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wer will schon eine null sein?

hermann götz | wer will schon eine null sein?

(Selbst-)kritisch streitbare Meinungen zum öffentlichen Streiten und Meinung Machen
Warum ist political correctness so passé? Warum überhaupt will niemand korrekt sein? Oder gar konformistisch? Eine Klärung rhetorischer Fragen: Die Bedrohung des Individuums in Zeiten der kollektiven Individualität zeigt Folgen. Die Ich-Sucht sucht Spielflächen. Eine davon: Die Illusion der eigenen Meinung. Das Gegen-den-Strom-Schwimmen - ein Leistungssport der Ich-Gesellschaft, ein eindrucksvolles Ich-Schreien.
Deutlich wie kein anderer hat einst Nietzsche seine Ich(er)findung in der Höhenluft einsamer Abgehobenheit verortet. Als Prophet, als Vordenker dachte er stets vor allem sich selbst (Ecce Homo: Warum ich so weise bin; Warum ich so klug bin; Warum ich so gute Bücher schreibe; Warum ich ein Schicksal bin). Er dachte sich selbst als Wille und Widerpart der Weltgeschichte. Im Widerspruch spricht das Kommende vor. So hat Nietzsche Hegels Geschichtsdialektik rezipiert. Daher die als unzeitgemäß betrachteten Betrachtungen, die Götzendämmerung, die doch vor allem eines war: sehr zeitgemäß. Die Nietzsche-Formel für Einsamkeit offenbart sich pointiert in einem seiner Aphorismen: „Was? du suchst? du möchtest dich verzehnfachen, verhundertfachen? du suchst Anhänger? – Suche Nullen!“
Wer will schon Null sein. Auch heute niemand. Daher die Provokateure im Rattenschwanz der Nietzscherezeption. Daher Liessmann als Hüter des „Verbotenen Wissens“ und Burger als Burgfried der hausgebackenen Eigenmeinung. Das Nietzsche-Wort von der einsamen Höhenluft des Geistes erfährt eine Auferstehung in Zeiten der intellektuellen Rechtskurve, entdeckt vom streitbaren Feuilleton, das fröhlich oder enttäuscht vom geistigen Gemeingut linker Ideen abgerückt ist. Der abgestandene Beigeschmack gemeinsamer Hoffnungen, die aktuelle Bedrohung des Ich durch seine “Dekonstruktion“ und der zunehmend unverhohlene Egoismus des neoliberalen Subjekts vermengen sich hier zu einem neokonservativen Individualismus, der auf der These baut, ein intellektueller Mainstream sei immer noch links zu finden. Daher der neue rechte Zug im deutschen Denken, daher die – nicht mehr ganz neue - rechte Provokation immer wieder frisch verpackter Tabubrüche.
Streiten ist Selbstbehauptung. Ich behaupte, dass ich bin. Also streite ich. Zwischen ich und du muss eine Differenz festzumachen sein. Sonst kann ich nicht Ich sagen. Sonst bleibt „Ich“ irgendwo auf der Strecke zwischen mir und dir. Diese banale Erkenntnis, die uns von Kindheit an in jeder Beziehung von neuem auf die Probe stellt, erhält im öffentlichen Diskursgeschehen eine neue Note. Wo das du durch ein wir ersetzt wird, erscheint Selbst-Abgrenzung zunehmend unmöglich, stellen sich sämtliche Bezugspunkte zum einzigartigen Ich als Illusion dar. In einer mediatisierten Welt verliert sich das geistige Eigentum, die vermeintliche Meinung zwischen Fernseh-Vor-Bildern und nachgeplapperten Nachrichten. Nur wer sich selbst in die Meinungsmacher-Spalten der Zeitungen zwängt, kann sich noch als Selbstdenker wahr- und als intellektuelles Ich ernstnehmen.
Der dekonstruktivistischen Idee vom hybriden Subjekt, von der konstruierten Identität entspricht der von Markt und Medien umsorgte Mensch dessen Identitätshülsen als Fertigfabrikate durch die Werbung wandeln. Literarisches Symptom dieser Ich-Rekonstruktionen sind Pop-Bücher, die unter ständigem Ich-Sagen eines Erzählers, der mit dem Selbst-Bild des Autors zu identifizieren ist, das kollektive Gedächtnis der Biene-Maya-Generation an- bzw. abrufen. Die zunehmende Unschärfe zwischen dem (fiktionalen) Erzähler-Ich und dem (realen) Autoren-Ich ist nur auf Grund einer zunehmenden Anpassung des Autors an das jeweils modische Identitätsmodell der führenden Geschmacksträger möglich, also durch ein Selbstbild, das von fremdbestimmten Äußerlichkeiten abhängt.
