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marcuse, schau owa! (Teil II)

Ansätze zur Ent-Entfremdung der weiblichen Seele


Elke Papp: Wundräume.

Linz, Wien: Resistenz; 2001

Rezensiert von: stefan schmitzer


Wundräume von Elke Papp ließe sich in vielerlei Hinsicht als ein polares Gegenstück zu Atemnot deuten, mit der einzigen und wichtigen Ausnahme des in beiden Fällen (bei Kain in der Rede der Figuren, bei Papp ziemlich grundsätzlich) meisterhaft lakonischen Tonfalls. Das Buch besteht aus Kurztexten, habituell fragmentarischen Erzählungen und textlichen Überbleibseln der Performances, mit denen sich die Autorin österreichweit einen Namen gemacht hat.
Auffällig ist, dass es sich nicht nur um eine mehr oder minder durchdachte Auswahl bereits vorhandener Arbeiten von Elke Papp handelt: Chiffren und Motive kehren in einigen der Texte auf eine Weise wieder, als seien sie Verklammerungen, als seien die einzelnen Texte dem Ganzen des Buches zumindest angepasst, wenn nicht gar erst geschrieben worden, um ihren Platz im Ensemble der Wundräume einzunehmen.
Eine Umkreisung von Situationen findet statt, in denen Entfremdung aus Nähe erwächst, Männer und Frauen tatsächlich als „zwei verschiedene Sorten Mensch“ dastehen oder „Verwirklichung“ durch ein Bild von ihr bzw. ein Konzept über sie verdrängt und untergraben wird. Da treten Menschen auf, deren Codizes richtigen Verhaltens/Denkens so sehr mit ihrer Substanz verwachsen sind, dass sie nicht mehr zwischen Eigenem und Fremdem unterscheiden können, ein Post-Adorno-Buch sozusagen, in dem nebenbei auch, unformuliert, eine ganz eigene Kulturtheorie mitschwingt. Wundräume ist ein Buch über Menschen, die an der nicht realisierten gesellschaftlichen Determiniertheit ihrer Träume scheitern und/oder in die Dumpfheit abgleiten.
Zudem sind einige der Texte – meist die kürzeren, bei Papp gleichbedeutend mit den eher auktorial erzählten – von einer poetischen Kraft, dass einem die Spucke wegbleibt. Mein persönlicher Favorit ist der allererste Text, Adam und Apfel, dessen mit unglaublicher Leichtigkeit hingezauberte Pointe jedeR andere AutorIn zielsicher kaputtgemacht hätte, knappe eineinhalb Seiten, die meinem Gefühl nach mehr „Geschichte“ erzählen als das ganze restliche Buch, jedoch für sich den vollen Kaufpreis schon rechtfertigen.
Die Schwäche der Erzählerin mit ihrer eigentümlichen Fähigkeit, komplexe Figurenensembles mit wenigen Worten romanhaft-plastisch zu schildern, scheint mir zu sein, dass sie nicht zwischen den Geschmacksrichtungen „spannende ausweglose Situation“ und „langweilige ausweglose Situation“ unterscheiden kann: Sie schildert beiderlei mit derselben Akribie, beschwört denselben Sog herauf, der in letzterem Fall (etwa Apres Chine) aber eben letztlich nur Langeweile hinterlässt. Dennoch hat sie aus irgendeinem Grund spannend Auswegloses öfter geschildert als langweilig Auswegloses, und selbst wenn all dies objektive Aussagen wären, was sie (als reine Geschmacksfragen) nicht sind, bleibt schon das Vergnügen an der technischen Meisterschaft der Autorin als Motivation, das Buch zu lesen, unantastbar.
Zwei Lesetipps: Erstens Fallsüchte, ein Text, der eine verdammt unverblümte – und eben deswegen poetische – Schilderung von Männern und männlicher Interaktion aus Frauensicht beinhaltet (und da gibt es noch Leute, die davon reden, moderne Literatur dürfe keinen pädagogischen Anspruch haben; zumindest mich könnte das Bewusstsein, dass da draußen Frauen herumlaufen, die uns so genau, so nackt eben, sehen, zum „besseren Mann“ erziehen, wenn ich es nur zuließe), und zweitens Fabula Rasa, in welchem Text Papp – für mich erstaunlich erfolgreich – in experimentellen Gefilden wildert.