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schmachtfetzen

hannes luxbacher | schmachtfetzen

Love is in the Air

An den Orten, wo Musik mehr als sonst eindringt, wo es zwischen Gefühlsduselei und hehrem Pathos nur ein kleiner Grat ist, der zu beschreiben und beschreiten kaum möglich ist, dort kommt eine Bezeichnung ins Spiel, die Missverständnisse produziert wie Politik: Schmachtfetzen.
Das eigentümliche Wesen der Schmachtfetzen besteht darin, dass sie unabhängig von jeder ansonsten präferierten musikalischen Neigung keine (Schames)Grenzen kennen. Schmachtfetzen, das sind musikalische Stücke, die mit pseudo-religiösem Eifer gegen alle Kritik verteidigt werden, denn Schmachtfetzen sind Lieder, in denen wir auf eigentümliche Weise heimisch werden, und das in jeder nur erdenklichen Provenienz: Schmachtfetzen können grausam sein, können lustvoll sein und peinlich. Vornehmlich scheinen Schmachtfetzen mit Erinnerung zu tun zu haben, geronto-emotionale Hängenbleiber, die niemand aus seinen Ohren bekommt. Wie Haare aus der Nase. Man mag kritischer Hörer sein, man mag popsozialisiert sein und auf Phil Collins mit Perückenunverträglichkeit reagieren, man mag Konstantin Weckers Achselschweiß verachten wie Ozzy Osbourne seinen Kultstatus, dennoch findet man, heimtückisch übermannt und meuchelmörderisch überrumpelt, Lieder wie Against all odds klasse oder sympathisiert mit dem Sommer, der nicht mehr weit ist. Und was ist mit I want to know what love is von den Gott-Sei-Bei-Uns Foreigner? Auch Prince betäubte uns und Michael Jackson, ehe er sich entschloss, Babys aus dem Fenster zu halten und eigentümliche Verschwörungstheorien zu fabulieren. Ganz zu schweigen von all jenen volksmelodisch verbrämten Songs, bei welchen ein französisches Akkordeon ausreicht, oder meinetwegen eine Panflöte, und man ist hin wie weg? Vorgeblich hat Pop ja etwas mit Dissidenz zu tun, mit einem latenten Maß an Dagegen, und so passiert die Aneignung von Musik auch über selektive Auswahl, mag sie auch noch so diffus sein und mag das Dissidenz-Potential von Popmusik auch schon mal größer gewesen sein. Von Schmachtfetzen allerdings wird man überrumpelt.
Die Veröffentlichungszahl von Popmusik hat in den 90ern ein Ausmaß angenommen, das kaum mehr zu überblicken ist. In einer einzigen Dekade wurde das ganze bislang vorhandene Repertoire an Musik verdoppelt! Ein wenig erstaunlich ist es also trotz der oben genannten Annahme, dass Schmachtfetzen vor allem mit Erinnerung zu tun haben, dass in einer kleinen privaten Umfrage die Rückmeldungen nach den Lieblingsschmachtfetzen gegenwärtige Schmachtfetzen kaum angeführt haben, denn die Schwemme an balladesken Ballaststoffen hat gerade in Zeiten der Teenager-betörenden Boygroupinflation ein Maß erreicht, dass zu goutieren man schwerlich noch schafft. Vielleicht ist ja gerade auch das der Grund dafür, dass heutige Schmachtfetzen nahezu ungenannt blieben: Die perpetuierte, kalkulierte Unter-Tränen-Setzungs-Taktik der Musikindustrie. Dennoch: Daneben gibt es Großmeister des Pathos und des Kitsch, bei denen man gerne aufläuft. Aber was macht die Tindersticks aus? Oder die Walkabouts? Ist es das Maß an Larmoyanz, das uns untertags nicht zugestanden wird, und welches wir in der Musik finden? Ist es die Verschiebung der Träume in die Phrasen der Songlyrics, nachdem uns die Realität einen Kompromiss als Arrangement abgerungen hat? Kann sein, dass alles dieses zutrifft, mag sein, dass Schmachtfetzen einfach nur die Möglichkeit anbieten, die Vergangenheit mit der Gegenwart in Einklang zu bringen und dabei auch eine etwaig bessere Zukunft umfassen und nicht von vornherein ausschließen. Schmachtfetzen stehen den Protestsongs quer, den agitativen Brüllern, die wir alle auch brauchen und in unserem persönlichen Fundus der Pophistorie herumtragen. Die Songs der Revolte sind vielfach nach außen getragene Statements, die Schmachtfetzen sind unsere Erinnerung mit der Hoffnung auf Wiederholung.

