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gegen die herrenreiter des feuilletons

werner schandor | gegen die herrenreiter des feuilletons

Und über die Unmöglichkeit der Freundschaft zwischen Kritikern und Dichtern – Interview mit dem Grazer Kulturjournalisten Werner Krause

Er gilt als „Edelfeder“ der auflagenstärksten Tageszeitung in Südösterreich. Seine Theater- und Literaturkritiken können ebenso geistreich und unterhaltsam sein wie die ironischen Sportglossen, mit denen er alle vier Jahre die Fußballweltmeisterschaften kommentiert. Werner Krause zeigt sich in seinen Artikeln über Literatur und Theater als nuancierender Kritiker, dessen Sprachspiele, Vergleiche und Betrachtungen auch im deutschen Feuilleton bereichernd wirken würden. Die schreibkraft sprach mit dem Grazer Journalisten der Kleinen Zeitung über die Aufgaben der Kritik, über Medien und Fußball und das Literaturgeschehen als solches.

Wie lange bist du Journalist und welche Highlights gab es in deiner bisherigen Karriere?
Ich bin mit Unterbrechungen seit 25 Jahren Journalist, davon seit 22 Jahren Redakteur bei der Kleinen Zeitung. Ein „Highlight“ meiner Karriere war für mich persönlich eher ein „Lowlight“. Das war, als man mich 1989 dazu überredete, als Juror beim Bachmannpreis teilzunehmen.

Inwiefern war es ein „Lowlight“?
Weil mir dort innerhalb von Sekunden klar geworden ist, dass ich der völlig falsche Mann am völlig falschen Ort bin. Das hatte damit zu tun, dass ich mich mit einer bestimmten Art von Kulturkritikern absolut nicht identifizieren kann. Damals war das telegene Schnellrichter-Kritikverfahren im Kommen – das können etliche gut, das kommt auch beim Publikum gut an, aber es ist nicht unbedingt mein Wunschziel gewesen, das ebenfalls zu machen.

Als Theaterkritiker bist du ja auch nicht gerade langsam, wenn du am Abend ein Stück anschaust und am nächsten Tag zu Mittag ist die Kritik fertig. Als Kritiker in einem Tagesmedium muss man doch schnell urteilen können.
Naja, da kann man wenigstens seine Meinung noch überschlafen. Beim Bachmannpreis ist dagegen die Ad-hoc-Kritik gefragt. Ich habe aber erst dort gemerkt, welche Rolle man durch den Modus übernimmt, selbst Autoren für den Wettbewerb vorzuschlagen. Du wirst dadurch quasi – unter Anführungszeichen – „Vormund“ des Autors. Und du lieferst Leute auf eine Weise aus, die hochgradig grausam ist. Wenn der Text des Autors, den man vorgeschlagen hat, in einer Runde von elf Kritikern von zehn vernichtet wird, dann ist das eine unheimlich grausliche Geschichte. So ist es mir mit der Autorin Angelika Glüssendorf gegangen.

Wer ist damals Bachmannpreisträger geworden?
Wolfgang Hilbig. Und Norbert Gstrein, den ich auch vorgeschlagen hatte, hat auch einen Preis bekommen.

Was ist deiner Ansicht nach die Aufgabe eines Kritikers?
Das klingt hochtrabend, aber in erster Linie sicher einmal, Behutsamkeit und Respekt walten zu lassen. Man muss allerdings zwischen der Situation der Kritik in Deutschland und der in Österreich unterscheiden. In Deutschland gibt es diesen Prototyp des Großfeuilletonisten – Herrenreiter des Feuilletons nenne ich das gerne –, wo ein natürlich nicht kleiner Leserkreis schon wartet, was im Frühjahr und im Herbst ein Frank Schirrmacher, eine Iris Radisch, ein Ulrich Greiner, ein Joachim Kaiser in den Buchbeilagen von Süddeutscher Zeitung, FAZ, Zeit undsoweiter empfehlen. Und dann zieht die lesende Karawane in diese Richtung. Ich muss sagen: Zum Glück für die österreichischen Autoren gibt es diesen Typus hierzulande nicht.

