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wir bestreiten alles

hannes luxbacher | wir bestreiten alles

„fetzen“ ist im österreichischen Deutsch eine vielschichtige Vokabel. Vom Ausdruck für kontrollierten bis hin zum unkontrollierten Streit, von der abschätzigen Bezeichnung für Gewandung und der Beschreibung eines Zustandes nachdrücklicher Trunkenheit reicht das semantische Spektrum. Und da sind Bedeutungs-Subtilitäten wie das wienerische „Fetzenschädel“ oder „Fetzenlaberl“ noch gar nicht berücksichtigt. Die vorliegende schreibkraft jedenfalls bedient sich dieser Bedeutungsbreite und bietet Ihnen Beiträge zu den eben genannten Facetten.
Längst sind in Österreich die medialen Sendeflächen für diskursive Streitkultur unter Berufung auf mangelndes Publikumsinteresse wegrationalisiert worden. Der legendäre Club 2 lebt schon lange nicht mehr, das hierzulande kaum benötigte Feuilleton ist kuschelweich geworden, denn die mediale Kartellbildung schließt Gegenstimmen aus, und die Politik entzieht sich den Fernsehrededuellen, wenn die Diskussionsgegner nicht genehm sind. Provokante Stimmen aus dem Kunstmilieu werden der Einfachheit halber finanziell ausgehungert.
Das vorliegende Heft versucht, sich aus diesen Befangenheiten zu winden. Thomas Ernst etwa arbeitet gerade zu Literatur und Subversion. In seinem polemisierenden Essay über die Popliteratur verweigert er dieser die feuilletonistisch-inflationäre Anerkennung. Sein Kollege Martin Büsser fragt zurecht, wie sich die allgemeine politische Verschiebung dessen, was wir einst als weltanschauliche Mitte bezeichneten, in Richtung rechts auch in der Popmusik spiegelt und wo denn um Himmels Willen der dissidente Charakter gegenwärtiger Popkultur bliebe, wenn die Rezipienten ungeachtet aller Durchsichtigkeit marketingtechnisch gezirkelter Kalkulationen mitspielen, wenn Popmusik plötzlich staatstragend agiert und neben Schröder, Blair und wem auch immer zu stehen kommt. Anna Schober wiederum wendet sich in ihrem Beitrag der Symbolträchtigkeit unserer Kleidung zu und verweist darauf, dass diese immer auch einen sozialen Nukleus beherbergt, der soziale Kompetenz und Verantwortung einfordert, wenn die Welt der Oberflächenveredelung nicht bloß symbol-darwinistische Selbstbedienungswillkür sein soll. Peter Paul Wiplinger setzt sich mit historischen Voraussetzungen für den Kärntner Ortstafelstreit auseinander und Egon Christian Leitner, Begründer der steirischen Bourdieu-Dependance Raisons d’Agir, kritisiert in einem seiner wortgewaltigen Essays neoliberale Strömungen auf höchster Ebene, namentlich der Nobelpreisetage, während sich unser Herausgeber mit einem der bekanntesten Kulturkritiker der Steiermark über dessen Zunft unterhalten hat. Mich hätte wohl noch interessiert, was Werner Krause von Goethes Satz „Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent!“ so hält, aber diese Frage kam mir leider zu spät in den Sinn.
Schlussendlich: Wenn in Österreich nicht einmal mehr die Opposition in der Lage ist, vernünftige Streitkultur zu betreiben, dann steht zu befürchten, dass sich die Ergebnisse der 68er-Generation gegen sich selbst wenden. Sind alle libertinären Akte nur dazu gut gewesen, jegliche Anschauungsunterschiede zu nivellieren und die Sensibilitätsgrenzen so weit nach unten zu schrauben, dass nicht mehr gestritten werden kann? Ist also in unserem Kulturkreis der moralische Konsens derart unabhängig von jeder zugrunde liegenden Weltanschauung vereinheitlicht, dass als Widerpart andere Kulturen herhalten müssen?