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exit

sabine e. selzer | exit

Hinausstarren und etwas erkennen wollen. Bis die Augen brennen. Den Motoren lauschen bis die Ohren dröhnen. Zurücklehnen. Krampfhaft versuchen, sich zu entspannen und im gleichförmigen Lärm eine Melodie zu orten. Zur Ablenkung. Nach ein paar Tönen schon den Faden verlieren und aufgeben. Die Landschaft unter uns ein verzerrtes Schachbrett in Grau und Braun, über das sich bunte Blechpunkte bewegen wie künstliche Ameisen. Die Stewardess zieht sich nach beendeter Vorstellung Richtung Cockpit zurück. Coole Jet-set-Lady in Uniform, ganz Lächeln, ganz automatisiert freundlich abwesend. Gekonnt und gewohnt herabblicken auf Europa. Oder sonstwas. Je nachdem.
Statt der dienstplanmäßigen Monotonie des Himmels verfolgen mich die angedachten Klänge von vorhin, nur ein paar Melodiefetzen ohne Text, bei aller Anstrengung nicht einzuordnen. Wohl irgendein irgendwann irgendwo gehörter Ohrwurm. Bin nie musikalisch gewesen und bereue das Spielchen bereits. Wieder aus dem Fenster schauen, Flucht vor dem Hohn der Musik und der angeborenen Gedächtnisschwäche für Töne aller Art. Das Fenster: öffnen, sich hinauslehnen, frische Luft atmen, die Schnauze wie ein Hund in den Wind recken ... oder einfach wieder dort sein, in der Dämmerung durch die Straßen spazieren, den feucht-modrigen Geruch der Craachten in der Nase, alle Möglichkeiten ins Auge fassend, die eine Stadt bietet, in der es langsam Abend wird.
Sitze in einem Coffeeshop, gehe von Gasse zu Gasse, warte, bis es dunkel wird, beobachte die Radfahrer, wie sie sich eine Weg durch die Menge bahnen, und will grad den Schanigarten an der Ecke aufsuchen, als der harte Sitz im Rücken die schnöde Wirklichkeit zurückbringt; die Bilder verschwimmen und ordnen sich erneut, doch diesmal ist es einfach nur Holland von oben.
Es wäre angenehm, etwas auf und ab zu gehen, mein Fuß ist eingeschlafen aber ebenso schläft mein wohlgenährter Sitznachbar, und ich verzichte rücksichtsvoll darauf, mich an ihm vorbei in den schmalen Gang zu quetschen und der Crew im Weg zu stehen. Erziehung verpflichtet. Die Stewardessen haben soeben begonnen, das Essen zu verteilen: Hendl, Wurst, Käse, Salat, zähes Gebäck in Folie, das Übliche.
Neben mir ist man erwacht, räkelt sich, gähnt und gewährt dabei Einblick bis fast in den knurrenden Magen, schließlich ein wohl nett gemeintes Grinsen. Bin allerdings nicht ganz sicher, ob es mir gilt oder dem Essen. Wahrscheinlich letzterem, denn wortlos wird das Plastik aufgerissen, und während ich wenig erstaunt feststelle, dass mir die Melodie nun gänzlich entfallen ist, lässt man es sich rundum auch schon sichtlich und hörbar schmecken.
Trotz der kulinarischen Unterversorgtheit der letzten Stunden unfähig, das gelbliche Fleisch anzurühren stelle ich nur verärgert fest, dass es jetzt noch schwieriger ist, den eingeschlafenen Fuß zu reiben – dank des heruntergeklappten Tischchens, das mir nun bedrohlich nahe kommt: die Lehne vor mir wird zurückgelassen, und der Notausgang hinter mir vereitelt leider das Vorhaben, nach hinten auszuweichen, mein Sitz kann nicht verstellt werden. That's life.
Es riecht nach Schweiß und ungewaschenen Füßen, eine überdimensionale Fleischkonserve und weit und breit kein Dosenöffner. Das Flugzeug schrumpft. Zuerst ganz langsam. Die Menschen schrumpfen leider nicht. Es dampft. Rauchschwaden in der Luft. Aber die Fenster sind schon recht winzig. Das bisschen Sonne, das noch durch die Scheiben dringt, zeichnet Gitterstäbe in die stickige Luft. Ein Laserstrahl für jeden Hendlhaxn. Die Leute merken nichts. Wie immer. Fressen, saufen, Small-talk, nichts dagegen zu sagen, wenn sie sich dabei nicht gegenseitig verschlingen würden, Plastikteller voller abgenagter Fingerknochen, Zähne schlagen sich in mein Genick.
Schmerz und Schwindel und wieder die Melodie, immer lauter und eindringlicher und immer noch unbekannt, ich werde mit dem Rätsel sterben. (Musst du schon wieder übertreiben?)
„Haben Sie keinen Hunger?“
Ich sehe sein zu mir herübergebeugtes Gesicht und eine Hand, die einen Hühnerknochen hält. Kopfschütteln, das Tablett kann er gerne haben. Diesmal ist es ein dankbares Lächeln und gilt eindeutig mir und dem Essen. Zur Belohnung darf ich in den Mittelgang klettern.
