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 dies und das ging franz durch den kopf

peter campa | dies und das ging franz durch den kopf

Dies und das ging Franz durch den Kopf, als er von der Fahrschule nach Hause ging. Als er heimkam, hatte Roswitha den Fernseher ganz laut aufgedreht. Ganz gegen ihre Gewohnheit trank sie ein Bier. Es musste schon das zweite oder dritte Bier sein, denn es standen zwei leere Flaschen auf dem kleinen Küchentisch. Sie machte ein finsteres Gesicht. „Das könnt ihr alles essen!“, sagte sie zu Ludwig und dem eben eintretenden Franz. „Ich esse nichts mehr! Dann spür ich wenigstens auch nichts mehr!“ Franz wollte eben die bereits erkaltete Mahlzeit aufwärmen und vor sie hinstellen. Als sie neuerlich ablehnte, meinte Franz: „Naja, selber schuld!“ „Wenn ich ins Spital komme, musst du auf die Ruth aufpassen! Und besuchen braucht ihr mich nicht!“ Dabei sah sie sich im Fernsehen einen Film über Mumien an. Franz wusste nicht, was los war. Nein, das war nicht seine Roswitha. Ein böser Geist hatte sich offenbar ihrer bemächtigt. Aber vielleicht war es doch kein böser Geist und doch sie selbst, und er wollte es nur nicht wahrhaben. Mit einem Fleischklopfer schlug sie jetzt ganz fest auf das Küchenbrett, bis dieses kaputt war. Dann nahm sie das Brett und warf es in den Mistkübel. Dasselbe tat sie noch mit einem zweiten Brett. Dabei lachte sie irre. Franz erschrak. Er zog es vor, sich in sein Zimmer zurückzuziehen und vor den Computer zu setzen. Noch hörte er das Gellen ihrer irren Stimme. Im selben Moment explodierte auf dem Ceranfeld des Mieleherdes ein Glasteller. Franz, der sich eben eine Suppe hatte wärmen wollen, hatte die falsche Kochplatte eingeschalten.
Franz hörte Roswitha nicht zum ersten Mal schreien. Aber so hatte er sie noch nicht gesehen und gehört. Da brauchte er etwa eine halbe Stunde, um sich von der Frequenz zu erholen. Dabei war er sich keiner Schuld bewusst. Was hatte er ihr getan oder was hatte er ihr nicht getan? Hatte er sie nicht geliebt? Hatte er sie nicht gefickt? War das alles zu wenig, was er getan hatte, oder zuviel? Oder hatte das alles einen anderen Grund, den er nicht erahnte und der ihm vielleicht erst nach seinem Bekanntwerden plausibel erscheinen würde? Versuchte Roswitha vielleicht auszuprobieren, wie weit sie gehen könne? Franz sprach zu sich selbst das alte Sprichwort: Wer will den alles gleich ergründen – wenn der Schnee schmilzt, wird sichs finden. Franz legte sich allein in sein Bett. Er musste jetzt Ruhe haben.
Am nächsten Morgen erklärte ihm Roswitha, sie fühle sich überfordert. Sie müsse sich die meiste Zeit um Ruth kümmern und aus dem Haus komme sie auch nicht mehr. Franz meinte dazu, er verstehe Roswitha total, er kenne das aus eigener Erfahrung und er sei auch des öfteren dazu bereit, auf Ruth aufzupassen, und Roswitha könne hingehen, wohin sie wolle. Angst, dass Roswitha dann einen anderen Mann treffen könne, habe er keine, betonte er noch. Roswitha verzog etwas säuerlich das Gesicht. Aber warum hatte sie ihm das nicht früher gesagt? Sie hatte einfach geschimpft und er wusste nicht, wieso. Ob das Schimpfen jetzt wohl aufhören würde? Oder würde sich ein neuer Grund finden?
Roswithas Schimpfereien waren zu viel für Franz. Oft hatte er sich schon in eine andere Realität gewünscht. Er wollte fliehen, nicht mehr da sein. Gleichzeitig war er neugierig und wollte der Ursache auf die Spur kommen. Das war gar nicht so einfach. Oder es war so banal und existentiell, dass er es im Moment gar nicht erfassen konnte, sondern erst aus der Distanz. Auch fühlte er so etwas wie Verantwortung und so wollte er nicht plötzlich davonrennen. Aber irgendwie wird das schon gehen, dachte er.
