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der coyote singt schön

Das neue Buch des Linzer Autors Christoph Janacs erzählt magisch-reale Geschichten aus dem heutigen Mexiko


Christoph Janacs: Der Gesang des Coyoten. Mexikanische Geschichten

Innsbruck: Haymon; 2002

Rezensiert von: jürgen plank


Mexiko ist ein facettenreiches Land: Schon lange vor der Kolonialisierung – Hernan Cortez landet 1519 in Veracruz und macht die Region zu Neu-Spanien – gab es die Hochkulturen der Maya und der Azteken. Heute ist Mexiko reich und arm, modern und rückständig, neoliberal und kolonial strukturiert. Hier leben Weiße, Mestizen und Indigene, im urbanen Mexiko City und im ländlichen Chiapas.
Zwischen diesen Gegensätzen spielen die Mexikanischen Geschichten in Der Gesang des Coyoten. Raffiniert verspinnt Janacs die Geschichten, die ebenso für sich stehen könnten, miteinander, indem er Figuren wie den Herumtreiber „El Loco“ („Der Verrückte“) gleich in mehreren Geschichten auftreten lässt; einmal in der Haupt- dann in der Nebenrolle. So eröffnet der Autor einen immer umfassender werdenden Panoramablick auf Mexiko. In bester Shortstory-Manier spielt der Lyriker Janacs seine Stärken aus: Die genaue und fantasievolle Beschreibung von ländlichen wie urbanen Räumen und von menschlichen Verhaltensweisen.
Wunderbar ist die Geschichte Es hört nicht mehr zu regnen auf: „Er stand auf, obwohl er noch nicht ganz munter war“ schreibt Janacs darin etwa. Oder: „Ihm war, als sei er in einen falschen Traum geraten, aus dem er jetzt nicht herausfand.“ Santiago Guzmán, die Hauptfigur dieser Geschichte, zieht im Verlauf des Buches vom Land in die Slums von Mexiko-Stadt – so wie das täglich rund 1600 Menschen in Wirklichkeit tun. Trotz solcher realen Bezüge erinnert Janacs Stil immer wieder an den magischen Realismus lateinamerikanischer Literatur, an Gabriel García Márquez der eine ähnlich verregnete Geschichte geschrieben hat: Isabels Monolog beim Betrachten des Regens in Macondo.
Janacs, der auch schon als Übersetzer aus dem Spanischen tätig war, ist ein Wissender – und das macht sein jüngstes Werk zu einem besonderen Leseerlebnis. Es ist stets spürbar, dass er Mittelamerika bereist hat und sich insbesondere in Mexiko-Stadt gut auskennt. In Das Auge thematisiert er den 1994 im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas ausgebrochenen Konflikt zwischen dem Zapatistischen Heer der Nationalen Befreiung (EZLN) und der Regierung. Dabei erzählt Janacs solange auktorial abwechselnd über einen 17jährigen Regierungssoldaten aus der Hauptstadt und über einen chiapanekischen Bauer, der auf der Seite der Zapatisten kämpft, bis die beiden einander schließlich gegenüber stehen – Stellvertreter zweier Welten, die in einem Staat existieren.
Zwei Welten verbindet auch das indigene Motiv des Coyoten: Dem Nagual-Konzept Mesoamerikas entsprechend, bei dem der indigene Schamane mit einem Tier assoziiert wird, ist der Coyote bei Janacs das Alter Ego eines Menschen. Stirbt der Mensch, so stirbt auch sein Nagual. Folgerichtig schickt Janacs die Hauptfigur der das Buch abschließenden Titelgeschichte in die Wüste, um dort einen Toten zu treffen. Statt des Toten erscheint aber dessen Coyote, sein Gesang hallt durch die Nacht.