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zwei mal klischees übertrumpft

Aarachnes Dorf- und Verwandtenhasser


Ernst Petz (hg.): Das große Dorfhasserbuch - Das große Verwandtenhasserbuch

Wien: Aarachne 2000

Rezensiert von: hermann götz


Das Dorf zu hassen ist in der heimischen Literatur ein reichlich gebrauchter und folglich verbrauchter Topos. Als Reaktion auf den Selbstmord von Franz Innerhofer wurde dies vom heimischen Feuilleton ein weiteres Mal festgestellt. So sehr die sogenannte Anti-Heimatliteratur ein österreichisches Schreiben geprägt hat, so sehr hat sie sich ausgeschrieben. Die großen Wörter über die (un)schönen Tage am Land sind Literatur von gestern.Wer sich trotzdem an einen Dorfhassertext wagt, ist mittlerweile genötigt dieses Thema sehr raffiniert zu instrumentieren, um im Kometenschweif der Winkler-, Innerhofer-, Jelinek-, Kerschbaumer-Nachfolge nicht als blasses Sternchen zu verglühen. Ein schwieriges, aber kein unmögliches Unterfangen, wie in den letzten Jahren etwa Sibylle Schleicher (Das schneeverbrannte Dorf) oder Alois Hotschnig (Ludwigs Zimmer) bewiesen haben. Tatsächlich gibt es weiterhin eine Unzahl an Dorfhassern unter den österreichischen Autoren. Wohl weil es immer noch eine Unzahl an Dörfern in Österreich gibt, die den nimmermüden Schriftstellerhass auf sich ziehen. Die Enge der finsteren Alpentäler wird allerdings nicht durchlüftet, das provinzielle Kulturverständnis wird nicht urbaner und die Sparvereinsphilosophie nicht intellektuell, nur weil sich die Literatur daran die Zähne ausbeißt bis das Lamento über die unheilige Landidylle zum Klischee verkommt. Traurig eigentlich. Denn das ist fast so etwas wie ein Nachweis dafür, wie wirkungslos das heimatliche Hochamt der Literatur seine engagierte Liturgie verpufft.

