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disparat zum quadrat

Wolfgang Helmharts Wiederbelebung eines mittelalterlichen Dämonen


Wolfgang Helmhart: Zwizwa. Reproduktion als Konfusion zwischen Wahrnehmung und Kommunikation

Das fröhliche Wohnzimmer-Edition: Wien; 2002

Rezensiert von: werner schandor


Die Frau liegt mit Diagnose Krebs im Spital, die Kinder sind bei Oma und Opa verstaut, und im leeren Leben des Ich-Erzählers in Wolfgang Helmharts Prosatext Zwizwa hat sich ein ehemaliger Arbeitskollege namens Schalko zu Besuch angekündigt. Schalko, so stellt sich bald heraus, ist noch um einige Grade ärger drauf als der auch schon leicht desorientierte Ich-Erzähler. Denn Schalko kommt in die oberösterreichische grenznahe Provinz, um sich zu Tode zu saufen. Aber Schalko kommt nicht allein: Er wird von seinem Dämon begleitet, einer Fleisch und Blut gewordenen Figur aus Hieronymus Boschs Bild „Die Versuchungen des hl. Antonius“, die er „Zwizwa“ nennt. Das Wesen wird wie folgt beschrieben: „Vogel, Hund, Schwein und auch wieder nicht, […] nicht größer als ein fünfjähriges Kind, buckelig, schwerfällig, roter Umhang, schwarze Strumpfhose, blauer Trichter als Hut mit Ast und roter Weihnachtskugel dekoriert, Ohren bis zu den Knien, einen Schnabel, gekreuzt und gebogen wie überlange Fingernägel.“

Schalko und sein seltsamer Gefährte werden im Dorf-Buffet einquartiert. Das Gasthaus wird von einem Ägypter geführt und von Grenzlandalkoholikern, Liebespärchen und Angehörigen der nahen Kaserne der Heeresmunitionsanstalt frequentiert - menschliches Strandgut in der Provinz, das keinerlei Ziele mehr verfolgt. Schalko säuft sich hier konsequent den Verstand aus dem Leib. Wenn Hieronymus Bosch heute malen würde, würde er vielleicht sein apokalyptisches Triptychon in der von Helmhart umrissenen Szenerie ansiedeln, in einer Randzone des Lebens, in der nur eines fehlt: Ein Heiliger, der in Versuchung geführt werden könnte. Denn die Figuren von Wolfgang Helmhart sind allesamt eher von Verstörung denn von Heilung gekennzeichnet und stehen „für eine von Angst durchsetzte (Sehn)Sucht nach Wirklichkeit und Verwirklichung“, wie es im Verlagstext heißt.

Disparat wie das Innenleben der Figuren ist auch die literarische Struktur der kurzen Erzählung. Reisenotizen des Ich-Erzählers treten neben dünkelhafte auktoriale Erzählreflexionen („Mein Schreiben war nichts als ein zwanghaftes Tun“). Dazu kommen neutrale Schilderungen von Schalkos Besäufnissen, von Wirtshausgesprächen und den Umtrieben des Zwizwas. Und in all dem tauchen ein paar Brocken konkreter Poesie sowie lyrisch umbrochene Tagebucheintragungen des Ich-Erzählers nebst kryptischem Entschuldigungs-briefgestammel eines Unbekannten im Text auf. Alles zusammen ergibt sich der Eindruck einer postmodern gestrickten Geschichte, die, so desillusionierend sie auch angelegt ist, nicht ohne Moral auskommt.

„Manchmal kommt es mir so vor, als würden wir trotz all der Errungenschaften rückentwickeln“, lässt Helmhart seinen Ich-Erzähler sagen. „Als hätten wir vor hundert Jahren gleichzeitig mit der Konstruktion und beginnenden Dekonstruktion unseres Ichs, dem Holocaust und der Zündung der Atombombe unsere Zivilisation mittels Schubumkehr gestoppt, und steuern nun auf eine Fantasy-Horror-Welt zu, zurück mit der Kraft unserer Innovationssucht in die Hölle der Dämonen und Alpträume.“