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der ganze sirup, saft, sog

Eine Anthologie schöpft aus dem Halbvollen der neueren österreichischen Wortartistik


Petra Nachbaur und Sigurd Paul Scheichl (Hg.): Sprachkurs: Beispiele neuerer österreichischer Wortartistik 1978 – 2000.

Innsbruck: Haymon; 2001

Rezensiert von: helwig brunner


Es gibt eine experimentelle Poesie nach Jandl und Artmann. Sigurd Paul Scheichl, Professor für österreichische Literaturgeschichte an der Universität Innsbruck, und Petra Nachbaur, die selbst als Autorin experimenteller Gedichte auftritt, haben ein spannendes Buch herausgegeben, das Anlass und Ausgangspunkt für Diskussionen über diese Art von Literatur sein kann. Der Bogen der Texte setzt mit 1978 ein, dem Erscheinungsjahr der 44 Gedichte von Reinhard Priessnitz (ihm ist auch der Titel dieser Rezension entlehnt), und spannt sich bis in die Gegenwart, in der AutorInnen der 1950er- und 1960er-Geburtsjahrgänge den experimentellen Ton angeben.
Die Leseeindrücke, die sich beim Blättern durch den 238 Seiten starken, in schneeweißem Hardcover ansprechend gestalteten Band einstellen, sind vielfältig, setzt doch das sprachgestaltende Spiel in unterschiedlichster Weise bei der visuellen Erscheinungsform des Textes, auf der Sinnebene der Wörter, bei der klanglichen Qualität der Silben oder im gleichsam atomisierten Buchstabenmaterial an. Das lesende Gehirn meldet Qualitäten von saftig bis klebrig, von frisch bis verbraucht (oder auch niemals unverbraucht gewesen); die Textauswahl bietet nach Meinung des Rezensenten ebenso gute Beispiele für das Gelingen wie für das Misslingen experimenteller – oder, um der Diktion der Herausgeber zu folgen, „wortartistischer“ – Gedichte. Nicht jedes Gedicht, das artistisch sein will, erreicht die klanglüsterne Kraft der Verse eines Reinhard Priessnitz oder schafft so erschütternde Nachbarschaften von Erheiterung und Grauen wie Ernst Jandls schtzngrmm. Mitunter ist fröhlich-beschauliche Gedankenlyrik – ein bisserl sprachreflexiv, ein bisserl gesellschaftskritisch – in die Auswahl geraten und unter den neuesten Textbeispielen plumpst mancher politische Vers allzu plump von links ins Gedicht.
Die Herausgeber begnügen sich nicht damit, einen germanistisch fundierten Querschnitt durch die literarische Arbeit der Kinder und Enkelkinder der Wiener Gruppe unter besonderer Berücksichtigung wenig bekannter Textbeispiele zu präsentieren. Ihr engagierter „Sprachkurs“ soll, so verrät uns das Nachwort, „den Kurswert von Autorinnen und Autoren erhöhen, die sich nicht an den Kulturbetrieb verkaufen“. Gleichzeitig will er „als zukunftsweisendes Kursbuch Stationen verzeichnen, an denen anzuhalten sich für den Freund der Literatur lohnt“. Welche Zukunft da gewiesen werden soll, bleibt allerdings unklar, denn eines steht wohl außer Zweifel: Aus der literarischen Avantgarde, vor gar nicht allzu langer Zeit stürmische Vorhut einer mutigen und avancierten Sprachkunst, ist mittlerweile eine Tradition, ja ein Kapitel österreichischer Literaturzeitgeschichte geworden. Wie immer man heutigen oder künftigen Versuchen einer Fortschreibung der experimentellen literarischen Avantgarde gegenübersteht – interessante und instruktive Einblicke in dieses Kapitel, dessen Originaltexte vielfach schwer zugänglich in Kleinstverlagen und Zeitschriften publiziert sind, gibt die Anthologie auf jeden Fall.