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tic-tac, pip-pop

thomas ernst | tic-tac, pip-pop

Verabschiedung eines literarischen Trends mit gerade mal zwei Gedanken

I
Wo sind wir denn dran? Heute kriegen wir die Popliteratur. Also, was ist die Popliteratur? Da stellen wir uns ganz dumm. Und dann sagen wir so: Die Popliteratur, das ist ein großes schwarzes Begriffsloch, das saugt alles ein, was jung ist und hipt und hopt und popt, bis alles zu einem bunten Püree geworden ist. Denn wenn das Lesen bei Ihnen mal schnell gehen muss, dann nehmen Sie einfach ein beliebiges Stück aktueller Popliteratur, kochen es mit einem Liter Wasser auf, gießen es in eine Schüssel und geben nach Belieben etwas Butter dazu. Nach einer Minute sollten Sie es noch einmal umrühren. Fertig ist eine leicht verdauliche Mahlzeit. Dabei hat ein Buch nur zwei Gedanken. Tic Tac. Pip-Pop.

II
1989/90. Francis Fukuyama: Das Ende der Geschichte. Der kapitalistische Wahnsinn siegt auf ganzer Linie (nur einer hält sich ganz fidel). Für Deutschland heißt das: GAU und Weiler. Dissonanter Deutschland-Gesang der Herren Kohl, Brandt, Genscher und Momper am Schöneberger Rathaus. Ein damals 20jähriger wird wenige Jahre später in einem Bestseller schreiben: „Wir hatten erstmals ein paar patriotische Gefühle und ärgerten uns über die Linken, die in ihre Trillerpfeifen bliesen.“ Die Jungs an der Ostfront verstehen die Botschaft, organisieren lustige Feuerspiele zum Gedenken an die alten Führer. 1991 Rostock-Lichtenhagen. Hoyerswerda. 1992 Mölln. 1993 Solingen. Hipp hipp hurra, alles ist super, alles ist wunderbar. Jubelnde Menge Massenware. Die Heimat Adolf Eichmanns vereinigt und berlinerrepublikt, die selbstbewusste Nation formiert sich, ein Ruck muss durch Deutschland gehen, anschwellende Bocksgesänge allerorten. Asylgesetze werden geändert, beschauliches Bonn in die Metropole Berlin verlegt, alles wird zur Standortfrage, ich kenne keine Parteien mehr, nur noch Arbeitsplätze, das Holocaustmahnmal Deutschland versteinert sein Zentrum, Bubis soll gefälligst das Maul halten, Fahrradhelm Scharping lässt deutschen Atommüll ins Land der gegrillten Föten schießen, balla-baller.
Zeit für eine neue Generation: Generation X, Generation Y, Generation @, Generation Golf, Generation Berlin, Die 89er. Noch nie war soviel Generation wie in den Neunzigern. Ein Land hat Lust auf Erneuerung. Weg mit dem Büßergewande, wir sind wieder wer und selbstbewusst, d. h. die treibende Kraft in Europa, manchmal auch die treibende Kraft in der National Befreiten Zone, einen Helm dem, der Böses dabei denkt. 89 stellt 68 auf den Kopf. Das Ende der Bescheidenheit. Größer werden. Mitmachen. Drüber lachen. Yps-Kultur war angesagt. Auch in der Literatur des Landes der National Befreiten Killer.
Literaturmarkt goes Neues Erzählen. Abrechnung mit den Büßerjahren der Bonner Republik, Abrechnung mit der Holocaust-Erinnerung, Abrechnung mit der avancierten und humanistischen Kultur, Teil II, 1990 ff., es billert und bolzt gewaltig in den Feuilletonspalten: „Es gibt keine Literatur mehr. Das, was heute in Deutschland so heißt, wird von niemandem gekauft und gelesen, außer von Lektoren und Rezensenten, den Autoren selbst und einigen letzten, versprengten Bildungsbürgern. [...] Ich glaube, man kann die Literatur retten. Man muss einfach nur so lange gegen die selbstgefällige Sturheit der Altavantgardisten und Literaturnomenklaturisten anreden und anschreiben, bis es wieder anständige Romane gibt. Romane, die man in einem Ruck durchliest. Die man liebt, die man genauso atemlos und gebannt durchlebt wie eine gute Reportage, einen prima Film.“ / „Jede Art von Literatur ist erlaubt, außer der langweiligen.“ Literatur als Film, mit Vergnügen als zentraler ästhetischer Kategorie: So das Heilkonzept für die junge deutsche Leitliteratur und ihren Markt nach der Wende.

