schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 09 - brennermania die rettung des bürgerlichen wissens in seiner unterbietung
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/09-brennermania/die-rettung-des-burgerlichen-wissens-in-seiner-unterbietung

die rettung des bürgerlichen wissens in seiner unterbietung

moritz baßler | die rettung des bürgerlichen wissens in seiner unterbietung

Zum Erzähler der Brenner-Hexalogie von Wolf Haas

I

Von Amerika aus betrachtet, ist Zell ein winziger Punkt. Irgendwo mitten in Europa. Aber vom Pinzgau aus gesehen, ist Zell die Hauptstadt des Pinzgaus [...]: vierzig Hotels, neun Schulen, dreißig Dreitausender, achtundfünfzig Lifte, ein See, ein Detektiv. - Auferstehung der Toten

Es gibt kein voraussetzungsloses Schreiben, und wer gar ein wohlabgehangenes Genre wie den Kriminalroman zum Gefäß seiner Kunst wählt, der tut gut daran, mit einer derartigen Bestimmung der Koordinaten zu beginnen. Gleich der erste Satz des Erzählers der Brenner-Romane von Wolf Haas rückt die Serie explizit in die Perspektive der amerikanischen Traditionen des Hardboiled-Krimis und der Popkultur. In der Folge entwickelt Auferstehung der Toten (1996) dann schon das allermeiste von dem, was wir an der Brenner-Hexalogie lieben: den sehr spezifischen Erzähler und seine Sprache, die grantelnde Detektivfigur, den sorgfältigen Blick auf Gegenwartskultur.
Erst der zweite Roman jedoch gibt all diese Errungenschaften in Serie, stellt sie für den Leser erkennbar auf Dauer. Das zweite Buch ist bekanntlich immer das schwerste. Das liegt daran, dass sich an seinen Vorgänger inzwischen ein Erwartungshorizont geknüpft hat, was dazu führt, dass es gleichsam als Anschlusskommunikation ans erste gelesen wird. Sprich: alles, was im zweiten Buch steht, bestätigt entweder dessen Verfahren und bildet auf diese Weise ein Paradigma aus, das fortan für die Serie maßgeblich ist, oder es steht in Opposition dazu, nimmt Elemente nicht wieder auf. Das zweite Buch bestimmt also, was am ersten Zufall war und was Notwendigkeit.
Für eine E-Literatur, deren vordringliches Anliegen die eigene Authentizität ist, kann das zum echten Problem werden. Denn sie ist darauf angewiesen, dass sie alle Dinge originär und das heißt: erstmalig so und nicht anders ausdrückt. Das lässt sich etwa am Beispiel des Schriftstellers Matthias Politycki demonstrieren. Mit seinem vielgelobten Weiberroman von 1997 hatte der ein überaus originelles Erzählverfahren für eine westdeutsche Jugend vorgelegt, mit zahlreichen kulturellen Details vom Fantarülpswettbewerb über das Luftgitarrespiel zu Led Zeppelin bis hin zur RAF. Diesen schönen popliterarischen Anlagen widersprach der Autor aber immer schon in rüden Polemiken gegen die zeitgleiche Literatur von Autoren wie Christian Kracht oder Benjamin von Stuckrad-Barre, denen gegenüber er einen traditionellen literarischen Kunstanspruch glaubte hochhalten zu müssen. Als aber dann, drei Jahre später, der sehnlichst erwartete Zweitling herauskam, Ein Mann von vierzig Jahren, und das originelle, wenn auch hoch manierierte Verfahren des ersten Bandes einfach fortsetzte, war die Kritik bitter enttäuscht und Politycki als Autor im Grunde durchgefallen. Judith Hermann und anderen erging es ähnlich - nicht so jedoch Wolf Haas. Hier zeigt sich ein erster Vorteil des Genre-Romans: Krimi-Leser stören sich nicht nur nicht an seriellen Anlagen, sie erwarten sie geradezu (Simenon hat über zweihundert Maigret-Krimis vorgelegt). Und es hat ja durchaus auch zwei bis drei Romane gebraucht, bevor die Kritik überhaupt zu merken begann, dass hier, unter den Label des rororo-Thrillers, etwas Gestalt annahm, was über das Krimi-Genre im engeren Sinne hinaus von literarischer Relevanz war. Der Autor hat sich somit die Gelegenheit, sein Verfahren in aller Ruhe zu entwickeln, selbst geschaffen.
Auferstehung der Toten realisiert bereits den Brenner-Stil, aber erst Der Knochenmann (1997) schreibt ihn als Verfahren fest, erst hier ist klar, was zur Grundausstattung dieses Erzählers gehört und was nicht.


Mehr in der gedruckten Ausgabe der "schreibkraft", Heft 9, brennermania.