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die vertreibung der kärntner slowenen

peter paul wiplinger | die vertreibung der kärntner slowenen

Die „Aussiedlung“ ging binnen zweier Tage von statten. Die Wiedergutmachung lässt seit 60 Jahren auf sich warten

Am frühen Morgen des 14. April 1942 drangen Einheiten des Reservepolizeibataillons 171 bis zu den entlegensten Gehöften von Kärntner-slowenischen Bauernfamilien vor und erfüllten den Einsatzbefehl der Dienststelle des RKFDV (Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums), der die Deportation von ca. 1.000 Kärntner-Slowenen anordnete. Die Aktion war generalstabsmäßig und im Geheimen geplant, sodass sie wie vorgesehen am darauffolgenden Tag bereits abgeschlossen war. Alle Personen wurden zur Registrierung in das Zwischenlager Ebenthal gebracht und dann von dort in bereitgestellten Sonderzügen von Klagenfurt aus in die vorgesehenen Lager im „Altreich“. Die Übergabe ihres Vermögens hatten die Ausgesiedelten mit ihrer Unterschrift zu bestätigen. Ihre Höfe wurden gleichzeitig umgesiedelten deutschen Kanaltalern übergeben oder an einheimische Interessenten und Parteigenossen verpachtet.
Die für die „Aussiedlung“ vorgesehenen und seit langem schon auf Listen zusammengefassten Personen waren der NS-Diktion nach „unzuverlässige Elemente“, denen man subversive Kontakte nach Jugoslawien unterstellte. Es waren national gesinnte Slowenen, die an ihrer Muttersprache und an ihrem Volkstum, somit an ihrer Identität festhielten, sich in der Volkszählung vom 17. Mai 1939 unvorsichtigerweise oder bewusst als solche deklariert hatten. Es waren auch Funktionäre von slowenischen Organisationen unter ihnen und Angehörige aus etwa 200 Familien, die als „volks- und staatsfeindlich“ angesehen wurden. Unter den Ausgesiedelten gab es viele Kinder und alte, auch kranke Menschen. Sie alle wurden in strohbeschüttete Viehwaggons verladen und auf die Reise ins NS-deutsche „Altreich“ geschickt; dort in Lager eingesperrt, der Zwangsarbeit zugewiesen, unter repressive Aufsicht gestellt. Es war ihnen verboten, untereinander ihre Muttersprache zu sprechen. Wer sich nicht fügte und gegen die Verbote verstieß, den erwarteten harte Sanktionen; bis hin zur Einweisung in die KZ Dachau, Mauthausen, Ravensbrück. Die Burschen wurden zwangsrekrutiert zur Deutschen Wehrmacht, zum Kriegsdienst eingezogen und an die Front geschickt.
Gleich nach dem „Anschluss“ Österreichs an Hitlerdeutschland hatten die Repressalien gegen die Kärntner Slowenen eingesetzt, wenngleich man sich noch einige Zeit aus politischem Kalkül etwas zurückhielt. Doch mit dem Angriff auf Jugoslawien – am 6. April 1941 – fielen diese Schranken. Gab es vorher schon massive Einschränkungen des slowenischen Kulturlebens und einzelne gezielte Übergriffe, die durchaus den Charakter der Abschreckung haben sollten, so setzte nun die NS-Unterdrückungsmaschinerie rücksichtslos und mit voller Härte ein. Viele slowenische Führungspersönlichkeiten, vor allem aus der Geistlichkeit, wurden verhaftet, eingesperrt, des Landes verwiesen oder gar in Konzentrationslager gebracht. Die örtlichen Kulturvereine und der Slowenische Kulturverband wurden aufgelöst, das Vereinsvermögen beschlagnahmt. Das Slowenische wurde aus den Schulen und Kirchen verbannt, sein Gebrauch in der Öffentlichkeit verboten und unter Strafe gestellt. Jede national-slowenische Regung wurde unterdrückt und als Akt feindseliger Provokation angesehen und entsprechend sanktioniert. Erklärtes Ziel war es, durch Zwangsassimilierung alles Slowenische in der Gegenwart und für die Zukunft auszuradieren, die Zweisprachigkeit in Kärnten auszulöschen, Kärnten zu germanisieren, die „Kärntner Frage“ mit den Gewaltmaßnahmen der NS-Diktatur für immer zu lösen. Dies war in seiner Zielsetzung durchaus im Sinne der Deutschnationalen in Kärnten. Es war ja nicht so, dass man das Slowenische als gleichberechtigt angesehen hätte. Das ist ja auch heute nicht so. Der „Kärntner Heimatbund“ (KHB) hat in seinem „Abwehrkampf“ schon immer mit antislowenischer Propaganda das Klima im Land vergiftet und gegen die Kärntner Slowenen gehetzt.
Hatte die Mehrheit der Kärntner Slowenen so wie die übrigen Österreicher auch aufgrund des Aufrufes ihrer Organisationen bei der „Volksabstimmung“ am 10. April 1938 über die „Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“ noch mit Ja gestimmt, sich aufgrund von Versprechungen vielleicht insgeheim Hoffnungen gemacht, dafür mit einer slowenenfreundlichen Politik belohnt zu werden, so sah man nun, was man in Wirklichkeit mit ihnen vorhatte und worum es ging. Und so entwickelten sich trotz aller einschüchternden Gewaltmaßnahmen seitens der NS-Diktatur, die als Helfershelfer und Mittäter auch die örtliche NS-Führungselite mit einschloss, ein Widerstandswille und auch eine Widerstandshaltung. Slowenische Burschen verweigerten den Wehrdienst oder desertierten aus der Deutschen Armee, versteckten sich zunächst als „Grüne Kader“ in den Wäldern, gingen dann zu den