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über den sprachkamm

postmoderne für den endverbraucher (4)


Günther Kaip: Vademekum für Körper. Eine Bestandsaufnahme.

Wien, Das Fröhliche Wohnzimmer-Edition 2000

Rezensiert von: stefan schmitzer


Schließlich bleibt noch "Vademekum für Körper". Eine Bestandsaufnahme von Günther Kaip, und ich sag’s, wie’s ist: Ich werde nicht recht schlau daraus. Der Tonfall ist ähnlich wie bei Ganglbauer, vielleicht weniger weit entfernt von Alltagssprache, aber im Gegensatz zu ihren stringenten Texten zerbröseln die Gebilde Kaips unter der Last des Anspruchs, nicht für sich, sondern als Teil eines Zyklus dazustehen. Die Gedichte sind von 1 bis 56 durchnummeriert, es gibt sieben „Auszeiten“ - und spannende Zeichnungen.

Fast alle der Gedichte funktionieren in sich tadellos, aber den unbedingten Anspruch, genau den Moment des Prozesses von Körpererfahrung abzubilden, der ihnen von der Nummerierung zugewiesen wurde, den verweigern sie dem großen Bogen des Bandes. Es gibt da immer wieder lose Enden, obwohl (oder weil) Kaip sich offensichtlich um eine „klare“ Sprache bemüht, die nur von dem redet, was auch tatsächlich „da“ ist. Anders gesagt: Sowohl Ganglbauer als auch Kaip arbeiten mit Präzisionsinstrumenten. Aber während Ganglbauer sich darauf beschränkt, die einzelnen Objekte ihrer Sprache so klar wie möglich zu behandeln, versucht Kaip, das Auseinander-Hervorgehen der einzelnen Objekte, den „größeren Zusammenhang“ also, unzweideutig hervortreten zu lassen. Dadurch entsteht der Eindruck einer umfangreichen und spannenden Materialsammlung, deren einzelne Fundstücke beim Nachbearbeiten um der Stringenz willen all zu sehr über einen Kamm geschoren wurden. Dieser Kamm nun ist so was ähnliches wie eine Liebesgeschichte, mit Plot und Höhepunkt und Schluss und allem. Möglicherweise rührt mein Unbehagen auch von der - für meinen Geschmack - zu vordergründigen Verwendung von surrealen Metaphern („An den Straßenecken tuscheln Worte“ und dergleichen). Das ist wie gesagt eine Geschmacksfrage, aber entweder ein Text erzählt eine Geschichte (im handgreiflicheren Sinn), oder nicht. Wenn er dies tut, dann sollte jeder Ausflug ins „rein-lyrische“ seine Funktion haben. Und wenn er dies nicht tut, dann verhält es sich gleich mit den Anteilen von „Handlung“. Einer der beiden Stränge muss tragen und dem anderen Halt bieten. In diesem Sinne scheint mir „Vademekum für Körper“ ein Zwitter zu sein. Vielleicht bin ich aber, siehe weiter unten, einfach nur engstirnig. Aber: So, wie die Texte in sich funktionieren, sollte man eigentlich davon ausgehen können, dass der Autor sein Handwerk beherrscht. Folglich muss die oben beschriebene Verwirrung, die mich bei dem Versuch befallen hat, das Buch als das epische Werk zu lesen, das es ist, von Günther Kaip zumindest als ein mögliches Rezeptionsereignis in Betracht gezogen worden sein. Die Ebene des Buches aber, die ihn wohl bewogen hat, sich zu sagen „Passt schon so. Wenn die Leser DA durchsteigen, funktioniert’s“, die habe ich nicht gefunden. Naja: Vielleicht geht der Knopf bei mir ja zwei Tage nach Redaktionsschluss auf.