Heißt das, dass in Österreich auch der Druck auf Kritiker, sich als Kunstrichter profilieren zu müssen, nicht so groß ist?
Gottseidank. Es werden sicher manche fürchterliche Komplexe haben, dass diese Rolle nicht zur Verfügung steht. Ich finde es aber unheimlich positiv. Vorrangig hat der Kritiker eine Verantwortung zu erfüllen.

Wem gegenüber?
Dem Autor.

Und nicht dem Publikum?! Das will doch vor Schund, Schrott und Zeitverschwendung bewahrt werden!
Das ist der nächste Schritt. Aber wenn ich meine Rolle definieren soll, dann sehe ich eher die vermittelnde Funktion zwischen Autor und Lesern, die ohnehin immer weniger werden. Da stehen aber auch mediale Zwänge dahinter. Literaturkritik beispielsweise kann aus Platzgründen nur – grausames Wort – selektiv sein. Wenn man Literatur ernst nimmt, heißt das, dass man versucht, weitgehend auf die Rezeption von Mainstream zu verzichten. Man kommt zwar nicht darum herum auch das neunte Buch von Donna Leon zu besprechen. Man kann ohnehin neun Mal schreiben, dass es sauschlecht ist. Donna Leon wird trotzdem keinen Leser weniger haben. Aber umgekehrt kann man auch auf andere Literatur hinweisen – und die Freiheit hat jeder Kritiker, sofern er in einem Medium etabliert ist.

Wie geht es dir bei 90.000 deutschsprachigen Neuerscheinungen pro Jahr, davon rund 12.000 belletristischen Titeln?
Das ist natürlich alles miteinander eine Horrorzahl. Im konkreten Fall der Kleinen Zeitung kann man sich ausrechnen, und in Anfällen von Masochismus mach ich das: wir können im Jahr im Schnitt ungefähr 350 Bücher besprechen. Darum muss man sich auf ein kleines Segment konzentrieren. Das impliziert aber leider auch, dass wirklich junge österreichische Literatur dabei immer zu kurz kommt.

Naja. In den letzten Jahren gab es doch diesen Hype, wo Jungsein und Erstlingswerk zur Voraussetzung gehörte, damit einen die Kritik überhaupt wahr nimmt. Aber das war ebenso ein Trend wie Ende der 90er die Geschichte mit dem „Fräuleinwunder“ in Deutschland. Das führt mich zur Frage: Wie siehst du solche Trends im Literaturbetrieb?
Mit zunehmender Belustigung. Ein wichtiger Faktor in dem Ganzen ist das letztlich vertrottelte Großereignis der Frankfurter Buchmesse. Wenn man die Länderschwerpunkte der Buchmesse hernimmt – die ein völliger Mumpitz sind –, dann wird aus diesem Anlass die Literatur des jeweiligen Landes gnadenlos abgegrast und ausgequetscht, und dann zieht die Verlegerkarawane weiter. Die Länderschwerpunkte haben sich zum Glück tot gelaufen. Aber wenn man ein anderes Beispiel betrachtet: Henning Mankell schreibt gut, ist weitaus mehr als ein Krimiautor – sofort bringt jeder Verlag Bücher von irgendwelchen skandinavischen Autoren, und wenn darin einmal das Wort „Pistole“ vorkommt, wird es schon als Krimi deklariert ... Ich behaupte schlicht, dass Klappentexte in Büchern weitaus unseriöser sind als jede Waschmittelwerbung. Da wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Da besteht auch eine wichtige Aufgabe für Kritiker, dem entgegenzusteuern – auch durchaus mit Zynismus und Sarkasmus.

