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kein porno, keine morde

werner schandor | kein porno, keine morde

aber trotzdem arg

Was Sie in dieser schreibkraft alles nicht finden: Essays über Pornografie, Kriminali-tätsanalysen, Berichte aus den Zonen sozialer Devianz und eine Zwischenbilanz von zwei Jahren schwarzblauer Regressions-regierung in Österreich.

Das vorliegende Heft hat es auch ohne diese Themen in sich: „Dass […] die Heftigkeit, die Intensität gelebten Lebens und Erlebens, als Inbegriff des Erstrebenswerten gehandelt wird, verweist auf ein kulturell und zeitlich gut eingrenzbares Leitbild“, stellt Helwig Brunner in seinem Beitrag zum Thema fest und leitet damit eine Textstrecke über die Intensität der Normalität ein, die belegt, dass die Zeit der Heftigkeit unter Umständen kulturell und gesellschaftlich bereits passé ist. Was macht moderne Rollenzuschreibungen so heftig?, fragt einer dieser Texte. Und ein anderer beschäftigt sich mit der Frage, wie der Homo oeconomicus auf Katastrophen reagiert, wie sie uns am 11.9.2001 ins Wohnzimmer geliefert wurden?

Apropos: Der Einsturz der Twin Towers wurde in den Medien bereits so gut wie von allen Seiten beleuchtet. Nichtsdestotrotz finden sich in der vorliegenden schreibkraft Texte, die einzelne Aspekte dieser Katastrophe und seiner Folgen aus etwas anderen Blickwinkeln untersuchen. So zeigt Stefan Schmitzer auf, was Osama Bin Laden mit Harry Potter verbindet, nämlich dass beide Hauptfiguren in einem überbudgetierten Achternbusch-Film namens „Medienrealität“ sind. Susi Schneider berichtet, wie in der akademischen Welt der USA anlässlich der Terrorismusbekämpfung das freie Denken beschnitten wird. Und Bernhard Wolf schreibt über bemerkenswerte Aktionen der neuen zeitgenössischen Kunst in den USA „angesichts der wie auf Schienen dahinfahrenden Medien- und Politikmaschinerie des Mainstreams“.

Der dritte Schwerpunkt des vorliegenden Heftes gilt der Literatur: Die Zeitschrift Pudel wird vorgestellt. Bettina Fraisl schreibt über das heftige Leben der Mela Hartwig. Und Christian Ide Hintze hat einen Nachruf auf den Dichter Christian Loidl verfasst, der im Dezember 2001 bei einem Sturz durch ein Fenster ums Leben kam.

Letzte Gedichte von Christian Loidl, den die schreibkraft im Frühjahr 2000 zu einer Heftpräsentation nach Graz eingeladen hatte, finden Sie im abschließenden literarischen Teil neben Texten von Wolfgang Pollanz, Egyd Gstättner und Herbert Christian Stöger. Der Bildteil stammt diesmal vom Hamburger Künstler Peter Piller.

Heftiges ist auch intern zu vermelden: Vor drei Jahren hatten wir Ihnen an dieser Stelle erfreut berichtet, dass die schreibkraft das begleitende Feuilletonmagazin von 2003 stellen soll. Da haben wir uns etwas zu früh gefreut. Nachdem wir alle anfänglichen Organisationsschwächen des europäischen Kulturjahres miterleben und -leiden durften, kam im Sommer 2001 nach Monaten von hinhaltenden Auskünften schließlich der Bescheid, dass man auf unsere Mitarbeit doch verzichte. Schade. Schade auch für 2003. Den Organisatoren wünschen wir hiermit trotzdem das Beste, auf dass aus den vielen schönen PR-Floskeln auch was Schönes entsteht. Wie es in Graz so zugeht, darüber schreibt Birgit Pölzl im ironischen Monolog "Graz im Gegenlicht". Das Fazit dieses Textes: In der faden Provinz spielt es sich unter der Oberfläche ganz schön ab – leider halt provinziell.