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claus philipp | wo bleibt das kino beim brenner

Das muss man sich erst einmal vorstellen

Da gibt es so einen Film, wo der Mönch sagt, also so ein indischer, ein Buddhist, der sagt: Wenn ich gehe, dann gehe ich, und wenn ich stehe, dann stehe ich. Und so einen Eindruck hat man vom Brenner gehabt, wenn man ihn wo gehen oder stehen gesehen hat oder sitzen von mir aus. Rein äußerlich. – Wolf Haas

Einen Kuss filmen, natürlich, das geht, soll Alfred Hitchcock einmal gesagt haben. Aber ein gefilmter Kuss, also ein Kuss, einfach so abgefilmt, das ist noch lange nicht Kino. Kino wäre der Kuss beispielsweise erst, wenn die Küssenden auf einer Drehbühne stehen, während die Kamera um sie herumfährt, so wie es auch Kino, frühes Kino, Spektakelkino, Kino von Kindesbeinen an ist, wenn Kulissen auf Rollwagerln von hinten auf Protagonisten zurasen, und man hat als Betrachter vor der Leinwand das Gefühl, diese Protagonisten stürzen ab, ins unermesslich Tiefe, während doch eigentlich der Raum eher enger wird, vor der Kamera die Klaustrophobie zunimmt. Letzteres hat aber nicht Hitchcock gesagt, sondern – in abgewandelter Form – Alexander Kluge (im Vorwort zu Die Lücke, die der Teufel lässt) formuliert. „Rein äußerlich“ mag man zeigen, dass jemand geht, steht, sitzt, küsst, stürzt, sich privat oder auch politisch oder sonst wie verhält, aber darüber hinaus muss das Kino Mechaniken in Gang setzen, das so genannte Allernatürlichste ins dem Publikum oft kaum bewusste Allerkünstlichste übertragen, um einen im Zuschauerraum möglicherweise schwindeln, die Hände vor dem Gesicht zusammenschlagen zu lassen. Und nachher sagt man vielleicht: „Das musst du dir erst einmal vorstellen!“

Bei Wolf Haas fällt so ein Satz nicht selten. Vielleicht heißt das auch: Wenn er zu erzählen beginnt, ist das Kino schon wieder vorbei. Vielleicht denkt er sich aber auch nur ein Kino aus, ein Kopfkino, das so zumindest in Österreich abseits einiger weniger Arbeiten (bevorzugt im Avantgarde- und Dokumentarfilm) nie wirklich möglich ist.
Man nehme folgende Textpassage, ganz am Ende des letzten Brenner-Krimis Das ewige Leben:

Pass auf. Der Brenner reißt auf einmal beide Hände in die Luft, fast ein Sprung war das, weniger wie ein Leibwächter, mehr aus dem Schreck heraus, und ich denke mir noch, der Stich in seiner linken Hand, das schaut ja aus wie beim reinsten Jesus oder bei diesem Pater Pio, den sie in Italien so anbeten, weil der hat diese Wundmale gehabt, die zu den hohen Feiertagen zu bluten angefangen haben, und im selben Moment sehe ich, wie der Brenner in der anderen Hand auch, also rechts, auf einmal sehe ich, er blutet ja in der rechten Hand auch, und ich denke mir noch, wenn man einem Menschen mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit in die Hand schießt, kann man ihn töten, und ich denke mir noch, der Brenner wird mir doch nicht, zuerst nur ein kleines Loch, aber ob du es glaubst oder nicht, noch bevor ich überhaupt einen Schuss höre, wird das Loch immer größer, zuerst nur ein kleines Loch, aber jetzt, und ich denke mir noch, wie kann ein Loch in der Hand größer als die Hand selber sein, und ich denke mir noch, ich habe noch nie ein Loch gesehen, das so schnell näher kommt, und ich dingse mir noch, wie kann ein dings in der Hand so groß sein wie das Arnold Dingsenegger-Stadion.

Und so weiter. Zeitlupe. Duell. John Woo, möglicherweise. Und dann: Ein klarer Fall von Filmriss. Ein Projektionsdefekt. Zelluloid, das unter der Linse zu kokeln beginnt, kleine Blasen schlägt, mit prismatischen Effekten an den Rändern, der Filmvorführer muss abschalten, den Film neu kleben, und dann erst geht die Vorführung weiter, aber auf dieser einen zerschrammten Kopie des Filmes werden immer ein paar verschmorte Kader fehlen. Aber, wie gesagt, da ist das Buch, der Film ohnehin schon wieder vorbei. Andererseits: Vielleicht braucht es gar keinen defekten Projektor. Was ist, wenn der Regisseur und der Drehbuchautor dem Publikum nur vorgegaukelt haben, dass der Film brennt und gerissen ist? Was, wenn man erst recht einen besonderen Kunst- und Technik-Aufwand betreibt, um so etwas wie einen Defekt nur zu simulieren? Kino-Kino: Gerade das „stimmt“ oder wirkt zumindest „stimmig“, was eigentlich nur mit den absurdesten Verrenkungen und scheinbaren Unstimmigkeiten als Effekt zu erreichen ist. Seltsam, und solche Assoziationen entstehen eben auch bei den oftmals so eigentümlich auf den Kopf gestellten Denk- und Sprachbewegungen des Wolf Haas. Auch wenn sie auf den ersten Blick, indische Filme oder John Woo hin oder her, mehr mit dramatischen Monologen und Selbstgesprächen als mit
Action-Filmen gemein haben.

