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marcuse, schau owa! (Teil III)

Ansätze zur Ent-Entfremdung der weiblichen Seele


Viktorija Kocman: Reigentänze

Klagenfurt, Wien: Kitab; 2001

Rezensiert von: stefan schmitzer


Und schließlich gilt es noch mit einer „Meinung“ über die drei novellenhaft geradlinigen Erzählungen Viktorija Kocmans aufzuwarten, aus denen der Band Reigentänze besteht; ein problematisches Unterfangen: Sich Texten, die von unbedarfteren Zeitgenossen in die bequem handhabbare Kategorie „Flüchtlingsliteratur“ getan werden, anders zu näheren als mit mitleidigen Schlagworten („beachtliche Reife“, „das Unsagbare aussprechen“ u.dgl.), also ohne dem Buch unabhängig von seiner Qualität einen Anerkennungsbonus zu geben, wird oft nicht goutiert.
In Kocmans Fall indes braucht niemand sich zu grämen: Der Band zeugt tatsächlich von beachtlicher Reife. Von, wie gesagt, novellenhaft klarer Geradlinigkeit, verzichtet sie doch nicht aufs „Psychologisieren“, oder anders gesagt, es wird nur jeweils eine Figur mit ganzer Deutlichkeit geschildert, diese Deutlichkeit aber hat Vorrang vor dem jeweiligen Plot. Da gibt es die vereinsamte Studentin in Wien, die die Leugnung ihrer Wurzeln bis zu einem Grad betreibt, der sie am Liebesleben scheitern lässt (und zwar nicht, wie der Klappentext im erwähnten Jargon informiert, „aus Scham und Angst als Mitglied einer von Schuld beladenen Nation“, sondern aus ihrer fast Bernhardschen Verfassung heraus: Neubeginne – dieser Gedanke eröffnet die Erzählung, und als Metapher verkleidet schließt er sie auch – müssen ihr vollkommen sein und ohne einen Rest an Altem). Da gibt es die „unpolitische“ Belgrader Psychotherapeutin, an deren therapeutischer Konfrontation mit einem wahren Kriegsverbrecher der Komplex Täter/Mittäter aufgerollt wird, unter besonderer Berücksichtigung der Verantwortung derer, die nur „ein normales Leben“ wollen, die es sich gerichtet haben, für welche politischen Zustände auch immer. Zumindest ich gönne der Protagonistin ihre Alpträume von Herzen, wie es mutmaßlicherweise auch die Autorin tut, jedoch ohne dabei weniger einfühlsam zu erzählen, eine Tatsache, die das Buch sympathisch macht, weil „unparteiische“ Kunst geboten wird. Schließlich wird auch vom Geschick eines vor dem Krieg nach Österreich geflüchteten Mädchens erzählt, sozusagen mitsamt Familiengeschichte und Fremdenpolizei.
Wenn einer der drei Texte schwächer als die anderen ist, dann dieser: Die Soldaten, die den Vater der Ich-Erzählerin holen kommen, „riechen nach Tod“, der österreichische Polizist, der sich am Schluss in sie verliebt und so eine positive Integration ex machina erreicht, „riecht nicht nach Tod“, und alleine diese Charakterisierung verleidet die Lektüre des im übrigen wohl autobiographisch gefärbten Textes, der in den Rückblenden einige interessante Einblicke in die Lebenswelt Tito-Jugoslawiens gewährt.
Ganz grundsätzlich lässt sich sagen, dass Kocman zwar nicht in ihrer Muttersprache schreibt, was für Leute, die dergleichen gezielt suchen, in Sätzen mit komplexer Zeitenfolge sichtbar wird (und nur für sie), sie aber die deutsche Sprache als Werkzeug gekonnt handhabt, um ihre plastischen Frauenportraits zu zeichnen. Die Autorin hat einen Blick für die Innere Logik, für Hoffnungen und Instinkte ihrer Figuren, was dem leicht kolportagehaften Stil aber in keiner Weise schadet, ihn vielmehr bereichert. Gemeinsam ist den Texten die Balance zwischen nüchterner, nahezu lakonischer Schilderung und gefühlsbetonten Rückblenden, die, zu Ende gelesen, den Charakter weniger eines Teils der Handlung als vielmehr eines Teils der Folie annehmen, vor der diese sich abspielt. Damit übernehmen auch die geschilderten Emotionen des „Jetzt“ die Aura des Fremden, des passiv ertragenen, und Kocman relativiert somit die Rede ihrer Protagonistinnen: Das Ich als Produkt der Streicheleinheiten und Verletzungen, die es erfährt.
Zuletzt ein Vorwurf, der dem Verlag gilt: Der Umschlagtext auf der Rückseite des Bandes ist irreführend. Man hat den einzigen Absatz aus dem Buch ausgewählt, der dem gängigen Etikett von „Flüchtlingstexten“ entsprechend Mitleid und nichts als Mitleid hervorruft, ein Etikettenschwindel zur besseren Absteckung des Zielpublikums.
Es fällt auf, dass drei sehr verschiedene Autorinnen in ihrer Annährung an das weite Feld der Frauenfigur, wie sehr oder wie wenig programmatisch diese jeweils auch ist, das Thema der Entfremdung auf ihre verschiedenen Arten durchzuspielen sich wohl genötigt sahen (zumindest fällt es auf, wenn man nicht behaupten möchte, dass Entfremdung DAS natürliche Thema heutiger Prosa ist). Alle Frauen der drei Bücher haben gemein, dass sie ihr „Eigenstes“ mehr oder weniger bewusst außerhalb ihrer eigenen Empfindungen orten und sich dementsprechend durch ihre Welten bewegen.
Welches der drei Bücher aber der weiblichen Entfremdung den besten Spiegel vorhält, welches die kraftvollsten Ansätze zur Ent-Entfremdung birgt und all die verwandten Fragen bin ich als Mann, der ich bin, nicht berufen, zu beantworten. Selber lesen!