vorne über kippen, im Beisein des Verstandes, bewußt aufschlagen, ohne entgegenwirken zu können. Es wäre die pure Überraschung, die die Arme lähmen würde. Der Vorfall würde einmalig sein. Außer es befände sich weiches Material vor einem. Ein Tisch dürfte es nicht sein. Es sei denn, ein Polster läge an der Aufschlagstelle. Selten wäre es so. Eine Torte wäre wahrscheinlicher. Wäre es möglich, daß der Zufall es in der U-Bahn so meinte. Der Fall trete ein, und der Schoß einer Frau würde den Aufprall mindern. Ihre Hände den gefallenen Kopf festhalten und die Muskeln würden beim Anblick des Frauengesichtes noch einmal schwach. Woher sollte sonst so ein Gedanke kommen?

1.4
„Was ist los?“, fragte er.
„Er möchte ein Ende.“
„Die Spirale war deine Idee.“
„Der offizielle Beischlaf auch?“
„Du hast es so eingefädelt.“
„Ich wollte ein Kind.“
„Du wolltest doch mich!“
„Aber…“
„Was?“
„Du bist impotent.“
„Woher willst du das wissen?“
„Ich habe die Spirale längst herausnehmen lassen.“

4.2
Ein Wagnis einzugehen sollte den Mut zeigen und das Vertrauen stärken. In der U-Bahn stehend dachte er daran, und wankte beim Bremsen wie auch Beschleunigen mit dem Zug. Der Wagon war mit Vielen besetzt, aber nicht übermäßig voll. Er ließ die Arme sinken und starrte vor sich hin. Kurz vor der nächsten Station wurde die Bahn wieder langsamer. Er setzte sich nicht zur Wehr, verlor das Gleichgewicht, aber tat nichts, womit er diesen Sturz auffangen konnte.