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neue zähne für meinen bruder und mich

wolfgang pollanz | neue zähne für meinen bruder und mich

erinnerungen eines sanftmütigen

Mein Bruder und ich wir haben viel zu ertragen,
keine Zähne im Maul & Geschwüre im Magen.
Wir wollten den Mann nicht verletzen,
wir brauchten das Geld, um unsere Zähne zu ersetzen.
- Superpunk

Schon meine Geburt war heftig. Meine Mutter hatte einen Geburtsdurchfall, und so kam es, dass ich auf der septischen Station zwischen Urin und Scheiße das Licht der Welt erblickte. Noch dazu hatte sich meine Nabelschnur so verheddert, dass all die septischen Ärzte und Schwestern in ihren aseptischen Kitteln zusammenliefen und sich auf der Stelle daran machten, mich aus meiner Zwangslage zu befreien, und zwar noch bevor sie mir den Geburtsschleim abwischten, der den ganz anderen Umständen halber, in denen sich meine Mutter befand, mit Blut und Resten von Kot vermischt war. Meine Nachgeburt wurde auf der Stelle dem Septischen Universitätsinstitut übergeben, um sicherzustellen, dass sie keine Keime enthielt, die möglicherweise bei Mutter und Kind zu heftigen Darmkrämpfen hätten führen können. Diese Vermutung bestätigte sich Gott sei Dank nicht, und so wurde die Plazenta später freigegeben und von der Pharmazeutischen Industrie umgehend zu Wachstumspräparaten für kleinwüchsige Frühgeburten verarbeitet. Ich selbst jedoch hielt all die Vorgänge um mich herum für einen riesigen Irrtum, wäre ich doch ums Verrecken lieber im Bauch der Mutter geblieben, weil es dort warm und angenehm gewesen war. Warum ich zuvor so ungestüm nach draußen gedrängt hatte, war mir jetzt nicht mehr klar, es war kalt und unfreundlich und von einer unangenehmen Helligkeit. Und so begann ich heftig zu schreien.

Mein älterer Bruder lehnte mich vom ersten Tag an ab. Als er meiner ansichtig wurde, verzog er sein schon von Geburt an schiefes Gesicht und grinste hämisch vor sich hin. Seine gehässige Art, gepaart mit seiner abstoßenden Physiognomie, war das Resultat eines Geburtsfehlers, da unsere Mutter auch schon bei der Niederkunft des Erstgeborenen an ihrem hartnäckigen Geburtsdurchfall gelitten hatte, der allerdings um einiges heftiger gewesen war als der bei meiner Entbindung. Noch dazu hatte sie ihren ersten Bastard völlig allein auf der Toilette eines Busbahnhofes zur Welt gebracht, wo er beinahe im Abguss erstickt wäre. Daher resultieren auch seine aussehensmäßigen Beeinträchtigungen, die ihn bis heute zwingen, möglichst wenig unter die Menschen zu gehen, da diese meist mit heftiger Abneigung reagieren und diese auch freimütig zeigen. Irgendetwas scheint mein Bruder an sich zu haben, das die Menschen nicht verschämt wegschauen lässt, wie sie es bei anderen Krüppeln und Missgeburten tun. Ihm wird meist mit tiefer Abscheu begegnet, mitunter sogar mit lauten Kundgebungen des Missfallens. Dass ich mit einem ebenmäßigen Antlitz gesegnet bin, hat mir mein Bruder daher von Anfang an nicht verziehen. Und so hat er sich eines Tages, als meine Mutter anderwärtig zu Gange war, an meine Wiege herangemacht und versucht, mir meine Augen auszukratzen. Das spitze Holzscheit, das er dazu verwenden wollte, hatte er dem lungenkrebskranken Großvater entwendet, der im Hinterhof unserer Kleinkeuschlerhütte beim Holzklieben Blut und Eiter spuckte. Die heftige Bewegung, die ich zur Abwehr der hinterhältigen Attacke meines missratenen Bruders vollführte, konnte zwar das Schlimmste verhindern, hinterließ jedoch eine kleine Wunde in meinem Gesicht, und eine tiefe in meinem Herzen. Von da an blieben mein Bruder und ich einander nichts schuldig.