Familie – das war bis jetzt für ihn die schwierigste Lebensform, vor allem als Vater. Franz war selbst in einer Familie groß geworden. Er hatte aber auch in Wohngemeinschaften und Kommunen gelebt. Und auch lange Zeit allein. Allein – das war am einfachsten. Da konnte man sich das Leben einteilen, wie man wollte. Die Gegenstände waren auch nach längerer Zeit immer noch dort, wo man sie hingegeben hatte und man konnte sich hemmungslos in seine Phantasien hineindenken. Es gab natürlich das Problem der Einsamkeit. Dieser konnte man aber bei Lokalbesuchen mit massivem Biergenuss mehr oder minder entkommen.
Lange Zeit lebte Franz alleine. Die Familie – sowohl die, aus der er kam, als auch eine mögliche „eigene“ – schien ihm fast schon etwas bieder, fast etwas zu einfach. Was er damals noch nicht begriff: Familie war nicht einfach. Das war die komplizierteste aller Lebensformen. Und nur wenige Menschen wählten sie freiwillig. Nicht jeder ist dafür geboren. Leichter ist es, alleine zu leben und über die Einsamkeit zu klagen oder diese Einsamkeit durch kurze erotische Abenteuer zu unterbrechen. Hoffentlich würde ihm, dem Franz, das nicht passieren. Doch dann konnte er nicht anders. Roswitha wollte unbedingt ein Kind von ihm, und Franz wagte nicht, zu widersprechen. Sicher, die Familie hatte ihre Vorteile, eine gewisse sexuelle Kontinuität etwa und eine Art Regelmäßigkeit im Tagesablauf. Auch beim Sparen würde Roswitha ihm helfen. Er würde dann viel weniger in Lokale gehen als zu Zeiten seines Junggesellendaseins. Aber würde er noch Zeit haben, nachzudenken – noch dazu laut, ohne dass ihm jemand zuhörte? Und dann hatte er Probleme mit Roswithas Ordnungsliebe. „Schon wieder so ein Dreck!“ – wie oft hatte er dies schon gehört, noch ehe sie zusammenwohnten. „Was ist, wenn da jemand zu Besuch kommt?“, fragte sie des öfteren. Franz´ Argument, es komme ja ohnehin niemand, ließ sie nicht gelten. „Aber es könnte ja jemand kommen!“ entgegnete sie dann in einem bitteren Ton. Irgendwie aber glaubte Franz an ihre Liebe. Und er wusste auch, dass die Frauen, die ihn am meisten liebten, auch die waren, die ihn am meisten schimpften. Die waren dann plötzlich nicht mehr so nett, wie Franz es auf den ersten Blick wahrgenommen hatte. Das war auch der Grund, der ihn früher stets abgeschreckt hatte. Zunächst waren ihm viele Frauen nett und entgegenkommend erschienen, solange er nichts von ihnen gewollt hatte. Stellte er jedoch ein Ansinnen, so schienen ihn die eben noch freundlichen Damen plötzlich nicht mehr so nett. Er beobachtete auch andere Männer und Frauen in einschlägigen Situationen und wunderte sich, dass gerade die, die einander eben am meisten beschimpft hatten, ihm beim nächsten Mal als Paar gegenübertraten. Franz war selbst schon des öfteren von Frauen beschimpft worden, dabei war er doch immer so nett gewesen. Aber vielleicht war dieses Schimpfen das, was viele Liebe nannten. Franz hatte Respekt vor Frauen, seit er denken konnte. Doch wenn Franz noch überhaupt etwas Sexuelles wollte, so musste er bereit sein zum Widerspruch. Eigentlich war er aber ein Schöngeist. Aber vielleicht tat er am besten gar nichts.
Viele Jahre lebte Franz so dahin, mit mehr oder weniger Glück bei den Frauen. Eigentlich hatte er ja ohnedies viel Glück, aber auch viel Unglück. Im Grunde aber war er freischwebend und wechselte mehr oder minder unabsichtlich seine Partnerinnen oder aber die Partnerinnen wechselten ihn.
