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riten, räusche, rock’n’roll

Auch in der Provinz nördlich des Polarkreises lässt es sich ganz schön fetzen


Mikael Niemi: Populärmusik aus Vittula. Roman.

München: btb-Goldmann; 2002

Rezensiert von: werner schandor


Lange bevor im deutschsprachigen Raum über Warmduscher, Weicheier und Nach-Vorne-Einparker diskutiert wurde, war es im hohen Norden an der finnisch-schwedischen Grenze für die dortige männliche Jugend bereits wesentlich, nicht „knapsu“ zu sein, was ungefähr so viel wie weibisch bedeuten dürfte. Zumindest geht das aus Mikael Niemis feinem Entwicklungs- und Poproman Populärmusik aus Vittula hervor.

„Gewisse Beschäftigungen sind von Grund auf knapsu und sollten deshalb von Männern vermieden werden. Dazu gehört Gardinenaufhängen, Stricken, Teppiche weben, mit der Hand melken, Blumengießen und Ähnliches.“ Nachdem Jahrhunderte lang klar war, was „knapsu“ ist, und was nicht, wurde es im 20. Jahrhundert mit den vielen neuen Errungenschaften etwas komplizierter: „Ist es beispielsweise knapsu, Halbfettmargarine zu essen? Eine Standheizung im Auto zu haben? Hundescheiße in die Plastiktüte zu tun?“ Und vor allem: Ist es „knapsu“, in einer Rockband zu spielen, wie es der jugendliche Ich-Erzähler und sein Freund Niilia tun?

Die Frage lässt sich nicht so ohne weiteres beantworten, vor allem nicht, wenn man so differenziert an die Geschichte herangeht wie der schwedische Lyriker und Kinderbuchautor Mikael Niemi. In seinem ersten Roman erzählt Niemi vom Aufwachsen in der nordschwedischen Provinzstadt Pajala, genauer gesagt im Stadtteil Vittulajänkkä – Fotzenmoor. Die Zeit der Handlung: die 60er, eine Zeit der Veränderungen, die sich durch alle Sphären des Lebens ziehen: Freundschaft, Familie, Sexualität, Schule, Gesellschaft. Niemi schildert in 20 Episoden ironisch, nuanciert und mit Ausflügen ins Phantastische, wie die Protagonisten dieses ihnen unbekannte Gebiet zwischen skandinavischen Riten und Räuschen erkunden. Umwerfend ist dabei die Episode vom Hochzeitsfest, wo die Familien von Braut und Bräutigam herausfinden wollen, wer die bessere sei – mit Bankdrücken, Kampftrinken und Wettsaunieren, bis die Brandblasen platzen. In all dem heiteren bis beklemmenden Wahnsinn der nordischen Normalität erschließt sich den Jugendlichen gleichzeitig eine neue, eigene Domäne: Der Rock’n’Roll. Das Initiationserlebnis liefert die Beatles-Single Rock’n’Roll Music: „Ein Gewitter brach los. Ein Pulverfass explodierte und sprengte das Zimmer. Der Sauerstoff ging zu Neige, wir wurden gegen die Wände geschleudert, waren in die Tapete gepresst, während sich die Kammer in rasender Fahrt drehte.“

Wie die Rockmusik selbst ist auch Niemis Roman in brachialen ebenso wie in sensiblen Gefilden daheim, ohne im Einen oder im Anderen deplaziert zu wirken. Ergänzt wird diese sehr eigenständige Mischung von einer Brise fatalistischer Melancholie, die wir Mitteleuropäer als finnisches Stereotyp sehr schätzen. In Bezug auf den ersten Auftritt der namenlosen Band des Ich-Erzählers liest sich das so: „Wie es in Tornedalen üblich war, äußerte keiner ein einziges Wort über den Auftritt, da unnötiges Lob nur zu übertriebenen Projekten und letztendlich Pleiten führte.“ – Wunderbar!