Stichwort Zynismus und Sarkasmus: Gibt es Leute, die dich aufgrund deiner Kritiken nicht mehr grüßen?
Das klingt vielleicht ein bisschen larmoyant, aber ich glaube prinzipiell, dass es leider – und das liegt in der Natur der Sache – so etwas wie Freundschaft zwischen Kritiker und Autor nicht geben kann. Die Erfahrung habe ich gemacht, dass man nach fünf positiven Kritiken eine sechste nicht so positiv schreibt, und dann ist das Umarmen und Abbusseln Vergangenheit. Walter Grond ist dafür ein Beispiel.

Soll ich den Namen schreiben?
Warum nicht?
Aber darüber hinaus: Es muss nicht unbedingt eine innige Freundschaft geben. Es kann ja sein, dass man gegenseitig vom Wissen des anderen profitiert, wobei ich durchaus sage, dass die Autoren immer mehr wissen als die Kritiker (lacht). Also wir profitieren davon. Umgekehrt ist es natürlich für den Kritiker schön, Leute wie Cees Noteboom kennen zu lernen und mit ihm auf einmal in Briefkontakt zu stehen. Das ist eine andere Ebene. Das ist beileibe keine Freundschaft. Aber es ist nie dieses Misstrauen da: Na ja, der braucht einen, weil man Kritiker ist. Noteboom braucht mich kein bisschen, und trotzdem habe ich mich gefreut, dass ich auf einmal aus Japan von ihm Post bekomme. Das meine ich damit, dass man von solchen Leuten unheimlich profitiert ... Ein Kritiker ist ein Idiot. Manchmal ein nützlicher Idiot. Auf jeden Fall ein lernfähiger Idiot.

Weil du „profitieren“ gesagt hast: Wie kann ein Kritiker, der schon so viel kennt, von Literatur profitieren?
Kennen, kennen ... Ich bin immer am Anfang. Man kann von jedem dritten guten Buch unheimlich viel lernen. Die Frage ist eben nur, und da komme ich wieder auf Strukturprobleme: Wie vermittle ich das dem Leser? Ein Beispiel: Ich habe kürzlich ein Interview mit Klaus Theweleit geführt und darin mit ihm auch über sein Buch der Könige gesprochen, das ich auf 30 Zeilen rezensiert hatte. Aber es wäre egal, ob man 60 oder 90 Zeilen hat – man kann nur in zwei Sätzen sagen: Es ist großartig, lest es! Und damit könnt Ihr euch ein Jahr beschäftigen, weil so viel an Substanz drinnen steckt.

Ist es in einem solchen Fall nicht frustrierend, wenn man für eine Kleine Zeitung schreibt und einem nicht der Feuilleton-Park der deutschen Herrenreiter für einen Ausritt zur Verfügung steht?
Es ist nicht frustrierend. Ich sehe es einfach als adäquatere Form. Wenn man ein Buch empfehlen will, kann man es durchaus auf 30 Zeilen tun. Wobei ich, um nicht falsch verstanden zu werden, absolut gegen jede Form von diesen fünf Zeilen plus fünf Sternderl „Pflichtbuch-Muss-Sein“-Kritiken bin. Aber man kann etwas auch auf wenig Platz vorstellen.
Kritiker neigen immer wieder dazu, Sekundärprosa zu liefern. Besonders wenn sie 200 Zeilen zur Verfügung haben, ist von Kritik oft wenig zu merken. Und mehr von Selbstgefälligkeit.

Franzobel hat in seinem Fußball-Essay festgestellt, dass Politiker, die früher Lesungen und Vernissagen besucht haben, jetzt eher auf der VIP-Tribüne bei Fußballspielen anzutreffen sind. Du schreibst bei Weltmeisterschaften auch über Fußball. Wie siehst du das Verhältnis zwischen Literatur und Fußball?
In Graz gab es dieses interessante Phänomen, das hauptsächlich mit einer Person zu tun hatte, nämlich Ivan Osim: Hier gab es plötzlich einen intellektuellen Fußballtrainer, der auch immens belesen ist, und der hat unheimlich viel geöffnet. Es gab auch zuvor in der Literaturszene viele Anhänger von Sturm Graz – ob das Max Droschl ist, als Verleger von experimenteller Literatur, oder Gerhard Roth: Auf einmal haben alle offen einbekannt, ja wir sind Fußballfans. Wobei ich sagen muss, ich finde es nicht gut, wenn jeder glaubt, er muss jetzt über Fußball schreiben. Das heißt nicht, dass ich es besser mache. Aber manches finde ich sehr, sehr schlecht.