Nun hat Ernst Petz die Flucht nach vorne angetreten und ein Buch editiert, das ein für alle mal allen chronischen Dorfhassern eine Stimme verleihen will. Petz hat schlicht vermieden das Genre der Antiheimatliteratur irgendwie neu zu verbrämen. Sein Buch ist einfach ein großes Dorfhasserbuch. Das große Dorfhasserbuch eben. Der zum Geleit gedruckte Auszug aus Petz´ Einladungstext macht zudem klar, was sich der Herausgeber von seinen Autoren erwartet: Möglichst heftige Texte. Über zwanzig Autorinnen und Autoren sind dieser Einladung gefolgt und haben kurze literarische Statements zur Idylle, zur Liebe, zur Menschlichkeit, zur Natur, zur Beschaulichkeit oder zur sinnvoll ruralen Tradition abgeliefert. Selbstverständlich wird in Wahrheit Brutalität und Absurdität beschrieben, Gemeinsamkeit, die sich als Gemeinheit manifestiert, der vielzitierte ländliche Mief und die Finsternis der Unorte. Vieles ist dabei schlicht als Reminiszenz an den Mythos vom dumpfen Dorf anzusehen. Überzeugender lesen sich jene Texte, die diesen Mythos zu drastischen Miniaturen verdichten (etwa Frosch & Mantel von Peter Bosch und Der Kettenhund von Michaela Opferkuh) oder abweichend vom vorgegebenen Grundton des Buches nach einem neuen, oft humoristischen Zugang zur Dorfhasserwelt suchen (so die hinreißende Geschichte über Zwetschkenmus und Abwaschfetzen von Hahnrei Wolf Käfer oder Heinrich Steinfests absurde Eiserne Eier, wo anschaulich beschrieben wird, wie nahe sich drei Wiener und ein Außerirdischer kommen können, wenn sie gemeinsam und unfreiwillig Fremde in einem Kärntner Dorf sind). Wer jedoch lesend Konsequenz beweist und sich jeden einzelnen der vertretenen Texte zu Gemüte führt (wie es das Pflichtgefühl des Rezensenten verlangte), läuft Gefahr vor lauter auf schrille Pointen hin zugespitzter Pamphletliteratur die Lust am Land-Frust zu verlieren. Zwar ließe sich einwenden, dass es nicht Sinn und Zweck einer Anthologie ist, dass der Leser alles Gebotene wahllos verschlingt, doch hätte, so meint der Rezensent, Ernst Petz ruhig wählerischer sein können. Übertreibung ist ein oft effektives Stil- aber kein Qualitätsmerkmal. Das ist besonders zu betonen, weil es ebenso für Petz umfangreiches Nachfolgewerk Das große Verwandtenhasserbuch gilt, auch wenn die bezeichneten Schwachstellen hier womöglich anders zu begründen sind. Zwar ist Hass in Bezug auf die Sippschaft nicht unbedingt eine besondere Eigenheit der österreichischen Literatur (auch hier ließe sich auf Alois Hotschnig verweisen), dafür aber ein weltweit prominenter Stoff und zudem ein Zustand, der jeder von der Pubertät gestreiften Persönlichkeit sehr vertraut erscheinen muss. Letzteres kann die teils tatsächlich als pubertär zu beschreibende Erscheinung der Texte erklären, ihnen auch einen Kontext und damit eine Sinn verleihen. Das Qualitätsgefälle, das innerhalb der Anthologie besteht, lässt sich so allerdings nicht begründen. Wie auch im Dorfhasserband finden sich zwischen einer guten Zahl unkonventioneller und sprachlich ausgefeilter Beiträge Texte, die völlig außer Acht lassen, dass sich die Möglichkeiten der Literatur nicht im Imaginieren eines möglichst heftigen Plots erschöpfen. So etwa Michael Tillmanns um morbiden Thrill bemühter Beitrag über enttäuschte Mutterliebe, oder Reinhold Stumpfs Geschichte eines ertappten Wichsers, wo unter dem Motto Das Leben im Gemeindebau / macht selbst ein Frommes Lamm zur Sau wortstark sämtliche einschlägigen Stereotypen und Sozialklischees zerkaut werden. Doch sollen auch die schöneren Seiten des Buches erwähnt sein: Christa Brauner (Perspektiven) und Doris Nußbaumer (Patrick, siebeneinhalb) überzeugen durch eine souveräne und spannende sprachliche Nähe zum Dargestellten und heben sich dadurch wohltuend von manch anderem Text ab. Maria Edelsbrunner (Pestonkels achtzigster Geburtstag) oder Jörg Borgerding (Mamas Spucke) wählen einen schlichten, aber fein gestimmten Erzählton. Sippschaft gerät unter ihrer Feder zu einem alltäglichen, aber täglich grausamen Phänomen, das keines Horrors bedarf, um zu überzeugen. Bemerkenswert Die Macht der Wiederholung von Marlen Schachinger, ein vergleichsweise langer Text, der sich sehr behutsam mit Kindesmissbrauch innerhalb der Familie auseinandersetzt, oder auch Bettina Balàkas stilsicheres Pseudomärchen (Wie Aschenputtels Stiefmutter ein schreckliches Ende nahm). Unbedingt zu erwähnen ist schließlich Uwe Neuholds Kafka-Plagiat Insekten, wo der berühmte Plot der Verwandlung verkehrt auftritt. „Aus unruhigen Träumen erwacht, fand Gregor Samsa eines Morgens seine Familie in lauter Ungeziefer verwandelt“, hebt Neuhold in Kafka-Manier an. Was folgt ist der leise anwachsende, aber unausweichliche Schrecken, der sich erst gegen Ende des Textes in seiner Eigenart von jenem nüchternen Grauen entfernt, das jedem Kafkaleser bekannt sein muss.

Es findet sich in Petz´ Büchern genügend Material, das eine Vorstellung davon vermittelt, wie wirklich originelle Anthologien aussehen würden, die dem jeweils strapazierten Genre neue Fassetten abringen oder die vielfach gesichteten Klischees als Farce aufbereiten könnten. Erschienen sind zwei Aarachne-Bände, deren Titel viel Leselust versprechen, deren Textauswahl sich jedoch weder konsequent an herkömmlichen Qualitätskriterien noch an einer stringenten Strategie, diese zu unterwandern, orientiert. Schade.