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herbarium des präsens. auszüge

elisabeth vera rathenböck | herbarium des präsens. auszüge

Berlin: Die Arme von Kränen reißen verwohnte Zeit aus den Gewölben, höhlen Geschichte aus, um Platz zu machen für die Stadt, die sich selbst erfindet. Doch an vielen Ecken und Wänden kleben seit über 50 Jahren Spuren von Granaten und Maschinengewehren, die Topografie des Terrors lässt sich nicht abwischen, alte Stahlbewehrung bricht immer wieder durchs Erdreich, SS-Gemäuer hätte man lieber zu Schotter verarbeitet, als Unterfüller für Autobahnen. Vergangenheitsbewältigung auf der Rutschbahn. Anderer Kiez, andere Zeit: an vielen Fronten und Stränden wird um Reste der Mauer gekämpft. Checkpoint Charlie: für ein Foto hinter Sandsäcken posieren, Lachen im Gesicht, amerikanische Schirmkappe am Kopf. Pergamonmuseum: russische Pelzhauben um fünf Euro, falscher Bernstein und echte DDR-Orden, zu bezahlen nach Gewicht. Ideologie als Souvenir. Ortswechsel. Bildschirm: Fischer sitzen in der russischen Pampa fest, Monate verbringen sie getrennt von ihren Familien, um an der Wolga Störe zu fangen. Der tägliche Fang reicht gerade als Einlage für wässrige Fischsuppe, die sie selbst am Abend essen. Man sagt, sie seien Nachfahren von alten, traditionsreichen Fischer-Dynastien. Ihre Königreiche aber seien nun ausgestorben. Ein Leben wie Wasser in der offenen Hand. Ortswechsel.
Berlin: Sony-Tower – Elfenbeinturm – und Sony-Center – Atrium mit Glaskuppel – am Potsdamer Platz, nebenan Bürogebäude, mit einem Blendmauerwerk aus Klinker, weil das an die Hanseatischen Handelshäuser gemahnt. Architekturen, so unberührt, als wären sie noch gar nicht gebaut. Die ehemalige Mauer längst abgerissen und nach Amerika verkauft, nur eine Linie aus glatten Fliesen am Boden des Trottoirs zeigt ihren Verlauf. Dazu muss man zu Boden schauen, nicht die Türme entlang, in die Höhe. Geschichte als Frage des Blickwinkels. Man sucht Putzfirmen für Glas, Elfenbein und Fliesen per Inserat. Ortswechsel. Wien: Museumsquartier. Ein Schwarzer putzt die Toilettenanlage. Ich will mich bei ihm entschuldigen, weiß aber nicht wofür. Ortswechsel. Berlin: Günstige Schlafstellen für Bautrupps, WC, Duschgelegenheit, Telefon 030 674 45 36. Ortswechsel. Bildschirm: Ich sehe eines von 40.000 russischen Dörfern unter Wasser. Ein Kirchturm ohne Kirche ist der Leuchtturm in diesem künstlichen Binnenmeer an der Wolga, die Küste im Süden sieht aus wie eine Staumauer. Ortswechsel. Berlin: Ich spreche mit dem Typen, der einen Campingbus in der Aula der Universität für Künste geparkt hat. Einfach so, sagt er. Campieren am Kunstrasen, sage ich. Der Typ sagt: Alles verändert sich, aber das ist immer so. Heute ist Berlin zu einer gewissen Normalität gekommen. Wenn du nach dem Ost-West-Gefälle suchst oder die kreativen Nischen vermisst, die Berlin nach der Öffnung so ausgemacht haben, dann ist das deine Schuld. Da bist du um fünf Jahre zu spät dran. Jetzt sind wir bei der Hauptstadt angekommen. Wo die Szene ist? Was ist die Szene überhaupt? Es gibt hier die Campingszene, die ist zeitlos – er lacht – wenn man die Szene sucht, muss man auch wissen, was man mitbringt, sagt er. Und so weiter. Ortswechsel. Bildschirm: Ich schreite durch den „Bazar der Elenden“. Die Verkäufer hier verkaufen alles bis zum letzten Fetzen, den sie am Leib tragen, um überleben zu können. Was ist das für eine Szene? Was bringen die noch mit? Ortswechsel. Berlin: das Tacheles hat man an seiner Rückwand mit Glas