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warum mein lektor mich nicht umbringt

wolf haas | warum mein lektor mich nicht umbringt

Bitte lesen Sie diesen ersten Satz langsam, lassen Sie sich jedes seiner Worte auf der Zunge zergehen, denn ich habe lange daran gearbeitet und möchte deshalb nicht, dass Sie ihn achtlos hinunterschlingen und so womöglich die Brutalität übersehen, mit der er, wiewohl scheinbar mäandernd, sein Thema nieder nagelt, sprich: die bei Bücherfreunden geltende Übereinkunft, der erste Satz eines Textes sei irgendwie von besonderer Bedeutung.

Interessanterweise gibt es aber noch etwas Wichtigeres auf der Welt als den ersten Satz eines literarischen Druckwerks. Und zwar den ersten Satz eines literarischen Noch-Nicht-Druckwerks. Eines Daheim-Am-PC-Selbstausdruck- werks. Eines Hoffentlich-Verschlampt-Die-Post-Das-Kuvert-Nicht-Werks. Eines - horribile dictu - unverlangt eingesandten Manuskripts.
Verliert der Lektor nämlich beim ersten Satz die Geduld, dreht sich der Spieß für den Unverlangt-Autor verdammt schnell um. Das Erstsatz-Duell verlagert sich sehr zu seinen Ungunsten, und er kommt seinerseits in den Genuss, jene ersten Sätze einem stilistischen Vergleich zu unterziehen, die bei den besten Verlags-Briefen schon in nuce die gesamte Absage enthalten.

Hier meine persönlichen Top-Ten der ersten Sätze aus Verlags-Vordrucken:
(1) "Wir haben Ihr Manuskript sorgfältig geprüft, konnten uns aber leider nicht für eine Aufnahme in unser Programm entscheiden."
(2) "Tagtäglich erreicht uns eine Flut von unverlangt eingesandten Manuskripten."
(3) "Die Flut an eingehenden - täglich bis zu 5 - Manuskripten ist kaum zu bewältigen."
(4) "Bitte entschuldigen Sie diesen unpersönlichen Brief, aber die Fülle der bei uns eingereichten Manuskripte..."
(5) "Leider ist es uns erst jetzt möglich..."
(6) "Ihr Manuskript, für dessen Zusendung wir Ihnen vielmals danken, haben wir inzwischen prüfen können."
(7) "Vielen Dank für Ihr Manuskript."
(8) "Wir hätten Ihnen gerne heute eine erfreulichere Nachricht gegeben, müssen Ihnen aber leider sagen..."
(9) "Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir uns gegen eine Aufnahme Ihres Werkes entscheiden mussten."
(10) "Sie haben uns Ihr Manuskript zur Lektüre geschickt."

Im Lauf eines Jahrzehnts hatte ich eine derartige Erstsatz-Kompetenz entwickelt, dass ich beschloss, mich bei Wetten-Dass zu bewerben. Alle deutschsprachigen Verlage am Erstsatz erkennen, das wäre meine Wette gewesen. Mein Pech war nur, dass der Papst in derselben Woche mit seiner Flughafen-Wette ankam, sämtliche Rollbahnen der Welt am Geschmack. Da war ich ohne Chance, und wieder musste ich einen Absagebrief studieren.
So können Sie ermessen, wie groß mein Schreck war, als ich eines Tages einen Rowohlt-Brief in der Post hatte, wo der erste Satz in eine vollkommen falsche Richtung wies.

Wenn Sie jetzt glauben, ich porträtiere meinen Lektor Wolfram Hämmerling in den schillerndsten Farben, nur weil er vor ein paar Jahren mein unverlangtes Krimibändchen aus dem Stapel gezogen hat, und nur weil mir rundherum die Erstsätze nur so um die Ohren flogen, und nur weil er mir mittlerweile schon fünf weitere Bücher aus der Nase gezogen hat, dann täuschen Sie sich gewaltig. Zu sehr stehe ich noch unter dem Eindruck, dass er mir unlängst mit dem Umbringen drohte.
Umbringen-Drohen ist selbst, wenn es einen Krimi-Autor betrifft, der berufsbedingt eine gewisse Freude an rüden Manieren hat, ein strafrechtlich relevanter Tatbestand. Natürlich werden Sie jetzt all die mildernden Umstände ins Treffen führen. Das mit den langweiligen Passagen, die sich in meinen Büchern befinden würden, wenn er nicht mit dieser beim FBI speziell geschulten Lektorenbeharrlichkeit gesagt hätte: diese eine Passage da, die ist klasse, könnte man aber eventuell streichen. Oder das mit der Logik, wo ich vielleicht zugeben muss, hin und wieder hat es in der ersten Version vielleicht ganz ein bisschen mit der Logik gehapert. Oder das mit den Details.

Manchmal kann ich mir nämlich mitten im Schreib-Stress die Details nicht so merken. Wer war jetzt noch mal schnell der Täter? Wie hieß das Opfer gleich? Und warum hat der den bloß umgebracht? Irgendwo hab ich mir das alles doch einmal auf einen Zettel geschrieben. Jetzt müsste ich nur noch den Zettel finden.
In diesem Bereich kommen ein paar mildernde Umstände zusammen, das stimmt schon.
Wussten Sie eigentlich, dass man gute Artikel daran erkennt, dass am Schluss noch einmal das Thema vom Anfang vorkommt? Und wussten Sie, dass die wöchentliche Kultursendung im österreichischen Fernsehen "Treffpunkt Kultur" heißt? Und wussten Sie, dass dort mein Lektor im Jahre `97 vor laufender Kamera aus dem Stand den ersten Satz meines ersten Buches, eben jenes unverlangt eingesandten Manuskripts rezitierte?

Mein erster Erstsatz! Er war lang und voller Grammatik. Aber mein Lektor muss ihn irgendwie cool rübergebracht haben.
Warum sonst hätte sich - und ich möchte auf der Stelle tot umfallen, wenn nicht jedes Wort davon wahr ist - in den letzten Jahren mehrmals nach Lesungen folgende ungute Szene abgespielt. Unter dem Vorwand, ein Buch signieren zu lassen, pirscht sich eine Interessentin heran und flüstert nervös: "Ah, dieser Verleger da. Der da im Fernsehen über dich gesprochen hat."
"Das ist nicht mein Verleger", unterbreche ich an der Stelle immer, vielleicht eine Spur zu heftig. "Das ist mein Lektor!"
Aber wenn sie sich einmal so weit vorgewagt haben, lassen sie sich sowieso nicht mehr bremsen. "Dieser Deutsche, der da im Fernsehen deinen ersten Satz gesagt hat", drängeln sie, "dieser, blonde, symp-"
Aber mein Lektor, Herr Hämmerling Wolfram vom Rowohlt Verlag meinte unlängst, wenn ich das schreibe, bringt er mich um.