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der fetzenball

anna schober | der fetzenball

Von der Mutation neuester Mode zum Putzutensil

Der Abwaschfetzen liegt am Rand des Waschbeckens: ein halbes altes Kinderunterhemd, graubraun schon, vom steten Gebrauch, immer feucht und gewohnt, Töpfe genauso auszuwischen wie die Herdoberfläche abzustauben oder die Tischplatte zu säubern. Irgendwann wird er weggeschmissen und die andere Hälfte des Kinderunterhemdes in Gebrauch genommen werden. Aber dazu kommt es nicht mehr. Mit spitzen Fingern greift der junge Mann, der auf Besuch in Omas Wohnung ist, zu, nimmt den Fetzen, wirft ihn in das Herdfeuer und legt an seine Stelle frischgekaufte Wettex an den Rand des Waschbeckens: „und das du mir aufhörst, solche Bakterienherde in deiner Wohnung zu züchten”, hört der alte Abwaschfetzen ihn noch sagen, bevor er von den Flammen zischend verschlungen wird.
Schnell nimmt der kleine Sohn des Besuchers den etwa faustgroßen Fetzenball, mit dem die Katze in der Ecke spielt, an sich, versteckt ihn unter dem Pullover und folgt seinem Vater stolpernd zum Auto. Der Junge ist genau so groß, dass er seinem Vater bis an die von einem Messinggürtel umschlungene und in Denim verpackte Mitte reicht und mit den Fingern in die etwa in Kniehöhe sich befindenden Löcher und Risse seiner Jeansbeine greifen kann. Dort, an diesen Löchern und Rissen, hält er sich fest und fragt mit zur Seite geneigtem Kopf: „Besuchen wir die Katze bald wieder”?
„You must prepare yourself for being”, schrieb der italienische Künstler Michelangelo Pistoletto Mitte der 60er-Jahre auf die Wände seiner Wohnung und begann etwa zur selben Zeit eifrig Fetzen anzusammeln: für Skulpturen wie Muro degli stracci (1968), Orechestra di stracci (1968) oder Venere degli stracci (1967/68). Das Sein durch Fetzen erleben, darum scheint es hier zu gehen: durch das Hören von Fetzen, durch das Betrachten von Fetzen, durch das Wandeln quer durch Fetzen-Haufen, durch das Sich-Fetzen-Gegenüber-Nackt-Aussetzen.
Auch der junge Anti-Abwaschfetzen-Mann findet sich selbst stetig im Spiegel im Fetzen-Look reflektiert – zerschlissen, abgerissen, sich selbst näher: saubere Fetzen haben mit dreckigen Fetzen eben nichts zu tun. So gesellt sich abends ein zerlöchertes, aber blendend weißes T-Shirt zu den aufgerissenen Jeans und der junge Mann trifft Stunden später, als der kleine Junge schon, den Fetzenball fest umschlungen haltend, im Bett liegt, auf eine junge Frau im edlen Lumpen-Kleid: noch eine „Venus in Fetzen”. In einer Bar, in der er sich mit ein paar Freunden ein Fußballmatch angeschaut hat, fängt plötzlich diese Gestalt seinen Blick – zerzauste Haare, ernste, bestimmte Gesichtszüge und die Formen eines feingliedrigen, überschlanken, fast schon ein wenig abgezehrten Körpers, den ein dünner, ausgefranster Stoff nur unzureichend bedeckt. Die unregelmäßigen Zacken und Fransen am Dekolleté lassen ziemlich viel von den Brustwölbungen sehen, die Armkugeln lugen aus den leicht gebauschten, aber knapp abgerissenen Ärmeln heraus und der Rock umspielt körpernah in langen Fetzenbahnen und mit vielen Schlitzen die Hüften und Beine. Das Muster des Kleides nimmt die Streublumen von Großmutters Kochschürze auf, aber alles ist hier in ein Blaugrau getaucht – ein ausgewaschenes, fast schon verwaschenes Taubengrau, in das sich bei