verschlossen. Ortswechsel. Wien: ich denke in der Nacht: wie lange wirkt man jung und dynamisch und ab wann darf man weise werden, verbunden mit langen grau-weißen Haaren!, und so weiter. Ortswechsel. Bildschirm: Ich sehe im Fernsehen einen Bericht über die Wirte auf der Donauinsel. Sie hätten ihre Gaststätten rasch vom Schlamm befreit, ihre Gäste hätten das aber noch gar nicht überrissen. Aber alles ist auf Hochglanz. Jetzt sollen sie doch, bitte schön, wieder herkommen. Ich komme einen Tag später. Ich esse Fisch beim Griechen, atme den Duft von Schweiß, Zigarre und Diesel und trinke Absinth sour. Später beobachte ich eine Schwarze, die auf einer Tonne tanzt. Der Glanz ihrer Bewegungen ist unsichtbar für das stumpfe, gelangweilte Publikum. Ein anderer „Bazar der Elenden“, das merke ich jetzt. Ich möchte mich bei jemandem entschuldigen, weiß aber nicht bei wem. Ortswechsel. Berlin: Hamburger-Bahnhof mit Anselm Kiefers Monumental-Kunst aus Blei und Joseph Beuys’ Monumental-Kunst aus Stein und Fett; ein Schwarzer putzt die Toilettenanlage. Noch nie ist mir der Kontrast von dunkelbrauner Haut und weißgetünchten Wänden aufgefallen, nun aber habe ich ihn bemerkt und empfinde den Gegensatz sogar körperlich, eine Art Irritation, und mir fällt ein: obwohl mein Gesicht bleich ist, fühle ich mich manchmal schwarz. Ortswechsel. Wien: Mitten in der Nacht läutet das Telefon, ich nehme den Hörer ab, schweige hinein, der Anrufer legt auf. Ich kehre zurück ins warme Bett, halte den zitternden Schatten eines Traumes in meiner Hand. Stundenlang. Ortswechsel. Berlin: das Mädchen am Haackeschen Markt sagt: in vielen Bezirken wird alles chic gemacht, die Mieter ändern sich, auch die Mieter der Cafés und die Preise, da kann man dann nicht mehr hingehen und dann verlagert sich alles nach Friedrichshain oder Kreuzberg, aber dort fangen sie auch schon an, sie machen alles schöner. Ich stamme aus dem ehemaligen Osten und ich wohne auch heute noch lieber im Osten und habe hier meinen Bekanntenkreis, das Angebot ist groß und die Stimmung etwas anders. Ich sage: man müsste sich einen Campingbus kaufen und von einem Kiez zum anderen tingeln. Sie nickt und sagt: ja, da ist man zwar nirgendwo zu Hause, aber immer mittendrin. Wir verstehen uns, wenn wir über das Dazwischen reden. Ihre Geschichte ist die zwischen Osten und Westen. Meine ist die zwischen den Generationen, zwischen den Granatenlöchern und den Glasfassaden. Für die Sonntagsbesucher am Wannsee ist das kein Problem, sie rasen mit Picknickkorb im Kofferraum und Surfbrettern auf ihren Autos an den bestens erhaltenen, weil bewohnten Villen der Nazis vorbei. Ortswechsel.
Etwas in mir ist mächtiger als meine Organe, denke ich. „Vera“, sagt Jonas, mein Begleiter, als wir dann auf der Parkbank nahe Bellevue sitzen. „Mach’ doch ein paar tiefe Atemzüge, atme bis unter den Nabel, das löst deinen Krampf im Magen.“ Und ich lehne mich an das Holzbrett in meinem Rücken, biege meine Wirbelsäule mit einer Kraft zurück, als hätte ich zum ersten Mal bemerkt, dass mein Körper meist eine leicht gebeugte Haltung einnimmt, aber nun will ich mich endlich aufrichten und strecken, um Platz zu erhalten für meinen Magen, der sich verkrampft hat und Raum für meine Schultern, die mich mehr nach unten drücken, als meinem Kinn bei lockeren Schwingungen beistehen. Geh gerade, buckel nicht so, hatte das nicht der Vater immer gesagt? Atme tiefer, Vera, sagt Jonas, dann kommt das Leben zu dir zurück. Ja, war es denn weg?, denke ich und sage: Wann hat das nur angefangen?