Was macht Osim jetzt eigentlich?
Ich weiß es nicht ... Ich habe ihm mal vorgeschlagen, und ich werde versuchen, es ihm weiter einzureden, Theater zu inszenieren. Ich glaube, er könnte das sehr gut. Ich habe ihn einmal als Samuel Beckett des Fußballs bezeichnet, und er fühlte sich sehr geschmeichelt.

A propos Theater. Wie ist dein Verhältnis zum Theater? Manchmal kommt mir vor, da hängt dein Herzblut dran, weil deine Kritiken da lebhafter sind.
Nein. Ich mache beides gerne, Literatur und Theater. Mein Herzblut, wenn man so will, ist aber bei der Literatur. Da kommen wir jetzt wieder zur unterschiedlichen Funktion von Kritikern in Deutschland und in Österreich. In Deutschland gibt es diese Mischform des Theater- und Literaturkritikers kaum. Wir in Österreich sind da eher Mischlinge, Bastarde ... Ich stehe aber dem Theater viel, viel kritischer gegenüber. Das hat damit zu tun, dass Theater – ich mein jetzt die größeren Bühnen – bei allen Einsparungsmaßnahmen am Kunstbereich nach wie vor ein hochsubventionierter Betrieb ist. Da sehe ich es fast als Form der Verantwortung, darauf zu schauen, was die mit dem Geld machen.

Von Theaterstücken hast du immer wieder mal die schönsten Verrisse produziert ...
Es ist ein Dilemma. Faktum ist, dass sehr viele Leute viel lieber Verrisse lesen. Schreibt man positiv oder schreibt man „Es war eine schöne Aufführung“, dann kriegt man durchaus Rückmeldungen wie: „Na, jetzt ist es dir aber nicht so gut gegangen. Diesmal warst du nicht witzig.“ – Das heißt: Man muss aufpassen, dass man nicht in das Fahrwasser des ständig nur zynisch Draufhauenden kommt.

Wie arbeitest du? In deinen Kritiken gibt es sehr viele pointierte Vergleiche, geistreiche Sprachspiele, und auch der Textaufbau wirkt, als würdest du ein Stück oder einen Text von einem Blickwinkel von schräg links unten aufarbeiten.
Es ist so etwas wie eine Marotte. Ich versuche, mich zunächst eher auf ein Detail zu konzentrieren. Und aus diesem Detail versuche ich Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen ein Ganzes zu formen. Wenn man so will, ist es ein Patchwork, und manchmal bleibt es ein unvollendetes, misslungenes Patchwork – das kommt oft genug vor. Um dazu noch ein Bild zu liefern: Im Theater – und damit verrate ich schon eine Methode – ist für mich wichtig, was die sieben Schauspieler machen, die um den herumstehen, der gerade dran ist und redet. Ich schau mir an, wie ein Regisseur mit den Nebenfiguren arbeitet oder nicht arbeitet. Da gibt es Leute, die stehen wie Krippenfiguren herum und warten, dass sie ihren nächsten Einsatz haben. Und es gibt andere, die mit unheimlicher Intensität dabei sind, obwohl sie nichts zu sagen haben. – Da steckt auch eine Metapher für die Literatur darin, dass oft das Nichtgesagte ... (lacht, spricht nicht fertig).

Das heißt du wendest die Methode vom Tormann aus dem Handke-Buch an: Der schaut auch immer auf das, was gerade nebensächlich ist.
Es ist kein Satz nebensächlich in der Literatur. Selbst wenn es nur ein Nebensatz ist.

Schöner Schlusssatz.