jeder weiteren Wäsche ein paar unregelmäßige Verfärbungen mehr mischen werden. Dem jungen Mann wird plötzlich schummrig im Magen und er fährt mit einer Hand vor seinen Augen durch die Luft, wie um ein Bild zu verwischen oder eine Erscheinung zu verscheuchen: Handelt es sich bei dem gerade Erfahrenen nicht vielleicht um eine Tagtraum-Figur genährt von der Coca-Cola-Werbung, die er in letzter Zeit immer wieder im Kino gesehen hatte? Und vor ein paar Wochen war er in einer Zeitung auch auf das Foto einer Kindfrau aus den brasilianischen Favelas gestoßen: mit ebenso großen Augen, zerzaustem Haar, einem feingliedrigen, schmalen Körper und einem sexy Fetzenkleid. Nichts da: seine, in den ausgefransten Denimhosen steckenden Beine setzen sich plötzlich in Bewegung, die Hüften, mit dem kleinen Riss unter der Tasche und den weißen Bleichstreifen entlang der Faltenwülste, schieben sich nach vorne und bewegen sich auf das von den Fetzenzacken umsäumte Dekolleté zu.
Wir alle wissen wie diese Geschichte ausgegangen ist. Nun liegen der Anti-Abwaschfetzen-Mann und die Lumpen-Look-Frau schon seit Monaten mit- und nebeneinander im Bett und schauen sich im Fernsehen Filme wie jetzt zum Beispiel Fightclub an. Plötzlich erhebt sich der junge Mann, wie einer Eingebung folgend, aus dieser entspannten Lagerposition, geht in das Zimmer seines Sohnes, betrachtet ihn und nimmt diesem dann ganz sachte den Fetzenball aus der schlafwarmen Faust. „Krankheiten kann er davon kriegen”, stößt er leise und wütend heraus und wirft den Ball in eine für die Altkleidersammlung bestimmte Riesentasche in der schon ein ganzer Haufen anderer ausrangierter Textilien zusammengeknüllt liegen. „Morgen bring‘ ich das ganze Zeug weg, schrecklich, wie viel wir davon ständig ansammeln”, murmelt er noch, bevor er sich wieder auf die von einem ausgebleichten violett-grauen und an den Ecken etwas eingerissenen, aber frisch gewaschenen und nach Patschouli duftenden indischen Fransentuch bedeckte Bettstatt legt.
Zwischen einem rot-braunen, an verschiedenen Stellen unregelmäßig geschlitztem T-Shirtkleid und einer an den Beinen etwas ausgefransten, ehemals schwarzen, nun aber dunkelgrauen Jeans liegend, spürt der Fetzenball nach einiger Zeit plötzlich, dass sich etwas bewegt: Er wird hochgehoben und anscheinend setzt sich die ganze Tasche mit all den alten Fetzen nun in Bewegung. Er hört das Schließen der Haustür und kurz darauf Schritte auf dem Asphalt – offenbar von Füßen, die in hochhackigen Schuhen stecken. Dann dringt bruchartig Licht in seine Taschenwelt und all die Kleidungsstücke kommen in Bewegung und verschwinden schließlich hastig einzeln oder in Gruppen. Mit einem Ruck wird die Tasche auf den Kopf gestellt und der Fetzenball landet kopfüber auf dem Asphalt – rollt dann aber noch ein paar Meter weiter, bis ans andere Ende des Altkleidercontainers. Die junge Frau, diesmal in Jeans und engen, türkis-blau-grauen Pullover mit großen Löchern gekleidet, die Haare mit einem schwarzen Fetzentuch zurückgebunden, stopft die letzten Kleidungsstücke, die noch aus dem Containerfenster herausschauen, fest in dessen Inneres, schließt die Tasche und verlässt, Tak-Tak-Tak-Geräusche verbreitend, den Platz. „Das kann ja heiter werden. Was soll ich denn machen, wenn es zu regnen beginnt”, seufzt der Fetzenball und beschaut neugierig seine neue Umgebung.
