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konnotationskirchen

postmoderne für den endverbraucher (2)


Monika Köcher: engeltexte

Das Fröhliche Wohnzimmer-Edition: Wien 2000

Rezensiert von: stefan schmitzer


Unentwirrbar barocke Geräumlichkeiten – oder so – sind es, die Monika Köcher für ihren Lyrikband engeltexte geplündert hat, wie das Verb dafür wohl vorwurfsvoll lauten müsste, käme es aus dem Mund eines dieser „dekonstruktivistischen“ Raoulschrottunddergleichen-Verächter. Das einzige, was man dem Band vorwerfen könnte, ist das Fehlen einer dezidierten Einordnung der einzelnen Texte in eine wie immer geartete Linearität, aber auch dieser Vorwurf greift nur, wenn man sich der Lesebuch-Atmosphäre gewaltsam entzieht.

Köcher hat wunderschöne Miniaturen gebaut, auf sprachlicher wie auf metaphorischer Ebene, und dass sie diese beiden Ebenen – zumindest an den besten Stellen – nicht voneinander abgrenzt, sondern sie in bester Mayröcker-Tradition verfließen lässt, sodass das unscheinbare Sprachspiel, das man an einer Stelle gerade noch bemerkt hat, drei Seiten später als fundamentaler Bestandteil der „Erzähl“-Ebene wiederkehrt, und man somit gezwungen ist, das Buch wieder und wieder zu lesen, wie man Hypertext liest, trägt nicht zuletzt zum Charme ihrer Engelsparade bei. Die Engerln selber zu beschreiben, die da zu Wort kommen und die Verbindung des „Hypertextes“ mit dem Rest der Welt darstellen (namentlich mit Kunstgeschichte, Philosophie, Religion, Sex und Verdauung dieser Welt), das erspare ich mir. Das kann Monika Köcher besser als ich. Es geht, soviel sei gesagt, um die Bilder all dessen, was uns zum Engerl werden kann bzw. was mit unseren Engerln konnotiert ist. Es mag der Hinweis angebracht sein, dass sie im von mir umschnöselten Konnotationsfeld auf spannende Widersprüche und Untiefen stößt, Sachen wie: Engel als geschlechtsneutrales Geistwesen vs. Engel als das Inbild der Frau, die uns Männer gamprig macht, Engel nahe bei Gott vs. süßliche Schutzengel-Bildchen, Verlust der kindlich-engelhaften Unschuld (ohne vs.) etc.

Und das Schönste an dem Band: Köcher schafft es, ihren Stoff unter Kontrolle zu behalten. Die Engerln und die vielfältigen Formalisierungen der verschiedenen Engerlerfahrungen – von der bekifften Variante des Palast-Topos über die Begegnung mit dem „Bösen St. Engel“ bis hin zum phantastischen „himmelsMacht“, in dem es um hohe Minne und Fürze geht, um nur meine drei Favoriten zu nennen – entgleiten ihr nicht. Das heißt: Sie wurde nicht zum Erfüllungsgehilfen einer breiigen Flut von Gelaber, das irgendwie auch zum Thema gehört hätte und jederzeit über sie hereinzubrechen drohte, sondern spricht klar und deutlich. Auch Spuren dieses Kampfes um die Kontrolle über den Stoff kann man in engeltexte noch finden, wenn man genau hinschaut und sich aufs Spurenlesen versteht.

Ach ja, ein Haar in der Suppe gibt’s auch, nämlich genau im Zusammenhang mit der Stoffbewältigung: die (andernorts gepriesenen) zwei verschiedenen Inhaltsverzeichnisse. Ich für meinen Teil fand keinen Sinn darin, gerade diese zwei Einteilungen der Textmasse den x anderen möglichen Einteilungen vorzuziehen: Natürlich schärft so etwas den Verstand des Lesers, der gewohnt ist, verschiedene Ebenen der Verknüpfung nur innerhalb der einzelnen Texte vorzunehmen, die aber gefälligst sauber jeder für sich zu stehen haben. Aber da man engeltexte sowieso nicht Text für Text von vorne nach hinten lesen kann, sondern das Buch auf ein Umschlichenwerden in immer engeren Kreisen angelegt zu sein scheint, macht es einem das zweite Inhaltsverzeichnis viel zu einfach. So oder so, aber nicht anders, sagt es dem, der ohnehin schon gewohnt ist, zwischen den Textblöcken wie zwischen den Zeilen zu lesen, und stiftet so mehr Verwirrung als Klarheit. Ich für meinen Teil habe mir damit beholfen die beiden Inhaltsverzeichnisse ausschließlich als Gedichte zu lesen. Fazit: Ganz ganz heißer Tipp.