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das erbe der kreativen

oder was Fast-Food mit einem Lexikon zu tun hat


Lou A. Probsthayn: Müll.

München: Yedermann Verlag; 2002

Rezensiert von: astrid rosmann


Lou A. Probsthayns neuen Roman kann nun jedermann lesen vielleicht auch verstehen, aber zumindest wollte yedermann Müll verlegen und kauderwelschte* seinen Autor nicht an.
Die „irren Neugeborenen“ sind der Nachlass von Trash, dem Protagonisten des Romans und das Erbe der Kreativen, die den Bildungsauftrag der Stadt, in diesem Fall Norden, übernommen haben.
Norden ist eine Stadt in Deutschland und Norden ist ein Lebensgefühl, sowie alle handelnden Personen eine Lebenseinstellung sind. Der ganze Roman lebt u. a. durch seine Sprache, eine Sprache die schnell sein will, eine Sprache, die sich der Zeit anpassen will, eine Fast-Food-Sprache wie Trash sie nennt.
Trash schluckt bittere Pillen, begleicht seine Schulden mit Schulden und füllt seinen Bauch mit Rauch. Schulden sind das Kapital von Norden, seine Einwohner beteiligen sich je nach sozialem Stand am Markttreiben und das Erziehungsprogramm liefert die Werbung. Im Casino lassen sich Schulden dazugewinnen und auch verlieren.
Geldscheine zu verlieren ist hingegen in Norden strengstens untersagt. Auf der Flucht vor der Post, der Stadtsicherheit oder dem Schlüsseldienst findet Trash sich in einem Bildungsauftrag wieder. Er sammelt die Sprache der Werbung, lässt die ‚irren Neugeborenen’ zu Alltagssprache werden und beginnt ein Lexikon.
Dann begegnet er Dirty und meint, dass es Zeit für einen Sozialkontakt sei, wie Trash sich auszudrücken pflegt. Dirty kommt von der anderen Seite, aus der Welt der Ideen – aus der Werbung. Um einen Sozialkontakt muss man sich heute bewerben, virtuell und verbal und Trash loggt sich mit seinen letzten Münzen in den InterChat ein ...
Mit viel Sprachwitz und Wortakrobatik flößt Lou A. Probsthayn seinem Roman das Leben ein und lässt den Leser schmunzelnd Trashs Geschichte ertragen.
Manchmal erinnert Trashs Sprache an den Autor persönlich, z. B. wenn man das Gespräch Probsthayns mit G. Gerlach im Netz kennt. Und man denkt immer wieder einmal an das Hamburger Dogma – auch auf www.probsthayn.de zu finden – indem verschiedene Autoren – unter ihnen Probsthayn – folgende Forderungen an die Literatur stellen:
1. Adjektive sollen vermieden werden. 2. Gefühle sollen nicht benannt, sondern dargestellt werden. 3. Gebrauchte Metaphern sind verboten. 4. Es muss im Präsens geschrieben werden. 5. Ein Satz hat nicht mehr als fünfzehn Worte. 6. Die Perspektive darf nicht gewechselt werden. 7. Der allwissende Erzähler ist tot. 8. Jeder Text, der das Hamburger Dogma erfüllt, soll vom Autor als solcher gekennzeichnet werden.
In Trashs Bemühungen die Mutanten der Sprache zu retten, fühlt man sich Probsthayn auf der Spur und taucht gleichzeitig in eine Welt sprachlicher Kuriositäten während man sich unbemerkt durch Müll nach Norden liest.

*aus: „Die irren Neugeborenen“. Lexikon von Trash: kauderwelschen; z. B.: „Unsere Absage bedeutet weder ein Werturteil noch mangelndes Interesse an ihrem Manuskript. Nur lassen sich leider seltener als wir selber möchten neue Autoren in einem langfristig geplanten Programm unterbringen. Mit der herzlichen Bitte um Nachsicht“, kauderwelschte ihn der Brief an.