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molden und die publikumserwartung

med ana schwoazzblauen dintn: Qualtingereskes aus verschiedensten Quellen (1)


Ernst Molden: Doktor Paranoiski

Deuticke: Wien 2001

Rezensiert von: stefan schmitzer


Ernst Moldens neuer Roman Doktor Paranoiski: Ein hanebüchener Plot, pseudokafkaesk vorgetragen. Offensichtlich mit der Marktanalyse seines letzten Werkes (Austreiben) im Kopf geschrieben. Trotzdem ein wahrhaftig geiles Buch. Warum, weiß ich auch nicht so genau.

Das eine Problem mit diesem Buch ist, dass es trotz allem was kann. Das andere Problem resultiert daraus, dass es sich um einen „Spannungsroman“ im weitesten Sinne handelt: Ich kann nicht über die Handlung reden, ohne Euch den ganzen Spaß, den das Buch macht (bzw. machen kann, wenn man auf so was steht), zu verleiden. Denn, um Worte der Neuen Zürcher Zeitung vom Klappentext abzuschreiben: „Man merkt, dass Ernst Molden es sich zur Aufgabe gemacht hat, seine Leser zu unterhalten, statt zu langweilen.“

Ich versuche es trotzdem: Man kann die Geschichte auf zwei Arten lesen, entweder als reichlich schräge Actionfilm-Vorlage oder als psychologische Fallstudie. Letztere Möglichkeit wird einem erst ziemlich gegen Schluss präsentiert, wobei die Pointe darin besteht, dass diese Lesart dann nochmals untergraben wird. Letztlich steht der Held der Geschichte selbst, Doktor Paranoiski, vor genau demselben Dilemma: Entweder er oder die Welt, in der er lebt, ist wahnsinnig. Aus der Handlung heraus ist keine der beiden Varianten wahrscheinlicher als die andere. Mehr über die eigentliche Handlung sage ich nicht. Das Buch lebt von den zahlreichen Überraschungen und Wendungen, die es enthält, und alles, was daran über die eigentliche Handlung hinausweist, ist direkt genug erfahrbar, dass Ihr keinen Vorkauer nötig haben solltet.

Ohne all zu viel vorwegzunehmen: Eine Ebene des Romans kann doch beleuchtet werden, ohne dem Lesevergnügen Schaden zuzufügen. Gemeint ist der Zeitbezug, die Tatsache, dass ein Westentaschen-Österreich als Folie unter der Handlung liegt, mitsamt Ekel erregenden Koalitionsparteien und Nazimief in der Hochschwabhütte, dem grenzdebilen Kommerzialrat a. D. und dem sadistischen Waldhüter. Dass die Guerilla-Romantik, aus der sich der Tonfall des Buches speist, in einem so qualtingeresken Kontext komplett deplatziert ist, macht einen Gutteil von dessen Charme aus.

Dass es keine „Guten“ gibt, keine nur moralisch motivierte Entscheidung, war in Anklängen schon in Austreiben sichtbar. In Doktor Paranoiski hat sich dieser Umstand zu einer Grundatmosphäre verdichtet: Alle und jeder in dieser Geschichte sind völlig durchgeknallt, aber das fällt nicht weiter auf, eben weil die Durchgeknalltheit beschrieben und nicht kommentiert wird. Molden hat gelernt, seiner Menagerie zu vertrauen.

Was mich an dem Buch stutzig gemacht hat, war nicht die Leichtigkeit, mit der Molden mich überzeugt hat, mich einer Geschichte intellektuell zu überantworten, die nüchtern betrachtet durch das Wort „Trash“ recht gut charakterisiert, völlig unlogisch und hanebüchen ist. Keine Frage, Molden ist derzeit in der österreichischen Literatur der meisterhafteste Schöpfer skurriler Gestalten und Geschichten. Es war auch nicht die rotzig hingeknallte Gleichnishaftigkeit, die Doktor Paranoiski ausstrahlt, und die sich in diesem Sinne lesen ließe wie eine Die Globalisierungsgegner aus der Hölle-Abhandlung. Was mich stutzig gemacht hat, war die Tatsache, dass literarische Werke so laut und ausdauernd nach Verfilmung schreien können, Moldens Bücher, ohne noch in den Kinos zu sein.

Denn zumindest in Doktor Paranoiski hat sich Molden der Verfahrensweise des neueren Films, Geschichten zu erzählen, so stark angenähert, dass das Werk durch eine Verfilmung nicht nennenswert verlieren würde – vorausgesetzt, man lässt ihn selbst den Wachtmeister Leu spielen.