Partisanen. Ab 1942 operierten die in der Osvobodilna fronta (OF) zusammengeschlossenen slowenischen Partisanen auch im Raum Kärnten, besonders im Gebiet um die Orte Zell und Eisenkappel. Sie wurden von der slowenischen Bevölkerung unterstützt. Auch junge Mädchen und Frauen schlossen sich der Bewegung an. Man wusste, was man riskierte, wenn man dies tat. Einsätze der Gestapo gegen dieses Unterstützungsnetz waren unvorhersehbar und jederzeit möglich. Und bei einem Beweis oder auch schon bei einem begründeten Verdacht war mit dem Schlimmsten zu rechnen. Das Spitzelwesen funktionierte; und so gab es auch den Verrat. Dann die Großeinsätze, die Verhaftungen, die Anklagen, die Verurteilungen, die Todesstrafen, die Exekutionen; die Einweisungen in Konzentrationslager, ins Zuchthaus. Trotzdem weitete sich der Widerstand aus und hielt an bis zum Kriegsende.
Dann die große Enttäuschung! KZ-Überlebende und Ausgesiedelte kehrten heim. Sie wurden hier aber nicht mit Respekt und mit offenen Armen als Opfer aufgenommen. „Wiedergutmachung“ – wenn man schon diesen Begriff verwenden will für etwas, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt – war keine Selbstverständlichkeit, sondern musste mühsam erkämpft werden. Zunächst wurden die Aussiedler in einer Kaserne untergebracht, wie „Staatenlose“ behandelt; am liebsten hätte man sie über die Grenze nach Jugoslawien abgeschoben. Erst langsam besserte sich die Situation. Die britische Besatzungsmacht hatte in vielem kein Verständnis, operierte oft sogar gegen die Interessen der Kärntner Slowenen. Bald traten auch schon wieder die Deutsch-Kärntner so auf wie früher, als sei in der Zwischenzeit nichts geschehen. Ob einheimische Denunzianten, Gestapospitzel oder an Verbrechen Beteiligte – noch am 25. April 1945 kam es bei einer Vergeltungsaktion am Peršmanhof bei Koprein-Petzen noch zu einem Massaker, bei dem elf Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, ermordet wurden – nachher jemals ausgeforscht, vor Gericht gestellt und abgeurteilt wurden, geht aus dem Buch leider nicht hervor; wahrscheinlich aber kamen auch diese Personen so wie in vielen anderen Fällen ungestraft davon.
Nach dem Staatsvertrag (1955), in dem verschiedene Bedingungen für die wiedererlangte Freiheit – so auch im Artikel 7 die Regelungen für die Volksgruppen-Rechte – festgeschrieben waren, wurden diese Auflagen von der Republik Österreich lange nicht umgesetzt. Als sich dann die Regierung Kreisky 1972 zur Aufstellung von zweisprachigen Ortstafeln in Kärnten entschloss, kam es zum so genannten „Ortstafelsturm“, bei dem ein Mob von deutschnationalen Kärntnern die bereits aufgestellten zweisprachigen Ortstafeln demontierte und die Aufstellung weiterer Ortstafeln gewaltsam verhinderte. Dreißig Jahre später entschied der Österreichische Verfassungsgerichtshof, dass gemäß den Bestimmungen des Österreichischen Staatsvertrages (1955) und in Übereinstimmung mit den Minderheitenschutzbestimmungen des noch immer gültigen Friedensvertrages von Saint Germain (1919) zusätzlich eine größere Anzahl neuer zweisprachiger Ortstafeln zu den bereits vorhandenen aufgestellt werden müsste. Der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider erklärte daraufhin, dass er gar nicht daran denke, dies zuzulassen. Seitdem verhandeln gemischte Kommissionen in dieser Angelegenheit.
Die Positionen sind wieder einmal die gleichen und altbekannten wie schon oft vorher: Die einen wollen eine möglichst geringe und unbemerkbare Präsenz des Slowenischen in Kärnten, die anderen wollen die Durchsetzung ihrer Rechte. Dass es eine solche Konstellation noch immer und schon wieder gibt und man Zweisprachigkeit sowie Volksgruppenkultur nicht als Selbstverständlichkeit, als Bereicherung anstatt als Bedrohung ansieht, ist für Kärnten, ist für Österreich beschämend und steht auch im Widerspruch zu einem neuen europäischen Geist. Dass einem dies umso eindringlicher und schmerzhafter bewusst wird, ist ein Verdienst des Buches „Die Vertreibung der Kärntner Slowenen 1942/2002“, herausgegeben vom Verband slowenischer Ausgesiedelter. Darüber hinaus leistet das Buch, das Ereignisse und Zeitdokumente ausforscht, einbringt, verwertet und im ganzheitlichen historischen Kontext interpretiert, etwas ganz Wichtiges und Unverzichtbares. Solche Bücher sind nicht nur Vermittler von Ereignissen, sondern bieten auch Hilfe für deren Verstehen an. Sie rufen oft bereits schon Vergessenes oder Verdrängtes wieder in Erinnerung. Sie sind in Sprache gefasstes Gedächtnis und Gewissen der Zeit; damit man nie mehr vergisst, was einmal war. Und sie sind in ihrer nüchternen Faktizität zugleich Mahnung, aus der Geschichte zu lernen, damit sie sich so nie mehr wiederholt.

Die Vertreibung der Kärntner Slowenen/Pregon koroških Slovencev 1942/2002. Mit Beiträgen von Karl Stuhlpfarrer, Valentin Sima, Brigitte Entner, Heidi Wilscher, Avguštin Malle. Herausgegeben vom Verband slowenischer Ausgesiedelter/Zveza slovenskih izseljencev. Klagenfurt/Celovec: Zalozba Drava 2002.