Falls Sie die schöne Tradition des Cassetten-Gestaltens noch hochhalten, hier ein paar Tipps (in willkürlicher Reihung), zusammengetragen unter der regen Mithilfe von Freunden und Bekannten, an die die Bitte erging, ihre Lieblingsschmachtfetzen in eine Top-Ten-Liste zu packen:

Tom Waits: A Little Rain/The Smiths: Last Night I Dreamt That Somebody Loves Me/Elvis Presley: Home Is Where My Heart Is/The Cure: The Same Deep Water As You/Chris Isaak: Blue Spanish Sky/U2: Love is blindness/Marc Almond: A Woman‘s Story/Madonna: To Have And Not To Hold/Tears for Fears: Watch Me Bleed/The Cars: Why Can’t I Have You?/Roy Orbison: In Dreams/Magnetic Fields: Papa Was A Rodeo/Chet Baker: I Get Along Without You Very Well/Air Supply: All Out Of Love/Nana Mouskouri: Hold Me, Thrill Me, Kiss Me/Elvis Presley: Can’t Help Falling In Love/Wolfgang Ambros: Du bist wia die Wintersunn/Lyle Lovett: Closing Time/Phyllis Dillon: Don’t Stay Away/Lou Reed: Walk On The Wilde Side/Madonna: There Is No Reason/Reinhard Mey: Ihr Lächeln war wie ein Sonnenaufgang/Wolfgang Ambros: Corina Corina/Sisters Of Mercy: Cohan/Peter Cormelius: Du entschuldige i kenn di/Kärntner Volkslied: Wann i durchgeh durchs Tal/Falco: Jeanny/Tom Waits: It’s Time Time Time/Nirvana: All Apologies/Blumfeld: Tausend Tränen Tief/Nena: Leuchtturm/R.E.M.: Everybody Hurts/U2: One/Andrew Sisters: Tennessee Waltz/Robbie Williams: Angel/Nick Cave & The Bad Seeds: Into My Arms/Emmylou Harris & Gram Parsons: Love Hurts/Dean Martin: Arrivederci Roma/Toto: Africa/Herbert Grönemeyer: Alkohol/KISS: I Was Made For Loving You/Wolfgang Ambros: Foto von dir/Blondie: The Tide Is High/Joy Division: Love Will Tear Us Apart/Kinks: Lola/Nick Cave & The Bad Seeds: Deanna/Elvis Costello: Sulky Girl/Air Supply: The Air That I Breathe/Napalm Death: Why/Bee Gees: How Deep Is Your Love?/Los Yes Yes: Los Tus Ochos Verdes/Zemfirah: Khochesh/Billy Bragg: Levy Stubb´s Tears/Elvis Presley: In The Gettho/Tonträger: Ballade 2/Blumfeld: Kommst du mit in den Alltag?/Massive Attack: Unfinished Sympathy/The KLF: Say A Little Prayer/Roxy Music: More Than this/Roxy Music: Avalon/Spandau Ballet: I Cry For You/The KLF: Justified And Ancient/Julee Cruise: Inside My Heart/Prince: Sometimes It Snows In April/Police: Every Breath You Take/Sinead O’Connor: Nothing Compares 2 U/Peter Gabriel: Love To Be Loved/Patti Page: The Tennessee Waltz/The Ronettes: Be My Baby/Michel Polnareff: Love Me, Please Love Me/Gene Pitney: 24 Hours From Tulsa/Rightous Brothers: You’ve Lost That Lovin’ Feelin‘/Nancy Sinatra & Lee Hazlewood: Some Velvet Morning/Kate & Anne McGarrigle: Dancer With Bruised Knees/Beach Boys: With Me Tonight/The Love Affair: Everlasting Love/Elvis Presley: One Night/Mariah McKee: Show Me Heaven/Nick Cave & The Bad Seeds: Watching Alice/Jeff Buckley: Lover You Should Have Come Over/PJ Harvey: The Dancer/Element of Crime: Das alles kommt mit/Tindersticks: No More Affairs/Bob Dylan: Let It Be Me/Led Zeppelin: Since I’ve Been Loving You/Pink Floyd: Wish You Were Here/The Who: Love Reign O’er Me/John Miles: Music/Beatles: Let It Be/Prince: Purple Rain/Bob Dylan: Can’t Help Falling In Love/Van Morrison: Brand New Day/Peter Gabriel: San Jacinto/Roy Black: Wahnsinn/Klaus Nomi: Can’t Help Falling In Love/Bangles: Eternal Flame/Bruce Springsteen: Jungle Land/Lou Reed: Betrayed