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wer war der fetzer?

hans fraeulin | wer war der fetzer?

Über den Kölner Räuberhauptmann des 18. Jahrhunderts

Bei der Durchsicht der eingegangenen elektrischen Post, die ich noch nicht beantwortet habe, stoße ich gerade auf eine Mail, die Martin Krusche an mich und andere weitergeleitet hat: schreibkraft wünscht Beiträge zum Thema Fetzen, heute Redaktionsschluss. Es bleibt mir daher nicht viel Zeit, die Frage zu beantworten: Wer war der Fetzer?
Der Fetzer hieß mit bürgerlichem Namen Mathias Weber, wurde 1778 in Grefrath geboren und 1803 auf dem Altermarkt in Köln mit einer Guillotine hingerichtet. Es war die letzte öffentliche Hinrichtung in Köln. Er war nicht nur Zeitgenosse des Schinderhannes, sondern gewissermaßen auch Kollege. Tilman Röhrig, der zwei Bücher über ihn geschrieben hat, urteilt über die beiden: Schinderhannes war ein Amateur, der Fetzer Profi. Beide führten Räuberbanden an, die im Schatten der Revolutionskriege im Rheinland ihr Unwesen trieben, bis ihnen eine konsequente Strafverfolgung über die Grenzen der Kleinfürstentümer hinweg den Garaus machte. Der eitle und prahlerische Johann Bückler, Sohn eines Schinders aus dem Hunsrück, ließ sich portraitieren und erleichterte so den Behörden die Arbeit. Nur von ihm gab es einen Steckbrief mit Bild. Ihn hat man nicht ohne nationalbesoffene Hintergedanken später zum Volkshelden stilisiert. Denn die Behörden waren die der von der französischen Revolution am linken Rheinufer eingerichteten „Cisrhenanischen Republik“. Einmal kreuzten sich ihre Wege: auf einem Gefangenentransport. Der Fetzer ließ sich nicht vermarkten und geriet in Vergessenheit: klein und schmächtig, syphiliskrank seit der Geburt, vom Quecksilber kaum mehr Haare auf dem Kopf, von schmerzvollen Krankheitsschüben gezeichnet, meinte er nach der Urteilsverkündung: „Ist schon recht.“ Davor hat er in fast täglichen Verhören, die über ein Jahr dauerten, mehr als 150 Raubzüge, Überfälle, Morde und andere Untaten gestanden, über die Hälfte davon gelungen. Alles andere als ein nationales Leitbild. Die vernehmenden Beamten köderten ihn damit, quasi seine Chronisten zu sein mit dem Versprechen, ein Buch über ihn zu schreiben. Das ließen sie natürlich bleiben. Tilman Röhrig fand die Vernehmungsprotokolle in irgendeinem Archiv und bereitete sie factionmäßig auf. Das dürfte auch schon wieder 30 Jahre her sein.
Einen der im Buch beschriebenen Raubzüge will ich schildern. Den habe ich noch im Gedächtnis, weil er für mich auf viel mehr als die Tat allein hinausweist. Das ist der Überfall auf die Postkutsche von Köln nach Berlin, geschehen in Köln-Deutz so um 1800, vergleichbar mit dem berühmt gewordenen Postraub in England Anfang der 60er („Die Gentlemen bitten zur Kasse“). 17.000 Taler wog der Transport. Wie viel war das damals wert? Ein Handwerker in der Stadt gab für sich und seine Familie damals einen Taler pro Woche aus. Eine bäuerliche Familie brauchte im ganzen Jahr nicht mehr als 6 Taler. Damit hätten der Fetzer und seine beiden Kumpane für ewig ausgesorgt. Trotzdem brachten sie die erbeuteten Gelder regelmäßig in wenigen Wochen in Kölner Bordellen durch. Umwegrentabilität heißt das heute. Auf der preußischen Rheinseite nutzte die Bande eine Rast, die Wachen zu übertölpeln und mit der Geldtruhe ans Ufer zu fliehen und einen Nachen zu besteigen, den sie sich vorher organisiert hatten. Ziel war das andere, das französische Rheinufer, um der Strafverfolgung zu entgehen. Die Truhe war so schwer, dass Wasser über die Bordwand schwappte. Mit ihren Hüten schütteten sie das Wasser wieder in den Fluss. An Rudern war nicht zu denken. Erst bei Dormagen, etwa 50 Kilometer stromabwärts, erreichten sie das andere Ufer, waren aber so erschöpft, dass die Kumpanen das Geld an Ort und Stelle vergraben wollten, um es später abzuholen und zu teilen. Der Fetzer bestand darauf, gleich zu teilen und mit seinem Anteil davonzuziehen. Die anderen witterten Unrat, es gab eine Prügelei. Der Fetzer trat ihnen in die Eier. Dann wurde geteilt. Die anderen vergruben ihre Anteile. Der Fetzer band sich die Hosen an den Knöcheln zu und schüttete seinen Anteil in die Hosenbeine. Danach ging er von dannen, wahrscheinlich wie ein Sumo-Ringer. So wäre er unmöglich an den Wachen der Kölner Stadttore vorbeigekommen. Also kaperte er einen Leiterwagen, mit dem ein süßes Bauernmädel die Milch in die Stadt brachte, gab dem Mädchen einen Taler als Fuhrlohn, kippte die Kannen bis auf einen Rest Milch aus und leerte den Inhalt seiner Hosenbeine hinein. Danach war in Kölns Bordellen wieder Highlife. Seine Kumpane wurden verhaftet und haben, glaube ich noch zu wissen, das Versteck ihrer Beute ausgesungen in der Hoffnung auf eine mildere Bestrafung. Den Gefallen hat man ihnen nicht getan.
Warum hieß der Fetzer Fetzer? War es sein überzeugendes Auftreten trotz seiner kläglichen Erscheinung? Hat er fetzige Reden gehalten? Wenn man mit einer großen Bande ein ganzes Dorf überfällt, wird es ohne Ansprache nicht gegangen sein. Ausgerechnet beim größten diesbezüglichen, aber schrecklich misslungenen Coup will er krank im Bett gelegen haben. Tilman Röhrig, dem ich mich nur anschließen kann, sieht es profan. Beim Postkutschenüberfall, so wie ihn der Fetzer und seine Zeitgenossen pflegten, sprang man von Bäumen aufs Dach der Kutsche, wo man das Gepäck mit Stoff- und Ledergurten festgezurrt hatte. Man schnitt in voller Fahrt die Gurte durch und fetzte das Gepäck vom Dach.


Tilmann Röhrig, Gerda Laufenberg

(Illustrationen): Der Fetzer. Köln: Wienand 1991.