Neben dem Altkleidercontainer stehen auf dem kleinen Asphaltplatz noch mehrere Flaschenbehälter und Papierkörbe und gegenüber, an der Klostermauer, ist eine ganze Batterie von Müllbehältnissen aufgereiht: ein schon übervoller Container für Papier, ein anderer für Kompost, wieder ein anderer für Plastik und mehrere für ganz normalen Allerweltsmüll. „Na ja, eben eine Wegwerfgesellschaft”, geht es dem Fetzenball durch den Sinn und er wendet seinen Blick in die andere Richtung. In der Mitte des Platzes und etwas von all diesen Abfallbehältnissen entfernt steht eine Reihe von Bänken, über die sich Bäume mittleren Alters ausbreiten. Und hier, auf diesen Bänken, befindet sich auch eine kleine Gruppe von Menschen, die etwas Leben in das brütende Platzleben bringen. Drei Männer älteren Jahrgangs, mit langen Haaren und ungepflegten Bärten verströmen einen so intensiven Geruch, das der Fetzenball sich unwillkürlich etwas fester in sich zusammenzog. Sie tragen offenbar seit Wochen und nicht von einer einzigen Wäsche unterbrochen Jeans oder Anzughosen, sowie ebensolche, leicht aufgerissene Sakkos über T-Shirts, Sweatshirts und diverse Lagen von Hemden sowie Unterhemden. In ein lautstarkes, aber nicht besonders aufgeregtes Gespräch verwickelt, scheint sich diese Gruppe in ein Thema verbissen zu haben: jedenfalls werden die selben Worte meist mehrmals, mit nur geringen Abwandlungen, wiederholt. Dabei geht ein Tetrapack rundum und wird schließlich von einer nicht mehr ganz sicheren Hand an den Mund geführt – die rote Flüssigkeit umspült den Mund und ein Teil davon fließt auch in den Bart, bevor er auf Pullover und Hose tropft und unsachte mit einer heftigen Bewegung weggewischt wird.
Das Gespräch der drei Alten dreht sich um eine von Ihresgleichen: die Maria, die jahrelang mit ihren von Fetzen vollgestopften Plastiktüten im Sigmund-Freud-Park am Schottentor gehaust hat: Zehn oder mehr Kleider, Hosen und Pullover übereinander, drei Mützen am Kopf und ein Tuch über den Augen und das Ganze von einer wie einen Umhang getragenen Decke gekrönt hat sie den ganzen Tag ihre Plastiksäcke bewacht und sie von einer Ecke des Parks und einer dort entwickelten Ordnung in eine andere Ecke und eine andere Ordnung transportiert. Sie hatte, wie die drei Jungs sich immer wieder gegenseitig versicherten, den Plastiksackerlwahn, eine Fixierung, und sie war darin so vertieft, dass nicht einmal zehn Tetrapack mit Wein ihren Blick von dem ihr anvertrauten Zeug ablenken konnten. Den Plastiksackerlwahn haben ja auch andere: eine Vielzahl von mit Kleidern und anderen Sachen gefüllten Tüten kann man in den Einkaufsstraßen ja an fast jedem Handgelenk baumeln sehen, aber der von der Maria sei schon speziell gewesen. Und jetzt, seit ein paar Monaten, ist sie verschwunden, und keiner weiß, wo sie und ihr Zeug Aufnahme gefunden haben. Ob sie wohl gestorben ist, gar erfroren? Ganz schön unvorstellbar, bei all dem, was sie stets am Leib getragen hat.
