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susi schneider | uni-interventionen

Stehen die USA vor der Wiederkehr der schwarzen Listen?

Auge um Auge macht die Welt blind!
Wir sollten Brücken und Beziehungen bauen und nicht nur Bomben und Mauern.
Unwissen brütet Hass.
Dies sind nur drei von 115 Statements, die vom American Council of Trustees and Alumni (ACTA) in seinem jüngsten Bericht Defending Civilization: How Our Universities Are Failing America and What Can Be Done About it penibelst aufgelistet und als subversiv kritisiert werden. Die gesammelten Zitate stammen von ebenso vielen akademischen Institutionen und sollen als Beweis dafür dienen, dass an amerikanischen Universitäten allzu viele linksradikale und amerikafeindliche Personen ihr Unwesen treiben. Das Schimpfwort „pinkos“ (eigentlich: Rosarote, gemeint sind Kommunisten, Sozialisten oder anderes linksstehendes Gelichter) wird nicht explizit erwähnt, das ist aber auch gar nicht nötig. Denn jeder, der derzeit Kritik an Amerika übt, muss entweder verrückt oder aber ein „pinko“ sein. Und weder Verrückte noch Kommunisten haben auf den Universitäten Amerikas etwas verloren. Schließlich soll dort die Elite der Zukunft herangezüchtet werden.

In dem Bericht wird auch die Sorge der Verfasser klar ausgedrückt: Obwohl die meisten Fakultätsmitglieder den Horror und das Verdammen Amerikas über die Terroristenattacken teilten, gab es einige, die das nicht taten. Und obwohl das Recht von Professoren auf akademische Freiheit leidenschaftlich verteidigt werden muss, schützt sie das nicht vor Kritik. Tatsache ist, dass die akademische Welt der einzige Sektor in der amerikanischen Gesellschaft ist, der in seiner Reaktion (auf die Ereignisse des 11. September, den Kampf gegen den Terrorismus und die Haltung der US-Regierung, Anm.) deutlich gespalten ist.

Darüber hinaus hätten sich einige dieser Professoren erfrecht, „Toleranz und Meinungsvielfalt als Gegenmittel für das Böse“ zu propagieren, und „manche zeigten mit anklagenden Fingern nicht etwa auf die Terroristen, sondern auf Amerika selbst.“ Diesen zersetzenden Elementen, liest man zwischen den Zeilen, müsse man doch entschieden entgegentreten.

In ihrem Credo beteuert die 1995 gegründete Organisation allerdings, man wolle nichts anderes, als mit „Absolventen, Geldgebern, Vorstandsmitgliedern und führenden Persönlichkeiten im Bildungswesen im ganzen Land zusammenarbeiten, um die Geisteswissenschaften zu unterstützen, hohe akademische Standards beizubehalten, den freien Austausch von Ideen zu bewahren und sicherzustellen, dass die nächste Generation eine philosophisch-balancierte, aufgeschlossene und erstklassige Bildung zu erschwinglichen Preisen erhalte.“ Klingt gut. Klingt beinahe liberal. Doch der Eindruck täuscht. Ein Blick auf die Mitgliederliste der illustren Vereinigung lehrt uns Besseres. Wer also steht hinter diesen „Rettern“ der amerikanischen Universitäten? Gründerin der Organisation ist Lynne Cheney, Second Lady der USA, Verfasserin von chronisch-erfolglosen Romanen und glühende Verteidigerin konservativer Werte, die auch schon mal den erzreaktionären Patrick Buchanan in der politischen Streitsendung Crossfire vertritt. „Verglichen mit ihren (Cheneys, Anm.) Bemerkungen und ihrer Haltung schien Mrs. Godzilla geradezu sanft“, kommentierte ein Washington-Insider Cheneys Aufstieg zur zweiten Frau im Staat.

