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fetzenschubladen

karl hofbauer | fetzenschubladen

1. Preis des Trinkgeschichtenwettbewerbs der "schreibkraft"

"Erzählen Sie uns von Ihrem schlimmsten Fetzen."
Dieser unlängst in meiner Mailbox erschienenen Aufforderung konnte ich aufgrund einer in der Natur der Sache liegenden Unmöglichkeit leider nicht nachkommen. Ein Fetzen, an den ich mich erinnern kann und von dem ich demzufolge etwas zu erzählen weiß, so ein im Gedächtnis haften gebliebenes Räuscherl, kann nie und nimmer mein schlimmster Fetzen gewesen sein. Dieser nämlich lässt sich mangels Abspeicherung nicht rekonstruieren. Menschen, die sich mit EDV herumschlagen müssen, kennen das auch: Eine Datei, die man nicht abspeichert, ist bei einem Systemabsturz hoffnungslos und für immer verloren.
Ich habe daher beschlossen, gleichsam als Ersatzleistung eine Kategorisierung meiner Fetzen durchzuführen, die das Prädikat "schlimm" zwar schon verdient haben, die aber noch nicht ganz so schlimm waren, dass ich mich nicht mehr an sie erinnern könnte.
Für folgende fünf Kategorien habe ich mich nach langen Überlegungen entschieden:
1. Der unbeschwerte Teenagerfetzen
2. Der triumphierende Schul-, Lehr- und/oder Studiumsabschlussfetzen
3. Der frustgetränkte Beziehungsfetzen
4. Der "Es ist wieder Zeit für einen ordentlichen Fetzen" - Fetzen und
5. Der potenzbejubelnde Vaterschaftsfetzen.
Ad 1) Mein schlimmster unbeschwerter Teenagerfetzen, an den ich mich erinnere, nahm irgendwann Mitte der Achtziger-Jahre seinen Anfang um 18:50 Uhr im Jugendraum des Pfarrheims von Langenwang, gleich neben dem Tischtennistisch, und endete eine Flasche Wodka später um 20:20 Uhr, als mich meine sogenannten Freunde sternhagelvoll und bröckerlbesprenkelt bei meinen Eltern ablieferten und deren "Wetten dass" - Abend einigermaßen versauten.
Ad 2) Mein schlimmster triumphierender Abschlussfetzen fand im Keller von Tom Klengel statt. Bei der Feier in seinem Andritzer Elternhaus bewirkte übermäßiger Konsum von Bier und Mohnkapseltee, dass wir, soeben für reif erklärte, Absolventen des Bischöflichen Gymnasiums mit sehr langstieligen Pinseln und nur mit Unterhosen bekleidet ein mehrere Quadratmeter großes Actionpainting a la Jackson Pollock anfertigten, das ich seitdem nie mehr gesehen und an das ich auch keine detaillierte Erinnerung mehr habe. Ich nehme an, es ist gut so.
Ad 3) Zu meinem schlimmsten frustgetränkten Beziehungsfetzen möchte ich nur einige Stichworte liefern: Als Ferialjob Skilehrer, meine Freundin von Skilehrerkollegen ausgespannt, heftige Debatte in der Schnapsbar irgendwann nach Feierabend, typisch männliche Drohgebärden, brennendes Duellierungsbedürfnis, tatsächlich ausgetragenes Duell mit zwei Pistenraupen lange nach Mitternacht, Pistenraupen anschließend kaputt, Freundin weg, Ferialjob weg, Schuldenberg beträchtlich gewachsen.
Ad 4) Ein "Es wäre wieder einmal Zeit für einen Fetzen" - Fetzen, an den ich mich gerne erinnere, fand vorvorigen Herbst im Triangel statt. Wenn es einen Grund oder Anlass für diesen Umtrunk gab, dann am ehesten die feierliche Eröffnung der Wintersaison. Schluss mit öden Gastgärten, statt dessen war wieder Versumpfen in Kellerlöchern und Auslüften bei Skitouren am Wochenende angesagt. Ein Highlight dieser Nacht war mein Freund und Skitourenpartner Bernd, der einer jungen an Skitouren völlig desinteressierten ehemaligen Kursteilnehmerin von mir etwa drei Stunden lang eindringlich und in höchst repetitiver Art und Weise die Bedeutung des Harscheisens klar zu machen versuchte. Ein anderes Detail jenes Fetzens, an das ich mich noch dunkel erinnere, war mein entsetztes Stammeln: "Scheiße, mir haben sie das Auto gestohlen" als mich mein Taxi im Morgengrauen zuhause absetzte und von meinem alten VW-Jetta keine Spur zu sehen war. Dem Taxler schien das ziemlich egal zu sein, oder er hat mich nicht verstanden. Beim Suchen des Schlüssellochs fiel mir dann ein, dass ich selbst damit in die Stadt gefahren war. Das war mir trotz meines Fetzens irgendwie peinlich.
Ad 5) Der potenzbejubelnde Vaterschaftsfetzen schließlich, dieser Rausch, der ohne Schönfärberei als Belohnung für vergangene Leistungen angesehen werden kann, der steht noch aus, sollte aber Ende August unmittelbar nach der Geburt meines ersten Kindes über die Bühne gehen. Dieses freudige Ereignis wird wohl noch einmal ordentlich begossen werden, aber danach - und das gilt so unumstößlich, wie alles bisher Beschriebene wahr ist - danach agiere ich nur noch als Vorbild für mein Kind und bleibe auf ewig abstinent.