III
Willkommen zu unserer heutigen Sendung über die aktuelle deutschsprachige Popliteratur.
Was waren das für Zeiten, als ein Gespräch über Literatur noch eines über Bäume sein konnte. Wir internetten Surfbrettvormkopfe wissen es besser: Das waren Altavantgardisten, schnöselige Arschgeigen, die eben keinen Marsch blasen konnten. Literatur aber muss sein wie gute Musik und ein prima Film, denn gerade Scheiß-Alben starten durch in die Top Ten. Wir pinkelten hunderttausendfach in den Tiergarten und forderten siegesbesäult das volle Programm: mehr Sonne, mehr Spaß und mehr DJ Bobo-Culture in der Literatur. Ja, wir wollten Kopfeier sein anstelle der Eierköpfe, kohler und schröder als wir es uns jemals vorstellen konnten. Es lebe die VIVAisierung der Literatur! Es lebe der Aufstand der anständigen Mitarbeiter der Unterhaltungsindustrie! Ein Roman ist nur mehr das aufgeblasene Drehbuch zum Film. Das Medium Buch als Merchandising-Artikel zum Medienbetrieb. Buchkaufhäuser. Internet-Buchhandel. Verkaufsstatistiken. Unternehmensberater in Deutschlands größten Verlagen. Kunden, die dieses Buch gekauft haben, haben auch die folgenden Bücher gekauft. Keine Staus, keine Hektik, keine Anrufe. Keine andere Welt. Ich stehe sogar manchmal nachts auf und freu mich über die Eindimensionalität meines Horizonts.
Die Reise 1995: Christian Kracht: Faserland. Jetzt geht´s los! Jetzt geht´s los! 1997: Alexa Hennig von Lange: Relax. 1998: Benjamin von Stuckrad-Barre: Soloalbum. 1999: Livealbum. Remix. Benjamin Lebert: 16 Jahre jung. Buch Crazy: 450.000 Mal verkauft. Film innerhalb eines Jahres in die Kinos. Beispiellose Erfolgsserie. Anfangs berichten nur Allegra, Vogue und Mädchen über die Bücher, die die Welt nicht braucht. Aus schlechten Zeiten werden gute Zeiten. 1999/2000 der Boom: Titelthema im Spiegel. Titelthema des Zeit-Feuilletons. 14teilige Serie in der taz.
Kracht, Stuckrad-Barre, von Lange, Lebert, Bessing, Alexander von Schönburg, Eckhart Nickel: Geständnisse einer neuen Gruppe von Literaturwürstchen:
Weil die doofen Nazis da warn, war Deutschland uncool, da konnte man durchs Land reisen, saufen, kotzen, wie man lustig, besoffen oder irgendwie traurig war. Die Schweiz aber rettete, denn sie ist ein Teil Deutschlands, in dem alles nicht so schlimm ist. Eigentlich ist doch alles leicht: Trainingsanzugsträger sind Nazis; Sozialdemokraten, Hippies und die Jazzer im Mojo-Club voll doof, Barbourjacken hingegen voll gut. Die neuen Literaturfachzeitungen Tempo, Allegra und Max fanden unsere ersten Texte hip-hip-hurra, weil da warn ja so viele Mode- und Drogentipps drin. Und sie erfanden die Literaturkritiken neu: „Kein Mann außer Kracht kann kurze Hosen tragen, ohne seine Würde zu verlieren. [...] Axel Springers Witwe verlor fast das Bewusstsein, als sie sich Kracht näherte. Er ist fähig, in ganz eigener Manier am Daumen zu nuckeln und die Augenbraue zu heben. Das hat irgendwie mit Transzendenz zu tun.“
Das hat irgendwie mit Arschabwischen zu tun. Zwar überlegten wir, unsere nächsten Texte direkt auf dem Label Kiepenheuer-Zebra-„Wisch & Weg“ zu veröffentlichen, aber dafür war der Buchstabensalat nicht reißfest genug. Was für Rolf Dieter Brinkmann noch ein Scheißhaufen von Gerede war und uns Oma der Quelle-Katalog, nannten wir Popliteratur. Relax! Und richte dich crazy ein in der Starnberger-See-Düsseldorf-Bonn-Berliner-Generation, freu dich mit uns über Prinz von Schönburgs Aristokraten-Hochzeit, über Christian Krachts weißen Dreiteiler von Davies & Sons aus der Old Burlington Street, denn das war auch Axel Cäsar Springers Schneider, oder mit Benjamin von Stuckrad-Barre über das toll gefaltete Adlon-Toilettenpapier. Das hat irgendwie mit Transzendenz zu tun.
Dem omnipräsenten medialen Quark fügen wir noch einen Schuss eigengespendeten Spermas hinzu und lecken dann die ganze Schüssel aus. Wir kommen, um mittendrin zu sein statt nur dabei. Rudi Völler ist zwar nicht hip, hat aber gesagt: „Was meine Frisur betrifft, da bin ich Realist.“ Auch wir sind Realisten, was unsere Literatur betrifft: Die ist eine Dienstleistung und es geht darum, so viel wie möglich mit ihr einzunehmen. Wir sind die lieben Repräsentanten-Onkelz der Yuppie-Monate im McLiteraturbetrieb: Unser Tristesse royale TS kostet nur 19,80 DM. Harald Schmidts BILD-Zeitungsaphorismen stiften unsere aufklärerische Haltung, teure Sakkos unser Güteklasse A-Design. Der eine kann sich´s leisten, der andere nicht. Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Wir haben ab der ersten Klasse Sozialdarwinismus gelernt. Mit sechs Riesen monatlich, da fängt das Leben an. Hups. Da ist mir jetzt beim Schreiben mein Tequila Sunrise umgekippt, mein ganzer Laptop ist ja nass. Sind da jetzt auch die zwischengespeicherten Medienfloskeln verschütt’ gegangen? Wie soll ich denn dann den Roman beenden?
