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die kunst, schlechte bücher zu schreiben

M. G. Wanko hat es wieder nicht geschafft. Über seinen neuesten Roman Ken


Martin G. Wanko: Ken. A Crime Story

Wies: edition kürbis; 2002

Rezensiert von: hermann götz


Es gibt Autoren, die es verweigern, in ihren Romanen auf herkömmliche Weise eine Geschichte zu erzählen. Und es gibt Autoren, denen die Story, die sie erzählen, schlichtweg egal zu sein scheint. Der kleine Unterschied offenbart sich im Lauf der Lektüre. 

Martin G. Wanko gehört zweifellos der zweiten Gruppe an. Der Plot, den er für seinen Roman Ken entwirft, lebt von seiner Exposition: Der Ich-Erzähler killt einen Strichjungen, bringt ihn zu sich nach Hause und dekoriert ihn nach dem Vorbild Kens – der männlichen Barbie-Puppe. Im Verlauf der Handlung verirrt sich der Erzähler zwischen Alpträumen und Verfolgungswahn, die Geschichte stolpert über die zunehmend verwirrte Phantasie des erzählenden Ichs, laviert zwischen Sex- und Crime-Szenen hin und her und bleibt schließlich am aktionistischen Blut-und-Beuschl-Gemälde kleben, das Wanko lustvoll entwirft. 

Bald ist klar, dass der Ich-Erzähler weder psychisch noch real Herr seiner selbst, das Geschehen eine Inszenierung, die Kette der Gewalt ein Komplott ist. Was die exerzierten Brutalitäten jedoch noch lange nicht erklärt. In Wankos Plot ist von Anfang an alles grundlos, wird nicht erläutert, interpretiert. Damit umschifft der Text ganz locker eine Reihe von Peinlichkeiten. Mit der Motivation der Verbrechen schwindet aber auch die inhaltliche Motiviertheit des Erzählten. Wankos unverhohlene Liebe zum Klischee macht zudem deutlich, dass das skizzierte Geschehen nicht der Schwerpunkt dieser Prosa sein kann, sondern nur deren genrebedingter Rahmen. 

A Crime Story ist der Untertitel von Wankos Roman, wobei „Story“, wie gesagt, ein bisschen viel versprochen ist. Der Text ist eher wie ein Videoclip gebaut, der die verkürzten Phrasen eines Gangster-Rap-Songs untermalt. Alles ist hier in dramatisches Zwielicht getaucht, alles berauscht und benebelt, der Tonfall professionell cool, obwohl ständig Erregung suggeriert wird. Die Kunst des coolen Understatements wird zum vordringlichen Anspruch, den das Werk an sich stellt, insofern bilden hier Stil und Inhalt eine gelungene Synthese. 

Das Zentrum des Romans ist seine Ästhetik. Und die ist – für alle, die Wanko kennen, braucht es nicht gesagt werden – in der Trashkultur zu Hause. Ken ist ein kleiner Schund-Schinken. Oder möchte zumindest einer sein. Das Konzept des billigen Verbrecherromans, wird von Wanko nämlich nur insofern eingelöst, als er Tonfall und Szenario des Genres reproduziert. Im Zuge der Lektüre wird jedoch zunehmend der Bruch mit dem Heftromanniveau manifest. Der Autor greift Sprache und Themenstellung der Crimestory auf, lässt sich aber nicht auf deren meist simpel, doch solide gestrickte Handlungsmuster ein. Nachdem Wanko bislang alles mögliche gefaket hat, legt er nun einen Crimestory-Fake vor, einen Text, der nach stilechtem Verbrecherroman riecht und dabei doch nicht mehr – oder nicht weniger – ist als ein typisches Elaborat aus der betont unappetitlichen, chaotischen Wankowelt. Das Problem bei diesem Konzept ist: Ken frönt einem klischierten Bild- und Themenarsenal, das aus der Unterhaltungsliteratur bekannt ist, verweigert aber jegliche Unterhaltung. Der Text ist einfach zu cool, um dem Leser entgegenzukommen. Schade eigentlich. So hat Wanko wieder einmal ein ziemlich mieses, aber doch kein wirklich schlechtes Buch geschrieben.