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"und jetzt sowas"

franz schuh | "und jetzt sowas"

Überlegungen zum literarischen Rang von Wolf Haas

Man sieht es ja, dass mein Blick umherschweift, nichts fixiert, auch damit der Seher, den Sie da vor sich sehen könnten, von nichts berührt wird, was ihn, der ohnedies schon krank genug ist, zumindest kränklich, noch kränker, noch kränklicher machen kann. Erlauben Sie mir also, sehr geehrte Damen und Herren, mit einer alten Geschichte, für die ich eine Schwäche habe, zu beginnen: Es war an einem Tag, vor zwei Jahren, als ich erfuhr, dass ich bei einer Literaturtagung teilnehmen darf, an einer Fortbildungstagung für Lehrer(ja, fortbilden möchte ich mich auch, sehr weit fort), an diesem Tag flackerte mein Blick besonders. Ich bin Post-Neurotiker, das heißt: ich kann keinen Brief auf die Post tragen, also war es mir auch ganz unmöglich, einen Brief auf die Post zu tragen, der die Tagungsleitung davon verständigen hätte können, dass ich mich vollkommen außerstande fühlte, zu einem Dichterkanon für die Gegenwart irgendetwas beizutragen, geschweige denn einen Dichter.

Außerdem bin ich konfliktscheu und als die Möglichkeit an mich herangetragen wurde, zu einem Dichterkanon für die Gegenwart (und zum Schulgebrauch) bei einer Tagung für Mittelschullehrer beizutragen, murmelte ich etwas von Wolf Haas, um danach zu diesem Thema in jenes schon angezeigte post-neurotische Schweigen zu verfallen. Aber dieses gemurmelte "Wolf Haas" war mein Glück, denn auf mein Schweigen antwortete die Tagungsleitung damals ohne mein Wissen antwortete die Tagungsleitung damals mit einem mir zugedachten Thema; es lautete trendsettig und sorgfältig formuliert: "Sind ehemals triviale Gattungen nun die hochliterarischen? Höchstens bei Wolf Haas."

Mein instabiler Blick geriet an dem Tag, an dem ich mein Thema erfuhr, zusätzlich ins Flackern. Mit flackerndem Blick las ich an diesem Tag einige Zeitungsartikel, die mir wie ein Geschenk erschienen, weil sie meinem Thema entsprachen, zu dem ich ja auch unverhofft gekommen war - zuerst ein Gastkommentar eines Wiener AHS-Lehrers in der Presse. Der Kommentar war nicht untypisch für diese Zeitung, die gerne ein Herz für verbissen zahnlose Kulturkritik an den Tag, an jeden Tag ihres Erscheinens legt. Der Pädagoge zählte einiges auf, was der in der Modernitätsfalle verfangene Kulturbetrieb zu bieten hat: einen Figaro mit Bohrmaschine, eine Königstochter Ariadne im Arbeitskittel im Workshop , Mimi und Rudolfo in "Chorus- Line"-Ambiente, überdrehte "action", sich überschlagende Stimmen, einen Scarpia in SS-Uniform, alles von Regisseuren bedeutungsschwanger und tiefenpsychologisch untermauert. Ich halte die inkriminierten künstlerischen Anstrengungen für hübsch blöde - der Pädagoge dagegen will Ernst damit machen, indem er einerseits ein psychiatrisches Gutachten unterstellte, also auf ein eher vertracktes Seelenleben der regieführenden "Nachschöpfer" schloss. Andererseits machte unser Lehrer ernst, indem er im "Ideologischen" findet, was er sucht, nämlich: die bewusste Herabsetzung des Schönen und Ästhetischen, die Überbewertung des Trivialen, die angestrebte Umkehr dessen, was Geschmack oder Geschmacklosigkeit ist, kurz: der Pädagoge fand in allem das, was schlechthin als "Kulturkampf" bezeichnet wird.

Mehr in der gedruckten Ausgabe der "schreibkraft", Heft 9, brennermania.