Wenn wir mal Kinder hätten, würden wir „ihnen von Deutschland erzählen, von dem großen Land [...]. Und von den Menschen würde ich erzählen, von den Auserwählten, [...] die gute Autos fahren müssen und gute Drogen nehmen und guten Alkohol trinken und gute Musik hören müssen, während um sie herum alle dasselbe tun, nur eben ein ganz klein bisschen schlechter. Und dass die Auserwählten nur durch den Glauben weiter leben können, sie würden es ein bisschen besser tun, ein bisschen härter, ein bisschen stilvoller.“
Deshalb bekannten wir uns als konsequente Anzugträger. Dankbar war man auch, als wir als erste Generationsgenossen zugaben, eine Putzfrau zu haben. Da ging ein Ruck durchs junge Deutschland. Putzfrauen sind unsere Punica-Oasen in der Servicewüste Deutschland. Wir haben die gesellschaftliche Funktion der Literatur neu definiert. Nun haben wir ein paar Verbrauchertipps für Sie und Fakten Fakten Fakten. Bleiben Sie dran! „Joachim, bitte mach mal den obersten Knopf an deinem Hemd zu. Ich möchte sehen, wie der Kragen mit der Krawatte aussieht.“ – „Es ist leider kein Krawattenhemd.“ – „Ach, kein Krawattenhemd?“ – „Also, erstens kann man zu den schillernden Stoffen von Richard James keine Krawatten tragen, also ich wüsste jedenfalls nicht, welche. Und zweitens ist es auch egal. Das Hemd ist die Krawatte.“ Wirklich, wir leben in hellen Zeiten. Die fehlende Krawatte deutet auf ein Hemd von Richard James hin. Unsere Literaturästhetik 2000 exemplifiziert Bazon von Stuckrad-Barre mit dem Kernsatz seines Gesamtwerks: „Auf dem Weg zum Bahnhof riss die Herrenausstattertüte.“
Oder, deutlicher gesagt: „Die Kunst muss vielleicht ganz streng kapitalistischen Prinzipien unterworfen werden. Genauso wie die Wurstbude vor dem Hotel streng kapitalistisch funktioniert.“ Da ja ein Roman dasselbe ist wie eine Wurst und die Gestaltungsebenen eines Prosatextes ähnlich denen einer Currywurst sich aufbauen. Wir verwüsten alle ästhetischen Kategorien wie kleine Kinder ihren Lego-Baukasten, weil dies unsere Literaturwürstchenbude KiWi verlangt, denn jungdeutsche Popliteratur bemisst sich am intellektuellen Nutzen einer Bockwurst. Auch die kommt nachher wieder raus, als wär nix gewesen.
Und doch wollen wir nicht nur eifrig am Dandy-Image basteln und Kokain mit der richtigen Karte hacken. Wir wollen wieder richtig auf die Kacke bzw. in die Fresse hauen und dahin gehen, wo´s weh tut. Das heißt, wir düsen nach Asien in ein schickes Hotel, das tut ziemlich weh und ist auch gar nicht mehr ironisch, weil: Die Ironie ist ja tot. Darum rocken wir, denn der Rock muss sich immer treu bleiben. Der Rock ist stringent. Rock=Stein. Stein=Ewigkeit. Im Rock liegt die Zukunft. Bzw. im Bla.
Passte mal nicht auf, trittste in Hundekacke. Wir nennen die Dinge beim Namen. Irgendwie stinkt uns halt alles doch irgendwo. Die Menschen in Berlin werden jeden Monat hässlicher. Da kannste nur noch kotzen, in jedem Buch fünf Mal, das macht Seiten voll. Hihi. Das macht Lust auf mehr, Lust auf Schwartau Extra, Lust aufs Ende. Du darfst. Wäre das hier Cambridge und nicht Berlin, und wäre es jetzt der Herbst des Jahres 1914 und nicht der Frühling des Jahres 1999, wären wir die ersten, die sich freiwillig meldeten.

IV
Der kanadische Linguist R. J. Hoyle veröffentlichte 1986 den Aufsatz Der Verlust der Sprache als Mittel der Kommunikation. Darin untersuchte er die durchschnittlichen Satz- und Wortlängen britischer und amerikanischer Redner vom 17. bis zum 20. Jahrhundert. Wenn man die daraus abgeleiteten Graphen in die Zukunft verlängert, scheint unumstößlich, dass um das Jahr 2150 unsere Sätze keine Worte, und um 2450 unsere Worte keine Buchstaben mehr haben werden. Die deutschsprachige Popliteratur war ein Schritt auf diesem Weg. Tic-Tac, Pip-Pop.