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mannigfache enthüllungen

Ermittlungen mit aufgesetztem Rotlicht


Sabina Naber: Die Namensvetterin.

Roman Hamburg: Rotbuch; 2002

Rezensiert von: hannes luxbacher


Im Grunde genommen ist keine literarische Gattung so sehr dem Willen nach Wissen und der Offenbarung der (einer?) Wahrheit verbunden, wie der Kriminalroman. Dennoch, oder deshalb, musste sich das Genre beständig gegen die Vorwürfe verwehren, zu sehr einer nicht tiefer dringenden Oberflächenwelt verbunden zu sein, als dass man es für wissenschaftlich-literarisch ernst nehmen könnte. Die Verkaufszahlen trugen das ihre dazu bei, den Krimi als nicht ganz relevant zu betrachten, eher abfällig sogar, denn über massenkonsumierte Literatur lässt sich nur schwer Distinktionsgewinn erzielen. Worüber wieder einmal über die Gate-Keeper mehr gesagt wäre als über die Werke. Und dann kamen die Erfolge eines Wolf Haas oder eines Henning Mankell. Beide mit ganz anderen Ansätzen und sehr erfolgreich, führten sie uns vor, was die Genregrößen Sjöwall/Wahllöö bereits in den späten 60ern formulierten: Wenn sich der Kriminalroman anderen Szenarien zuwendet, bleibt er unentbehrlich. Der Topos der Wirtschaftsverbrechen etwa und die damit einhergehende Veränderung des Typus des Verbrechers waren die ersten fokussierten Veränderungen, etwas, was Mankells Hauptfigur Wallander in mehreren seiner Fälle textimmanent reflektiert.
Die Österreicherin Sabina Naber nun legt mit Die Namensvetterin ihr literarisches Debüt vor. Die Bezugnahme auf gesellschaftliche Ist-Zustände erfolgt bei ihr mit einer Geste der Spekulation. Der zunehmenden Sexualisierung und institutionalisierten Freizügigkeit Tribut zollend, spielen große Teile des Romans im Swingermilieu. So drehen sich denn auch die Ermittlungen nicht ausschließlich um einen Mord, der ganz klassisch dem Motiv Neid entsprang, sondern auch um die Freilegung emotionaler, insbesondere libidinöser Tiefenschichten der ermittelnden Kommissarin Maria Kouba, die zu dem mehr manifest denn latent machistischen Kollegen Phillip Roth eine erotische Beziehung aufbaut. Ob es trotz – oder wegen – aller Vorbehalte Koubas gegen Roths kaum modern zu nennenden Einschätzungen über männliches Verhalten ist, lässt sich nicht sagen. Besonders analytisch verfährt die Autorin diesbezüglich nicht, was jedenfalls ein grobes Manko des Buches ist. Die Ermordung einer bekannten Kabarettistin führt jedenfalls Kouba und ihren Kollegen Roth alsbald in das Swingerclub-Milieu von Wien. Dort war die Kabarettistin eine gern gesehene und begehrte Besucherin, ihre sexuellen Obsessionen befahlen ihr Männer wie Frauen zur Hörigkeit, keine offensichtliche Feindschaft ist auszumachen. Das Verwirrspiel um die Täterschaft baut Sabine Naber zu einem spannungsreichen, permanent Möglichkeitsräume öffnenden Handlungsreigen. Mitunter mag der ehemaligen ORF-Redakteurin ein zu viel an Schielen auf Verfilmung unterstellt werden, und mitunter lassen vor allem die angedeuteten psychischen Verfasstheiten der Hauptfiguren auf mehr Tiefgang in der Figurenzeichnung sowie auf ein detaillierteres Verfolgen diverser Zwischenhandlungen hoffen, alles das wird aber nur bedingt erfüllt. Dennoch bietet der Roman Spannung und greift Sjöwall/Wahllöös Diktum der ungewöhnlichen Szenarien in Ansätzen auf.