Der Fetzenball ahnt schon, dass sich etwas Gefahrvolles dieser sich ihm darbietenden Idylle nähert, als er plötzlich Hundegebell, das Rasseln von Ketten und das Klappern eines Fahrrades hört. Von unten nach oben erblickt er der Reihe nach: Zwei Paar dicke Doc-Martens-Stiefel, aus denen gestrickte Streifensocken herausschauen, Military-Look-Jeans mit tiefen Schlitzen und großen Löchern über violett-gefärbten Männerunterhosen bzw. gestreifte, an den Knien zerrissene und mit Flicken versehene Jeans, das Ganze jeweils mit Ketten verschnürt, Sweatshirts, darüber je ein T-Shirt bzw. ein Netzleiberl und schließlich, als äußerste Schicht, ein Parka und eine Lederjacke. Ganz oben lugt aus diesen Kleiderassemblagen je ein kahlrasierter Schädel hervor, mit vielen Ohrsteckern, sowie Augenbrauen- und Lippenpiercing-Ringen. Wie die Landsknechte des 30jähigen Krieges, die sich ebenfalls nicht um die sonst so üblichen Kleiderordnungen scheren mussten, marschieren sie schroffen Schritts am Altkleiderkontainer vorbei. Einer der beiden schiebt ein Fahrrad, der andere führt zwei große braun-schwarze Schäferhunde an der Leine und jeder hält eine Bierdose in der mit vielen breiten Lederbändern an den Gelenken umschlossenen Hand. Die beiden gehen mit schlaksigen Bewegungen zielsicher auf die hinterste der Bänke zu und lassen sich dort nieder. „Hei, ihr da, Maul halten, wir haben die ganze Nacht kein Auge zugemacht”, stänkern sie in Richtung der drei Alten. „Selber Maul halten”, antwortet einer der drei. Daraufhin erhebt sich der Junge mit dem Netzleiberl, geht näher an die Bank der drei Alten heran und gibt ihr einen festen Fußtritt: „Mal sehen, wer hier, hinter unserer Schule, das Sagen hat.” Die Oberkörper der beiden Boys richten sich auf, die Schultern gehen zurück, die Muskel spannen sich an und alle Feinheiten der eigenen Aufmachung werden so gewissermaßen in den Vordergrund gedrückt und optimal zur Schau gestellt. Und auch die Alten richten sich auf, nehmen Haltung an und zeigen mit ihrem Blick sowie mit ihrer Körper- und Kleidersprache an, dass sie sich von diesen beiden Eindringlingen nicht so einfach vertreiben lassen werden.
Auch die Arbeiter der französischen Revolution, die „Sans-Culottes”, haben sich mit ihren abgerissenen, ausgefransten Hosenbeinen den Pumphosen des Adels entgegengestellt. Seit damals heißt es: Ganz nah am Körper, ganz mit dem Körper streiten; mit den äußeren Hüllen, aber auch mit Wortstücken und dahingefetzten Handlungen provozieren wir uns gegenseitig. Sein gegen Sein. Bedeutet dies, dass wir in einem Fetzenstaat leben? Wohl kaum, denn die Politiker und Politikerinnen in diesem Staat treten kaum jemals in Lumpen auf, sie tragen Anzüge mit gebügelten Hemden oder Kostüme und Kleider mit vielen Nähten und Abnähern. Am Fetzenball gehen sie achtlos vorbei, zum Beispiel zum Foto-Termin – wo sie dann unter Umständen auch alle Hüllen fallen lassen.
Der Fetzenball rollt, durch die diversen Bewegungen auf dem Platz angetrieben, in noch ein paar unterschiedliche Richtungen, bevor er eines Tages von einer ordnungsliebenden älteren Frau aufgehoben und in den Altkleidercontainer zu den anderen ausrangierten Fetzen gesteckt wird. Von dort aus geht es weiter – seine Reise bringt ihn in ein anderes Land, wo er dann aufgerollt, neu verwebt und schließlich als Fetzenteppich wieder zurück in seine alte Welt verschifft werden wird: Und so kommt es, dass der ehemalige Fetzenball doch noch einmal in der selben Wohnung landet – nun allerdings regelmäßig bei 30 Grad waschbar. Die Fetzen, in die wir uns einmal verschaut haben, werden wir anscheinend nicht so schnell wieder los.