Genau hier gerät „Ich“ zum Zauberwort des Erzählens. Doch dieses Ich steht für ein Selbstverständnis, das vor allem von Ignoranz zeugt, wo es mit der oben skizzierten Egalität oder Austauschbarkeit von konsumbestimmten Oberflächen und Erinnerungswelten konfrontiert ist. Vor diesem Hintergrund offenbart sich die elitäre Absicht hinter der Selbstdarstellung etwa des Popliterarischen Quartetts im Willen der Dichter gleicher als alle Gleichen zu sein. Der Pop-Poet als primus inter pares, als Leitvieh, das den Identitäts-Brei vorkaut, den andere wiederkäuen.
Ähnliches passiert, wenn die Stimmführer der Republik im Chor der kollektiven Meinungen zum Solo anheben, wenn öffentlich anerkannte Brillenträger eine untote Debatte aus der Taufe heben um das intellektuelle Publikum großformatiger Tageszeitungen frisch und bei der Stange zu halten. Antonio Fian hat es in einem seiner hassliebevollen Dramolette über Rudolf Burger namens Diebstahlsbekämpfung auf den Punkt gebracht: Burger („Ich habe lange genug geschwiegen“) wähnt sich stets als Erfinder seiner (und anderer) Sprüche und Widersprüche. Dabei trampelt er auf ausgelatschten Wegen über längst zerbröselte Tabus und freut sich seiner Popularität, die daraus folgt, dass er stets das nachspricht, was gerade eben alle nachdenken.
Nachdenken heißt immer Hinterherdenken. Im Wissen über unsere austauschbaren Gedanken tauschen wir diese aus, wenn wir Gemeinschaft suchen. Im selben Wissen suchen wir zu polarisieren, wenn wir uns selbst hören wollen, suchen wir Mauern, die uns Echo geben. Durch den Widerstand der Anderen grenzen wir unsere hauseigene Meinung ein, durch den Widerstand der Vielen definieren wir unsere Individualität. Ich ist ein Anderer. Als die Anderen.
Selbst-Darsteller spielen sich zuallererst selbst ein Ego vor. Der berühmteste im Hier und Jetzt: Herr Haider. Was allseits als politisches Talent gilt, als virtuose Vermarktungsstrategie, kann gut und gerne auch als Defizit gesehen werden. Als Manko an Mitte und Maß, an Gleichgewicht. Der Mann muss sich ständig selbst beweisen. Wer er ist und was er ist und dass er ist. Bin ichs noch, kann ichs noch? Wenn der mediale Widerhall versiegt, wenn der Spiegel der Öffentlichkeit ein für dessen Rahmen entworfenes Ich-Bild nicht ständig bestätigt, verliert das narzisstische Subjekt seine Seinsbefugnis, entgleist der Geist des Populisten. Da muss dann schon einmal ein Saddam seine saubere Hand herhalten, oder ein Parteigenosse den Kopf – mitten in Wahlzeiten.
Herr Haider war bekanntlich einst Laienschauspieler. Die Laientheater zeichnet aus, dass ihre Darsteller allzu gerne auf Pointen hin spielen, Lachpausen einschalten, wo gelacht werden darf und soll. Weil im Lachen des Publikums und im Applaus die Seinsberechtigung des Darstellers (als Darsteller) begründet scheint. Auf der politischen Bühne wiederholt sich dieses Spiel. Doch der Darsteller gibt hier vor – oder glaubt gar – er selbst zu sein, die Bestätigung seiner Selbst(!)-darstellung, also Selbstbestätigung zu erfahren.
Der Stimmbürger wird zum Zwecke der Eitelkeit missbraucht. Interessanterweise geschieht dies mittels Inhalten, die jenen die da – nach Nietzsche – zu Nullen gemacht werden, ebenfalls einen Ausweg aus der Krise des von den Zeichen der Zeit bedrohten Ich versprechen: Mit nationalen und regional-volkstümlichen Identifikations- und Abgrenzungsmodellen, mit Attributen, die dem enttäuschten Selbst des „anständigen“, „fleißigen“ „Kleinen Mannes“ Krücke sein wollen und schließlich stets mit der Polemik des Andersdenkenden, des Oppositionellen.
Haiders Rhetorik lebt durchwegs vom Spott – insofern gleicht sein Humor dem Humor der vom Laientheater geschätzten Posse –, vom Spott über das „linke“ Establishment, dessen Protagonisten und dessen „Gesinnungsdiktatur“. Im Applaus finden seine Anhänger nicht nur zu sich als Gruppe, sondern auch zu sich als Individuen, die sich in den kritischen, widerständigen und daher vermeintlich eigenständigen Gedanken (wieder)erkennen.
Dass das Rezept des populistischen Oppositionellen gerade in Österreich so erfolgreich sein konnte, sagt sehr viel über die hiesige Konfliktkultur aus. Und über das hier herrschende Biedermeier. Zu Metternichs Zeiten war der Possen-Spott eines Nestroy Ventil einer mundtoten Masse. Um so erschreckender ist es, dass die für ein unangepasstes Ich-Gefühl konstituierende streitbare Meinung auch heute noch am liebsten Vordenkern, Vorrednern und Führerfiguren überlassen wird. „Er sagt, was ihr denkt“, ist einmal auf Haiders Wahlplakaten gestanden. Was bleibt (uns) da noch zu sagen.