Enge und Gedränge überall. Eine Schlange vor dem Klo. Das Flugzeug ist offenbar wirklich voll besetzt. Mehr Leute am Gang als freie Plätze. Keine Gnade, kein Entkommen.
Da ich nun doch zur Erde wieder faulen muss aus, aus der ich einmal grün nach oben schoss ... Letzte Grüße aus dem französischen Mittelalter: Er gab den Armen hin, was er besaß, und gibt sich jetzt den Maden noch zum Fraß.
An meinem nach wie vor eingeschlafenen Fuß winden sich bereits die Würmer herauf und kriechen ins Fleisch hinein, jede kleine Bewegung im Schuh zertritt etwas Weiches. Leben und leben lassen. Fressen und gefressen werden. Man blickt angewidert in mein sich zersetzendes Gesicht.
Sich die Kleider vom Leib reißen und kopfüber in kühles Wasser springen, sich treiben lassen, die Maden abwaschen, sich dann zum Trocknen in die Sonne legen. Statt dessen sezieren mich die Blicke unzähliger Augenpaare bei lebendigem Leib. Weit weg von jeglichem Erdboden zum darin versinken.
Ich verschränke die Arme weit vor der Brust, schließe die Augen, nicke heftig und die bezaubernde Jeannie ist auf einer Sommerblumenwiese gelandet, spürt die Sonne im Gesicht und atmet den Duft der Gräser, die so hoch gewachsen sind, dass sie einen vollständig verbergen. Es weht ein leichter Wind vom See her, Grillen zirpen leise eine Melodie. Aber Jeannie kann den Text nicht und bevors endgültig idyllisch kitschig wird, heißts: nicht genügend, setzen! Ab in die Lüfte. Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.
Quod erat demonstrandum.
Ich bin an der Reihe. Es ist „frei“ – auf zirka nullkommasiebenundzwanzig Quadratmetern. Das gleichmäßige Dröhnen der Motoren erinnert gnädig daran, dass wir in der Luft sind und nicht unter der Erde. Grabesenge ohne Grabesstille. Warten bitte, geduldig warten, bis zur Landung, mit in der Luft gefangen, mit in der Luft gehangen. Im Klo lässt nicht einmal ein winziges Guckloch ahnen, wie frei und weit das Draußen ist. Aber man ist wenigstens allein.
Für ein paar Minuten, bis die draußen Wartenden ihre Restgeduld verlieren und ärgerlich werden und einem dann doch nichts anderes übrigbleibt als aus dem stillen Kämmerlein herauszukommen, das einzige Refugium zu verlassen, wieder über einen fremden Schoß zu klettern und sich zwischen zwei Sitzlehnen zu quetschen. Für weitere fünfmillionen-vierhundertdreiundfünfzigtausendsiebenhundert-acht-undsechzig Millisekunden.
Aber trotz allem: ein wohlerzogenes Mädchen übt vor dem Spiegel Pokerface, öffnet die Tür, zwängt sich höfliche Entschuldigungen murmelnd zwischen den Wartenden durch und geht zurück zu seinem Platz. Bin ich ein wohlerzogenes Mädchen? Fast.
Ich übe vor dem Spiegel Pokerface, öffne die Tür, zwänge mich höfliche Entschuldigungen murmelnd an den Wartenden vorbei und – denke nicht im Traum daran, an meinen Platz zurückzukehren. Schlage lieber die entgegengesetzte Richtung ein.
Quo vadis? Fragt mich was leichteres. Oder fragt mich lieber gar nichts. Aus dem Fenster zu springen wäre verlockend. Man muss nichts außer sterben. Also auch nicht hierbleiben. Natürlich nicht. Wir sind alle freie Menschen, leben in einer Demokratie, haben gelernt, selbstständig kritisch zu denken und Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen. Und vor allem: wir könnens uns richten. Äußere Coolness täuscht innere Ruhe (nicht nur?) vor.
Hinter dem Tablettwagen ist eine Nische. Darin geben Lorelei und Circe sich mit mir ein Stelldichein zwischen den abgenagten Hendlknochen und dem Notausgang, wir summen meine Melodie und die großen roten Buchstaben an der Tür wagen ein Tänzchen dazu: E, X, I und T schunkeln im Takt und ich bin Terpsichore. T und I wiegen sich in den Hüften, während X für den Satyr E die Beine spreizt. Der Pfeil über einem strammen Hebel am Notausgang biegt sich verführerisch und teilt mir ein Geheimnis mit: Es ist keine Stewardess in der Nähe und niemand hat mich kommen sehen.
Der Hebel ist hart und steif, wächst unter der Berührung meiner Fingerkuppen, verlangt die ganze Hand. Fester und fester, all meine Kräfte will er haben, mein ganzes Gewicht an seinem Körper spüren. Nur wir beide zählen auf der Welt und fallen in unendlicher Umklammerung ins Universum. Oooom. Mit uns die bekannte unbekannte Melodie. Urknall, Urschrei und kalte frische Luft.
Wir fallen. Mit uns die Hendlreste, Proviant für die Reise, und der Text als Antwort aller Fragen: Freedom's just another word for nothing left to lose ...
Und – wenn ich jetzt einen Wunsch frei hätte, so würde ich bitte gerne auf einer Blumenwiese landen.