Weiteres Gründungsmitglied des ACTA ist der Demokrat und ehemalige Vizepräsidentschaftskandidat Joe Lieberman. Der milde, friedliche und leutselige Senator aus Connecticut, macht zwar seinem Namen zumeist alle Ehre, doch gerade in Fragen des Bildungswesens musste er eine Menge Kritik für seine konservative Haltung einstecken. Während des Wahlkampfs – Lieberman griff dem glücklosen Präsidentschaftskandidaten Al Gore mit einer kräftigen Portion Charisma unter die Arme – musste er einige seiner gemäßigt-konservativen (mehr konservativ als gemäßigt) Ansichten kurzfristig an den Nagel hängen.

Aber zurück zu den ruchlosen Zitaten, deren Auflistung gerade jenen Mangel an akademischer Recherche zeigt, der den liberalen Universitäten vorgeworfen wird – denn in den meisten Fällen ist weder ein Name noch ein Titel, sondern nur die akademische Institution angegeben. Im Übrigen gibt es in diesem Bericht trotz der im Titel enthaltenen Aufforderung „und was man dagegen tun kann“ keine Gebrauchsanweisung für Aktionen gegen diese unpatriotischen Umtriebe. Aber auch hier genügt es, ein wenig über das amerikanische Universitätswesen und dessen Finanzierung Bescheid zu wissen und sich den Namen noch einmal genau anzusehen: Council of Trustees and Alumni sagt dem im amerikanischen akademischen Finanzwesen Versierten eigentlich alles. Trustees sind zumeist finanzschwere Vorstandsmitglieder von Universitäten -und selbst wenn sie selbst nicht allzu begütert sind, so können sie doch die Verwendung der Gelder, die der Institution zur Verfügung stehen, hinreichend beeinflussen. Und bei den Alumni handelt es sich um Universitätsabsolventen, wobei hier nicht separat erwähnt werden muss, dass jene mit der größeren Brieftasche nicht nur die besseren Ansprechpartner sind, sondern vermutlich auch die konservativeren Werte vertreten.

ACTA plant, den Bericht an insgesamt 3.000 akademische Institutionen zu senden und es ist nicht schwer zu erraten, welche Personen als Empfänger fungieren werden: Aber auch für den Fall, dass die „Trustees and Alumni“ zu begriffstutzig sind, um zu kapieren, was von ihnen erwartet wird, ist mit einem zusätzlichen ACTA-Pamphlet vorgesorgt: The Intelligent Donor’s Guide to College Giving erklärt (intelligenten, versteht sich) edlen Spendern, wie sie ihr Geld am Besten in Universitäten investieren oder aber, zwischen den Zeilen, wie sie jenen rötlich gefärbten Instituten ihr Geld so lange vorenthalten, bis dort ein wenig Ordnung geschaffen und aufmüpfige Professoren (wenn möglich unauffällig) entfernt wurden. Teilweise spricht man in Amerika sogar schon von der Wiederkehr des blacklistings (schwarze Listen) oder gar von einer Renaissance von Senator Joe McCarthy oder des House of Un-American Activities Committee. Das allerdings scheint nicht nur verfrüht, sondern auch fehl am Platz. „Jedes Ding hat seine Zeit …“ singt die Marschallin im Rosenkavalier; und die Zeit von McCarthy und seinen brutalen Methoden ist ein für alle Mal vorbei. Heutzutage geht alles einerseits um Vieles subtiler, andererseits um Vieles direkter zu. Hat sich Präsident George W. Bush nicht als Vorbild für die Trustees and Alumni ausgezeichnet, als er damit drohte, er werde Osama bin Laden und seinen Terroristen ganz einfach den Geldhahn abdrehen? Und hat das nicht wunderbare Erfolge gezeitigt? Na also. Man wird doch einem Vorstandsmitglied oder einem erfolgreichen Absolventen einer privaten Universität nicht vorschreiben wollen, auf welche Weise er seine großzügigen Geldspenden einsetzt und welche Bedingungen er daran knüpft! Der Satz „Follow the money“ könnte allerdings den Universitäten, der akademischen Freiheit und der viel gepriesenen und in der US-Verfassung verankerten Redefreiheit zum Verhängnis werden, ehe man sich’s versieht.