Bei Roswitha war das etwas anders. Roswitha wollte Franz heiraten. Das spürte er von Anfang an und er fürchtete es auch. Er wollte nicht unbedingt sofort ja sagen zu dieser plötzlichen unheimlichen Inbesitznahme seiner Person. Irgendwie schmeichelte es ihn freilich. Doch wie könnte er mit ihr leben, nur mit ihr, ohne noch über sich selbst nachzudenken? Würde er ein Gefangener sein? Oder würde er oder sie oder sie beide miteinander ohnehin das machen, was sie wollten und was wäre das? Annageln würde er sich nicht lassen, der Franz. Alleine sein wollte er auch nicht und vielleicht war es auch schon wieder Zeit für eine starke Beziehung. Und so beschloss er, gar nichts zu tun und sich das Ganze einfach gefallen zu lassen. Und als sie ihm gestand, dass sie ein Kind von ihm wollte, fühlte er sich sehr geehrt. Irgendwie aber fürchtete er gleichzeitig um seine Freiheit. Er wollte ihr aber auch nicht widersprechen und so teilte sie ihm eines Tages mit, dass sie möglicherweise schwanger sei. Roswitha schickte Franz in die Apotheke. Ihr selbst war das nämlich peinlich. Franz übernahm gern derartige Aufgaben. Roswitha ging mit dem Schwangerschaftstest aufs Klo, während Franz nervös im Zimmer auf und ab ging. Nach längerer Zeit kam sie und sagte: „Was glaubst?“ „Ich weiß eh, dass du schwanger bist!“, versuchte er vorwegzuschicken. „Ja“, sagte sie, „schau her, das ist doch eindeutig!“ Franz erschrak. „Tatsächlich“, stellte er fest. Dann gingen beide spazieren. Franz fürchtete um seine Zukunft. Er fand aber auch Positives: „Ich bin doch irgendwie alt genug. Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Noch könnte das Testergebnis ja falsch sein. Es gibt ja falsch positive und falsch negative Testergebnisse. Erst der Besuch beim Frauenarzt brachte Gewissheit. Franz zog sich kurzfristig zurück. Er musste meditieren.
Nach einer Woche kehrte Franz zu Roswitha zurück. In seiner Tasche hatte er ein zweites Telefon. Dieses war bereits präselektiert und Franz wollte es stolz an die zweite Telefonbuchse im Kabinett anstecken. Da stand Roswitha hinter ihm. „Was machst denn du da?“, fragte sie argwöhnisch. „Schau, Roswitha, ich hab da ein neues Telefon mitgebracht, das hat nur sieben Euro gekostet. Jetzt kann man endlich ungestört telefonieren!“ „Wir haben ohnedies ein Telefon im Wohnzimmer. Du brauchst das zweite Telefon nur, damit du ungestört mit deinen Schlampen telefonieren kannst!“ „Also, das ist doch eine hundsgemeine Unterstellung“, entgegnete Franz, „du wirst sehen, wir werden das Telefon noch brauchen!“ Und wirklich – gerade an dem Tag, als die Wehen einsetzten, funktionierte das Telefon im Wohnzimmer gerade nicht. So war auch Roswitha froh, dass Franz das zweite Telefon angeschafft hatte.
Eigentlich hatte Franz das zweite Telefon nur angeschafft, damit er endlich einmal ungestört telefonieren konnte. War es doch nicht selten der Fall gewesen, dass ausgerechnet während des Anhörens eines undeutlichen Gegenübers plötzlich die lautstarke Stimme Roswithas, aber auch die ihres Sohnes Ludwig die Botschaft in Franzens Ohr bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte. Lautstarke Nebensächlichkeiten. Etwa: „I waaß net, so an weißen Geschirrspüler hab i no nie gsehn!“ oder „Da is scho wieda so a Überschwemmung auf der Waschmaschine!“ Hätte Franz nicht telefoniert – und er hatte wichtige geschäftliche Unterredungen, wie er meinte – so hätte er erwidert: „Du verbrauchst zuviel Energie beim Quatschen!“ Doch beim Telefonieren traute er sich das nicht auszusprechen, da er befürchtete, der Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung könnte sich betroffen fühlen.
Einerseits war er ja ganz froh, eine Familie zu haben, andererseits wünschte er sich manchmal in eine andere Realität. Die anstrengendste aller Lebensformen, eine Herausforderung gewiss, eine Gefahr auch. Nicht umsonst, so schloss er, geschähen die meisten Gewalttaten in der Familie. Erst unlängst hatte er in der Zeitung gelesen, ein Mann habe seine Frau erstechen wollen, diese konnte sich retten. Der Mann floh in seinem Auto zur Jubiläumswarte und hängte sich dort auf dem obersten Plateau in dreißig Meter Höhe auf und musste von der Feuerwehr heruntergeschnitten werden. Muss so etwas sein, dachte er traurig. Man muss schließlich nicht um jeden Preis zusammen leben, wenn man nicht kann. JA, die Familie, eine Sehnsucht und eine Herausforderung, aber auch ein Hort der Gewalt. Aber ob man nun in einer Familie lebt oder auch nicht, irgendwie lebt man ja immer in einer Familie. Und wähnt man sich drinnen, so ist man vielleicht bereits draußen und wähnt man sich außerhalb, so steht man doch mitten drin.