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gassschwaden. atmoterrorismus. air-design

Über Peter Sloterdijks „Luftbeben“


Peter Sloterdijk: Luftbeben. An den Quellen des Terrors.

Frankfurt/Main: edition suhrkamp; 2002

Rezensiert von: wolfgang pollanz


Er gehöre, so meinte Peter Sloterdijk in einem Interview, einer Gruppe von Menschen an, die mit dem 11. September seit jeher den Geburtstag von Theodor W. Adorno verbunden habe, und im Übrigen gäbe es nach dem 11. auch noch den 12. September, „an dem das autohypnotische Schaumwerk wieder in sich zusammenfällt“. Außerdem sei er der festen Überzeugung, dass die Assoziation mit Adorno unter kulturgeschichtlichen Aspekten weiterhin die wichtigere bleibe. 

Insofern ist auch der Untertitel von Sloterdijks neuem Buch Luftbeben. An den Quellen des Terrors ein wenig irreführend. Es ist keinesfalls eine Aufarbeitung von „Nine Eleven“, auch kein Erklärungsversuch oder eine philosophische Annäherung an dieses spezielle Phänomen. Sloterdijk zieht tiefere Linien, sucht nach dem Beitrag, den das soeben zu Ende gegangene 20. Jahrhundert zur Geschichte der Menschheit geleistet hat: Es seien dies drei Kriterien, nämlich die Praxis des Terrorismus, das Konzept des Produktdesigns und der Umweltgedanke. Ausgehend von dem Gedanken einer diesen drei Begriffen gemeinsamen „Urszene“, nämlich dem ersten Großeinsatz von Chlorgasen am 22. April 1915 durch die deutsche Armee, entwickelt er eine Geschichte des „atmoterroristischen Musters“, das als Erklärungsmodell für alle weiteren Explikationsschritte terroristischer Angriffe auf den menschlichen Lebensraum, für die „Einführung der Umwelt in den Kampf der Kontrahenten“. Man werde, so Sloterdijk, „das 20. Jahrhundert als das Zeitalter in Erinnerung behalten, dessen entscheidender Gedanke darin bestand, nicht mehr auf den Körper eines Feindes, sondern auf dessen Umwelt zu zielen. Dies ist der Grundgedanke des Terrorismus im expliziten Sinn.“ Er ist laut Sloterdijk ein „modus operandi“, weshalb die Formulierung „Krieg gegen den Terrorismus“ auch eine Nonsenseformulierung darstelle.

Der historische Bogen führt über die agrarische Schädlingsbekämpfung in der Zwischenkriegszeit direkt zum genozidischen Gas-Exterminismus, im Holocaust, dem Bombenkrieg des Zweiten Weltkriegs, deren „Stahlgewitter“ in Form eines menschengemachten Sonderniederschlags per se ein Zentralphänomen des staatlichen Atmoterrorismus darstellt, über die Atombombenabwürfe in Japan herauf bis zum geheimnisvollen HAARP-Projekt, das von amerikanischen Politikern und Militärs zwar hartnäckig als rein wissenschaftlich bezeichnet wird, in Wahrheit jedoch nichts anderes als ein Versuch zur großflächigen Beeinflussung der Erdatmosphäre und der Wetterbedingungen für militärische Zwecke sein dürfte.
Einhergehend mit der Problematisierung des menschlichen Aufenthalts in Gas- und Strahlenmilieus, hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts nicht nur ein Bewusstsein für die Umweltproblematik schlechthin entwickelt, auch Air-Design im Sinne einer künstlichen Kreation von Umweltbedingungen ist eines der großen Themen der letzten Jahrzehnte. Das Selbstverständliche wie Luft, Atmosphäre, Kultur, Kunst und Leben sei „unter einen Explikationsdruck geraten, der die Seinsweise dieser Gegebenheiten“ von Grund auf verändere. Sloterdijks Beitrag zur Geschichte des 20. Jahrhunderts endet wenig tröstlich mit dem kryptischen Satz: „Für die Intelligenz, die sich an der Front dieser Entwicklung bewegt, beginnen die Lehrjahre der Nicht-Hingabe.“