Kaum waren wir alt genug, prügelten wir uns heftig. Ganz besonders hatte es der Bruder dabei auf mein rechtes Knie abgesehen, das ständig geschwollen war. Ich hatte es mir beim stundenlangen Knien in der Sakristei des Pfarrers ruiniert, der mich so oft er konnte dafür bestrafte, dass ich ihm nicht immer willfährig war, wenn er sich mit den jungen Ministranten in seiner Kanzlei zur Bibelstunde traf. Mein Bruder, dessen Bösartigkeit allgemein bekannt war, war der einzige Junge, dem der Pfarrer nicht nachstellte, was wohl auch an seiner Hässlichkeit lag. Ich hingegen hatte es ihm besonders angetan, weil ich einerseits ein schönes Kind mit dunkelblonden Locken war, andererseits durch meine familiären Umstände den Eindruck erweckte, ich ließe alles mit mir geschehen. Doch war ich beileibe kein Engel, was die Begierden des Pfarrers nur noch weiter erhitzte. Es verging kaum ein Sonntag, an dem mich der gute Mann nicht abholte, um mir zusätzlich zu den ministrantischen Bibelstunden ganz besondere Einführungen in die Heilige Schrift angedeihen zu lassen. Mein älterer Bruder betrachtete das alles zwar mit einer gewissen Häme, war jedoch auch eifersüchtig ob der Leidenschaft, die er sein ganzes Leben nie kennen lernen würde. Die Mutter hingegen war froh, dass ich eine Zeitlang aus dem Haus war, hatte sie doch inzwischen auf einer Pilgerreise nach Rom meinen jüngeren Bruder zur Welt gebracht, den wir wenige Wochen später blau im Gesicht tot in seiner Wiege fanden, und im Jahr darauf, kaum dass neun Monaten vergangen waren, die Zwillingsmädchen. Und weil mein älterer Bruder jetzt der Herr im Hause war, durfte er im Bett des Großvaters schlafen, der einige Tage vor der Niederkunft der Mädchen an einem Würgehusten erstickt war. In seiner Eigenschaft als Herr im Hause war er nun auch der, dem es im Auftrag der Mutter zukam, die Erziehung von uns Jüngeren in Angriff zu nehmen. Dabei übernahm er in direkter Linie die Methoden des verstorbenen Großvaters, da es zwar an näheren Verwandten männlicherseits nicht mangelte, diese aber durch die Bank völlig unbekannten Aufenthalts waren. Vom Vater der Zwillinge kannte die Mutter überhaupt nur den Vornamen. Sondrio war der Chauffeur der Katholischen Frauenschaft gewesen und hatte meine Mutter im Schatten einer Markthalle in der Nähe von Szombathely auf einer Butterfahrt nach Ungarn geschwängert, von der sie mit einem großen Plastiksack voll Emmentalerkäse, Krimsekt und billigen T-Shirts nach Hause gekommen war.

Wir waren schon etwas älter, als mein Bruder und ich uns in die gleiche Frau verliebten. Es ist mir bis heute ein Rätsel, warum die schöne Sonja, Tochter aus gutem Hause, sich überhaupt zu uns beiden herabgelassen hat. Ihr Vater war der Besitzer des kleinen E-Werkes, das unsere Gegend versorgte, und unser Großvater hatte, bevor man ihn in die Rente schickte, dort so etwas wie den Hausknecht gespielt. Gerüchte besagten sogar, dass er die Frau seines Chefs regelmäßig gevögelt habe. Die Vorstellung, Sonja könnte mit uns beiden verwandt sein, ließ meinen hässlichen älteren Bruder und mich heimlich erzittern. Wenn wir sie endlich herumkriegten, würden wir Inzest begehen und wären dann ebenso verdorben und entartet wie die ägyptischen Pharaonen oder die blutschänderischen Linien der Habsburger. Besonders der Bruder geilte sich daran auf, dass er Sonja ein Kind machen könne, welches dann eine neue Dynastie von abnormen Nachkommen begründen würde. Nacht für Nacht konnte ich hören, wie er sich im Bett neben mir einen runterholte und dabei den Namen der Angebeteten flüsterte. Dass auch ich ein Auge auf die schöne Sonja geworfen hatte, beunruhigte ihn ein wenig, gleichzeitig rechnete er sich aber auch Chancen aus. Irgendwie würde er es ausnützen, wenn sie mich erhörte oder sich wenigstens einmal mit mir träfe. Den Bruder, der jetzt auch noch unter dem Makel einer durch die Unbill der Pubertät verunreinigten Haut litt und ausschaute, als hätte ihm jemand sein schiefes Gesicht blutig gekratzt, würdigte die Steckdosen-Sonja, wie sie im Ort von jenen, mit denen sie sich nicht abgab, spöttisch genannt wurde, zwar keines Blickes, aber ich hatte schon immer das Gefühl, dass sie ihn nicht so sehr verachtete wie die meisten im Dorf.

