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wortfetzen

victoria reinberg | wortfetzen

Resteverwertung aus dem sorgfältig vernähten Gewand des Hochdeutschen

  ‚Pfiati’. Ein Fetzerl von ‚Gott behüte dich’. Zusammengeknüllt in Konsonanten und vokalisch bestückt. Ein Segenswunsch, der aus ökonomischen Gründen zerfetzt und komprimiert wurde. Da Worte je nach Länge mit mehr oder weniger Luftaufwand aus dem Mund gestoßen werden, verbraucht Atemholen in einem Gespräch oft unnötig Energie. Im Wunsch dies zu vermeiden wurzelt genannte Form des Abschieds.
Zur Begrüßung findet sich dialektisch ein ähnlich gearteter lautlicher Fetzen: ‚Griaßdi’ beziehungsweise ‚Griaßeana’.
Ein linguistisches Merkmal in diesen Variationen von ‚behüt’ und ‚grüß’ ist die Umformung des simplen ‚ü’ zum Diphtong ‚ia’, was lautmalerisch eigentlich mehr Zeit in Anspruch nimmt. Dies würde der Intention von reduziertem Energieverbrauch entgegenwirken, wäre nicht eine gleichzeitige Verkürzung des gesamten Idioms gegeben, gleichsam eine Umwandlung der Robe ‚Ich grüße dich, beglückt dich zu sehen“ zum wischfetzenhaften ‚Griaßdi‘.
Sind diese utilitaristischen Kommunikationsmuster nur eine typische Erscheinung der schnellebigen Stadt? Mitnichten.
Begibt sich das Ohr auf auditiver Pirschjagt hinaus aufs Land, so macht es dort vielmehr reichere Beute von hingefetzten Wortresten.
Durch den böhmischen Wind des Mühlviertels zum Beispiel wachelt mit großer Popularität der einfache Fetzen ‚jå’. Ohne weiterer Ausführungen zu bedürfen , verkünden hier zwei Buchstaben oft das, wofür andernorts atemraubende Gespräche benötigt werden. Je nach Intonation teilt diese ursprüngliche positive Mitteilung des Einverständnisses Unterschiedliches mit. Wenn die Stimme dabei auf der Tonleiter nach oben kraxelt, so tut sie tatsächlich Übereinstimmung kund. Noch dazu gibt sie dem Gesprächspartner das Gefühl, dass weitere Äußerungen durchaus Gehör finden werden und der Wortwechsel nicht zwangsläufig beendet werden muss.
Verbleibt dagegen der Vokal nach seinem Halbbruder, das ‚a’ nach dem ‚j’, auf der gleichen Tonhöhe oder begibt sich gar in niedrigere Gefilde, schwingt soronal Negatives mit und deutet auf einen gewünschten Abbruch des Gesprächs hin.
‚Na’, Bastardfetzen des hochdeutschen ‚nein’, hat im Unterschied dazu keineswegs immer negative Bedeutung. Bei richtiger Tonwahl ist er oft Aufforderung den verbalen Gedankenaustausch fortzusetzen und den Erwartungsdrang des Hörenden zu stillen.
Im ‚soda’ mischen sich Elemente beider beschriebenen Fetzenäußerungen. Zwar erklärt sich dadurch die Unterredung für beendet, doch setzt ‚da’ nach dem ‚so’ nicht zwangsläufig eine abwertende Sinneshaltung voraus; im Gegenteil. Diese Konglomerat von immerhin schon vier Lauten gibt bekannt, dass noch kein entgültiger Schlusspunkt gesetzt werden müsste, würde aus dem Gespräch ein geschriebenr Text produziert.

Im nebelumfetzten Mühlviertel werden solche Wortfetzen wie erwähnt gerne aus dem sorgfältig vernähten Gewand des Hochdeutschen gerissen. Solch exklusive Kleidung hält sich zwischen dem herabhängendem Fichtengeäst dieser Region nicht lange. Städtische Ausflügler gelangen spätestens dann zu dieser Erkenntnis, wenn sich ihre Leinenhosen und -röcke immer wieder in zugespitzten pflanzlichen Ausbuchtungen verhängen und schließlich in Fetzen reißen. In den Nadelbäumen spiegelt sich der sparsame Lautgebrauch der Bevölkerung wieder. Nicht der üppige Zweigbewuchs von Laubbäumen tritt im Mühlviertel frequent auf, sondern spitze, fast unnahbar wirkende grüne Ausformungen des Holzes, wie ihre Blattverwandten aus Kohlenstoff und Wasserstoff bestehend, jedoch auf spartanischere Weise den Lebensbedarf des Trägers genauso deckend. Mehr Humus zum Erhalt von Blätterreichtum stellt der karg hingefetzte Erdboden über dem Granit kaum bereit. Diesem Erdboden auch für Menschen Nahrhaftes abzuringen bedarf eines großen Ausmaßes an Anstrengung und Zeit, die daher nicht einfach für Luftholen in einem Gespräch verbraucht werden kann. Um den Mitteilungsbedarf der Ansässigen zu decken, wird daher auf verfetzte Ausformungen der Sprache zurückgegriffen.

Redeflüsse, Worttiraden und Formulierungskünste würden auch schlecht in die teilweise durch Kuhlaute verfetzte Stille passen, die beständig vom Rauschen windzerfetzter Wälder untermalt ist. Doch brachen in dieses nationalromantische Bild mit Radio, Fernsehen sowie Internet allerlei sprachlicher Variationen ein und brachten die Bevölkerung mit anderen Sprachmustern in Berührung. Die säuberlich vernähte Sprache der ZIB sowie Wortfetzen aus aller Welt, wie ‚hey‘ oder ‚nee‘, drangen in die abgefetztesten Hügelgebiete vor. Auch der einsam dahinpflügende Bauer ist nicht mehr unbedingt Realität. Aus bildungspolitischen Gründen wird Bodenkultur bereits an Universitäten gelehrt und der Rückgang der Landwirtschaft ist ein Faktum. Die Landwirtschaft nach alter Definition ist nunmehr ein Fetzen ihrer selbst.

Die sprachliche Fetzenlandschaft bleibt aus traditionellen Gründen dennoch als solche bestehen, entzieht sich auch den flickenden Fingern eifriger Pädagogen, die eine rissfeste Sprachgarderobe ihrer Schüler entwerfen. Ein Mühlviertler Tischgespräch nach einem langen Arbeitstag besteht weiterhin aus einem fragenden ‚na‘ mit steigender Intonation, beantwortet von einem aussagekräftigen ‚jå‘. Von Generation zu Generation werden somit linguistische Fetzerl weitergegeben.