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marcuse, schau owa! (Teil I)

Ansätze zur Ent-Entfremdung der weiblichen Seele


Eugenie Kain: Atemnot.

Roman Linz, Wien: Resistenz; 2001

Rezensiert von: stefan schmitzer


Zwei Neuerscheinungen im Linzer Resistenz Verlag verstärken die Verankerung der „österreichischen Frauenfigur“ als solcher in den Fußstapfen der Bachmann, eine weitere aus dem Klagenfurter Kitab Verlag bietet, aus ebenso weiblicher Perspektive, endlich Alternativen zum qualitativ mittelmäßigen Betroffenheitsgedudel zuletzt erschienener „Jugoslawienbücher“ (siehe auch: Elke Papp: Wundräume und Viktorija Kocman: Reigentänze). Für alle drei als Motto mag ein Zitat aus Wundräume von Elke Papp gelten: „Was der Lustschrei einer Überschreitung war, wird zum Wohlklang einer stimmigen Erfahrung werden, der den Ort des Austritts ausradiert.“
Eugenie Kain ist Linzerin, und sie scheint zu jener Sorte StadtbewohnerIn zu gehören, die für sich die „landschaftlichen Qualitäten“ ihrer Stadt entdeckt und gezielt erforscht haben. In jedem Fall gilt das für Marie/Therese, ihre an der Grenze zur Schizophrenie geradezu lustwandelnde Protagonistin. Weil aber diese Wahrnehmungsfähigkeit, wie vieles andere auch in Kains Roman Atemnot, im Halbschatten bleibt, ausgesprochen, aber nicht durch Situationen oder umfangreichere Rede in den Kontext gestellt wird, unterstelle ich den biographischen Bezug: Wer in der Lage ist, Details auszuarbeiten, die „stimmen“, ohne kontextuell verankert zu sein, die sozusagen „funkeln“, bedient sich dazu meist im Fundus der eigenen Erfahrung, macht sich nicht die Mühe, zu konstruieren.
Natürlich bieten der Plot des Romans und die Verfahrensweise der Autorin auch so schon mannigfaltige Gelegenheiten, es kräftig durch die Kulissen funkeln zu lassen: Ein Mädchen begeht Selbstmord, indem sie vom Balkon eines Hochhauses springt, das kurz vor dem Abriss steht und dessen Bewohner sich auf die Umsiedlung vorbereiten. Auf seiner letzten Liftfahrt begegnet es der erwähnten Marie/Therese, die sich als Schriftstellerin später daran machen wird, die Geschichte des Mädchens in ihr Werk einzuarbeiten, wobei sie den Weg des Sozialarbeiters Richie kreuzt, der als Bezugsperson der Toten eigene Recherchen anstellt. Dieser Rahmen wird als solcher nicht sofort kenntlich: Er bleibt notwendiges Strukturelement, ohne sich aufzudrängen (eine beachtliche technische Leistung, die dem Leser das Gefühl gibt, von unsichtbarer Hand geführt durch den Text zu schweben, notwendigerweise voll konzentriert, weil unfähig, den Verlauf der Spannungsbögen vorwegzunehmen). Innerhalb des unsichtbaren Rahmens nun, wie in einer klassischen Detektivgeschichte, entspinnen Marie und Richard ihren knappen Dialog über Ursachen und Konsequenzen des Selbstmordes, während sie durch die Bilder schreiten, die von den Bewohnern des Hauses entwickelt werden.
Da träumt „der Gamsjäger“ von Freiheit, augenfällig unter Verdrängung der Möglichkeit, seine Familie zu verlassen. Da kocht „die Fürstin“ Semmelknödel. Da flieht Max Praha nach Istrien und wartet auf „den Fürst“, der todkrank seiner Musikerkarriere nachhängt. Dass sie alle kurz davor stehen, zwangsübersiedelt zu werden, wird bei Kain – unmerklich, aber zwingend – zur zentralen Metapher des Buches.
Ein schöner, ein schön trauriger Roman von zwei Menschen mit spiegelbildlichen Konzepten von der Welt, in der sie leben, gerade weil ihr Schmerz so ähnlich ist: Wo Marie über das „Netz“ hinter der Stadt kontempliert, erst aus ihrer Metareflexion von Stadtplanung sich für die tote Desiree interessiert (so würde mein Verdacht lauten, auch wenn die Figur anderes von sich behauptet), flieht Richie aus jeder allzu großen menschlichen Nähe in Momente der Betrachtung des „Netzes“, das ihm die Sterne spinnen. Die beiden erinnern ein wenig an Maletta und den Matrosen aus Hans Leberts Roman Die Wolfshaut.
So wunderbar und (aus der erzwungenen Konzentration heraus) vielschichtig das Buch ist, so hat es zwei Fehler: Erstens ist nicht klar, „worauf das alles hinausläuft“, da hilft der Autorin auch nicht der Einschub von filmartigen „Cuts“ und Überblendungen zur besseren Strukturierung. Insofern das Buch sich nicht so ohne weiteres auf nur einen Bauplan reduzieren lässt, ist man auch auf die Auskünfte angewiesen, die einem der Sprachfluss über die Handlung gibt. Hier erlaubt sich die Autorin zu viele kalkulierte Doppeldeutigkeiten, deren gravierendste den Schluss ausmacht (mehr sei dazu nicht verraten – zum Schutz der schönen Pointe). Streckenweise widerspricht also der Sprachduktus dem Exposee. Zweitens ist das Buch für seine ungeheure Vielstimmigkeit meiner Meinung nach viel zu kurz: Allzu viele Motive, Topoi und eigentümliche Wendungen treten auf, die nicht zur Entfaltung gelangen, sich allzu unmittelbar in den Dienst des erzählerischen Haupstrangs gestellt finden: Wo Eugenie Kain es fertig bringt, der selbstauferlegten Notwendigkeit zur Präzision (wie das unter Verlagslektoren dann wohl heißt) zu gehorchen, gelingt ihr eine stringente Schilderung, die aber stets den Nachgeschmack gewaltsamer Verknappung birgt. Wo sie den sekundären Motiven über einige Seiten jene Entfaltung gewährt, die ihnen diesen Nachgeschmack nimmt, zerbricht die herbeigezwungene Stringenz. Dieses Problem ist aber wohl eher dem Lektor Ludwig Hartinger zum Vorwurf zu machen als der Autorin. Nicht immer liegt die Würze in der Kürze, und das Ausarbeiten aller angelegten Bezüge hätte dem Roman in puncto Strukturierung und Lesbarkeit sicher gut getan.
Unterm Strich ein Buch, nach dessen Lektüre sich das Gefühl einstellt, Menschen ins Gesicht geschaut zu haben, die sich von hüben oder drüben der Grenze zwischen sozial determinierter Persona und „unentfremdetem Selbst“ annähern. Atemnot ist, wiewohl es hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt, ein überaus poetisches und zärtliches Buch, das Lust auf „mehr davon“ macht.