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im westens nichts neues

roland cresnar | im westens nichts neues

Eines Tages, es muss ungefähr knapp nach der Jahrtausendwende gewesen sein, wachte ich in aller Herrgottsfrüh auf. Und zwar, weil mir der Mond, die alte Sau – so kam es mir zumindest im ersten Augenblick vor – auf den Hinterkopf schiss. Dass der Mond aber doch mein Freund war, bewies mir die eilig vom Kopf gekratzte Stoffprobe, die nach Erde roch und auch wie solche aussah. Ich entschuldigte mich bei meinem treuen Trabanten für die unbedacht geäußerte Derbheit und atmete kurz durch. Als ich jedoch bemerkte, wie ich geschlafen hatte, nämlich mit Armen, Kopf und Brust über das Balkongeländer gelehnt, wurde ich von einer Unruhe ergriffen. Oder sollte ich besser Rastlosigkeit sagen oder Fetzen einer Vision? Denn so wie am Nachthimmel kurz aufzuckende Blitze schlugen endgültige Momente der Klarheit permanent in mich ein.
Wie auch immer, ohne morgendliche Zigarette richtete ich mich auf und schaute nach oben. Der Vollmond schien noch etwas beleidigt, doch die Sterne zeigten die vierte Stunde des Tages, und die Nachbarin einen Stock über mir ein äußerst apartes Lächeln. Dieses galt aber nicht mir, sondern ihren Blumen, mit deren Töpfen sie viel zu hastig hantierte. So schmiss sie alle paar Sekunden einen um und damit weitere Erde auf mich.
Asche zu Asche, Staub zu Staub, fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und ich wusste, was zu tun war. Doch zuerst machte ich mich auf den Weg unter die Dusche, was keineswegs leicht war, denn aufgrund meiner absonderlichen Schlafstellung konnte ich nicht wirklich aufrecht gehen. Außerdem war ich schwerstens verkatert, so war es kein Wunder, dass ich sämtliche Türstöcke zwischen Balkon und Bad mit dem Hinterkopf mitnahm. Dabei stellte sich die Blumenerde nicht wirklich als geeigneter Dämpfer heraus – der Rhythmus in meinem Schädel allerdings war bemerkenswert gut. Im Bad angekommen, wusste ich nicht mehr, was ich dort wollte, so durchgerüttelt war mein Hirn, aber deutlich meine Vision: Asche zu Asche, Staub zu Staub, Sandalen für den Fortgang des Lebens.
Nach dem Frühstück ordnete ich meine Korrespondenz, räumte ein bisschen in der Wohnung auf und schlüpfte in meinen allerbesten Anzug – den knallig orangen mit dem Echtfellrevers. Dann holte ich aus dem Tresor jene luftdicht verpackte Cohiba, die ich seit der Hochzeit meiner Schwester aufbewahrt hatte, sowie die gute alte 45er aus den 70er Jahren. Die nächsten zwei Stunden waren die anstrengendsten und auch die schwierigsten. Ich errichtete einen Scheiterhaufen aus meiner Platten-, Bilder- und Büchersammlung, auf den ich all meine Spirituosen schüttete, bis auf den Gin, den ich in Form von Gin Tonic während der schweißtreibenden Arbeit trank, sowie dreieinhalb Liter Kürbiskernöl. Mein Gefühl wurde fortwährend besser, raste mit 280 Kilometern in der Minute auf den Wendepunkt zu, tauchte mich in maßloses grellrotes Licht. Ich rauchte eine Zigarette nach der anderen, achtete aber darauf, mein Feuer noch nicht zu entfachen. Dieses sollte erst brennen, nachdem ich das Menü neun aus Antonio Carluccios Kochbuch nachgekocht und aufgegessen hatte: Kalbfleisch in Thunfischsauce, Salat aus grünen Bohnen mit Minze, Melanzaniauflauf, als Abschluss Ricottakuchen – flambiert. Genau die richtige Füllung für meinen Bauch, um ultimativ aus ihm zu singen. Und ich sang (und wie ich sang!) mein letztes Lied.
Die Flammen leckten schon an der Decke, als ich meine Sandalen schnürte, die 45er lud und wild entschlossen die Wohnung in Richtung nächstes Geschoß verließ. Den Schlüssel warf ich beim Gangfenster hinaus, ich wusste, so oder so, ich würde ihn nicht mehr brauchen.
Meine Nachbarin schien mich bereits erwartet zu haben, und nach ein paar höflichen Komplimenten über mein Aussehen bat sie mich herein. Wir setzten uns an einen runden Tisch, auf dessen Platte in golden verschnörkelten Buchstaben die Himmelsrichtungen eingeritzt waren, und tranken Wodka, den sie in Kaffeetassen, auf denen mein und ihr Name standen, servierte. Rita gefiel mir, obwohl objektiv gesehen Rita nicht zu meiner Nachbarin passte. Sie fragte mich, ob ich glaubte, dass Somnambulismus heilbar sei, ich fragte mich das auch, wusste allerdings keine passende Antwort. Auch wusste ich nicht, wo in Wirklichkeit die Sonne unterging – also die Nacht begann. Um mir das zu zeigen, begann sie, mit geschickten Handbewegungen die Tischplatte zu drehen, und während der Boden unter meinen Füßen heißer und heißer wurde, kam es mir so vor, als würde die kreisende Bewegung des Tisches die Melodie einer eingebauten Spieluhr ablaufen lassen.
ashes to ashes, funk to funky, we know major tom’s a junky.
Ich zog die 45er, legte sie auf den Tisch und drehte sie in die entgegengesetzte Richtung. Dann rauchte ich gemeinsam mit Rita meine Cohiba, fragte sie danach, ob sie mich heiraten wolle. Sie lächelte mir zu. my mama said to get things done ...
Der Revolver hatte aufgehört sich zu drehen, zeigte mit der Mündung nach Westen, und als der Tisch zum Stillstand kam, war der Westen... ich. Rita lächelte mich ein zweites Mal an, nahm die 45er in beide Hände und zielte geradewegs auf mein Herz. Um unsere Füße züngelten schon die Flammen, die sich von meiner Wohnung aus ziemlich rasch hochgearbeitet hatten. Ich sah, dass Rita auch Sandalen trug.
„Weißt du jetzt, wo die Nacht beginnt, Thomas?“
Dann brach der Boden ein, und wir stürzten in mein Wohnzimmer, das eigentlich nur mehr ein einziges Flammenmeer war.
„Magst du deinen Nachnamen?“ fragte sie, ein drittes Mal lächelnd, und drückte ab. „Ich mag ihn schon.“
Der Rest ist Geschichte.