Ich hingegen war damals ein wirklich gut aussehender junger Mann mit dunkelblonden Locken, einer makellosen Haut und einer perlenweißen Reihe ebenmäßiger Zähne im Mund. Mein Atem, der stets leicht nach Pfirsichen roch, ließ die Mädchen der Reihe nach schwach werden, ich küsste mit einer Leidenschaft, die ihresgleichen suchte, und im Petting war ich die unbestrittene Nummer Eins im Dorf. Besonders liebten die Mädchen meine begierige, lange Zunge, mit der ich ihnen ihre feuchten Muschis ausschleckte. Bekannt war ich auch dafür, dass ich von allen Frauen, mit denen ich irgendeine Form von Sex hatte, die Höschen mit nach Hause nahm. Ich besaß eine ganze Sammlung davon. Gesehen hatte ich dies zum ersten Mal bei unserem Herrn Pfarrer, der seine Kollektion von Buben-Slips liebevoll seine Kinder nannte und, wenn er sich unbeobachtet fühlte, verzückt an ihnen schnüffelte. Ich verstaute meine Sammlung von Schlüpfern, Tangas und Seidenunterhöschen in einer alten Schachtel unter meinem Bett, das war der intimste Ort, über den ich in unserem Haus verfügte, der einzige Ort, an dem ich, wie ich glaubte, mein kleines Geheimnis bewahren konnte. Doch ich hätte von vornherein mit meinem froschgesichtigen Bruder rechnen müssen, den ich eines Tages dabei ertappte, wie er in meiner Kiste wühlte und seine pickelige Nase in meine schönsten Erinnerungen steckte. Von da an verlor ich jegliches Interesse an meiner Sammlung.

Mit der schönen Sonja war das alles anders. Sie war die erste, mit der ich mich traf, die gar kein Höschen trug. Wir liebten uns an einem milden Spätsommertag auf einer Bank am Waldrand, und wir waren beide so geil, dass wir gar nicht bemerkten, dass mein Bruder uns gefolgt war. Und nachdem ich zum ersten Mal gekommen war, ließ Sonja auch noch meinen Bruder ran, dem sie einen blies, während ich sie von hinten penetrierte. Von da an waren wir eine Menage à trois, die Sonjas Vater, dem Steckdosen-Ernest, heftige Kopfschmerzen bereitete, und im Dorf viel Gerede provozierte. Seltsamerweise war auch mein Bruder etwas verträglicher, wir waren zwar kein Herz und keine Seele, aber irgendwie wussten wir nun, dass unsere Schicksale miteinander verbunden waren. Die Geschichte mit Sonja ging so lange, bis sie in die Bundeshauptstadt übersiedelte, um Kunstgeschichte und Germanistik zu studieren. Zurück blieben der Bruder und ich, die Zwillingsmädchen und meine Mutter, die von Jahr zu Jahr fetter und unansehnlicher wurde, der Steckdosen-Ernest, der inzwischen längst gestorben ist, und meine verwaiste Sammlung von Damenhöschen.

Inzwischen habe ich längst genug von all den hier zu Protokoll gegebenen Heftigkeiten. Meinem Bruder, der noch immer froschgesichtig und schmuddelig durchs Leben gehen muss, habe ich nicht alles, aber doch sehr vieles verziehen. Schließlich sind wir ein Fleisch und Blut, auch wenn unsere Väter wahrscheinlich von zwei verschiedenen Planeten stammten. Auch bin ich nach all den heftigen Jahren meiner Jugend inzwischen die Sanftmut in Person, ja, ich habe sogar ein ausgeprägtes Harmoniebedürfnis.

Noch etwas haben mein älterer Bruder und ich seit längerem gemein. Die Zwangsernährung durch unsere Mutter haben wir zwar überlebt, aber sie hat ihren Tribut gefordert, und so haben wir kaum mehr Zähne im Mund und Geschwüre im Magen. Die wenigen übel riechenden Reste, die von unserem Gebiss geblieben sind, bestehen nur noch aus schwarzen Ruinen und eitrigen Zahntaschen. Es ist beinahe unerträglich, wie man uns auf den Straßen nachblickt, wie man sich verschämt von uns abwendet. Die Idee mit dem Überfall hatte ich übrigens ganz alleine. Lassen Sie bitte meinen Bruder da heraußen, er hat es schließlich schon schwer genug. Wenn man ausschaut wie er, ist das Gefängnis noch weniger ein Honigschlecken, als es für einen wie mich ist. Und glauben Sie mir, ich hatte keineswegs die Absicht, den Mann zu verletzen, ich wollte seine Familie erpressen, das war alles, ich wollte bloß neue Zähne für meinen Bruder und für mich.