Dabei gilt die meiste Zeit, also aus einer Position nach dem Kino heraus, aus der man zumindest einen Ignoranten braucht, der den Film noch nicht gesehen hat: „Das musst du dir erst einmal vorstellen“: Man sagt das so dahin, als Kind möglicherweise, nach einem besonders begeisternden Western oder Krimi, wenn der andere, dem man da etwas vorschwärmt, sich noch gar nicht vorstellen können darf, wie toll es im Kino gerade war, weil sonst müsste man selbst ja gar nicht im Kino gewesen sein, wenn es auch nur annähernd vorstellbar wäre, was da abgegangen ist.

„Das musst du dir erst einmal vorstellen“, sagt vielleicht auch einmal ein Drehbuchautor einem Produzenten, den er von einer besonders spektakulären, aber halt doch auch sehr teuren Szene überzeugen will – was in Österreich besonders guter Argumente bedarf. Für solche Szenen ist hierzulande, wenn man nicht gerade in europäischen Koproduktions-Dimensionen denkt und plant, das Geld immer knapp. So ein Satz jedenfalls behauptet etwas Besonderes, aber vielleicht ist der, der da was behauptet, und dann vielleicht „Jetzt pass aber auf“ sagt, nur bedingt sicher, dass es etwas zum Aufpassen gibt: etwas, das das Aufpassen und das Sich-etwas-Vorstellen überhaupt lohnt. Vielleicht hat er sich da nur ein Spektakel zusammenverklärt. Vielleicht ist die Handlung, die er da vor dem geistigen Auge entfaltet, doch eher hirnverbrannt. Oder der Erzähler ist sich gar nicht sicher, wahrscheinlich ist es ihm gar nicht so wichtig, dass die anderen, die da zuhören, wirklich aufpassen. „Lasst ihn halt reden ...“, heißt es dann auch. Das klassische Stammtisch-Problem.

„Das musst du dir erst einmal vorstellen“, sagt der Erzähler, schreibt also Wolf Haas irgendwo in Wie die Tiere, und da fragt man sich schon seit geraumer Zeit und über insgesamt fünf Brenner-Krimis hinweg: Wer erzählt denn hier eigentlich? Was für ein ewiges Kind will uns denn da (s)eine Vorstellung hineindrücken? Wem ist der Privatdetektiv und auch in anderen zwischenzeitlich gewählten Berufen investigativ tätige Simon Brenner ein derartiges Anliegen, dass er quasi über den Stammtisch hinweg ein (imaginäres) Gegenüber anschwadroniert, dabei durchaus eigenwillige Prioritäten setzt und viele solcher Redensarten auf Lager hat: „Nein, jetzt schau her“ oder „Das kann man laut sagen“. Lauter klassische leere Konversationskilometer in der Kategorie „Also, das muss ich ganz ehrlich sagen“ (als ob einen derjenige, der das sagt, schon öfter angelogen hätte), die gleichzeitig einen wie auch immer gearteten Höhe- oder (im Fall vom Brenner) Tiefpunkt köstlich hinauszögern, – ihr wart ja nicht dabei, ihr wisst es noch nicht –, und mit denen man gleichzeitig den Zuhörer geradezu physisch aktiviert. Insofern wäre ein Antwort auf die im Titel dieser Spekulationen hier gestellten Nicht-Frage: Dem Brenner sein jüngstes Abenteuer war möglicherweise zumindest „wie im Kino“, und was wir jetzt hören und lesen, das ist nur noch der Schatten dieser Schattenspiele, aber der Genuss, den wir beim Zuhören und Lesen empfinden, der ist fast schon wieder wie im wirklichen Leben, äh, Kino. Oder?

„Das musst du dir erst einmal vorstellen.“ Sich vorzustellen, dass man mit Adaptionen der Kriminalromane von Wolf Haas sehr schnell ein großes Publikum gewinnen und also einen großen Erfolg landen könnte – das ist mittlerweile leicht. Nicht zuletzt, weil so ein Erfolg mit Wolfgang Murnbergers Verfilmung von Komm, süßer Tod bereits eingetreten ist. Und erst recht, wenn wir weiters ohnehin nachvollziehen können, dass das mit dem Brenner „wie im Kino“ gewesen sein muss. Gleichzeitig weiß jeder, dass natürlich nicht jeder Film, von dem gesagt wird, dass man ihn sich „vorstellen“ muss, den Besuch, geschweige denn die Produktion lohnt. Und natürlich, so stellt man bei genauerer Überprüfung fest, ist es denkbar problematisch, Haas’ eigenwillige Sprach- und Handlungskonstrukte in eine nachvollziehbare Spielfilm-Dramaturgie zu überführen, eine für ein großes Publikum noch dazu, erstens, weil sie – man denke nur an das Loch in der Hand – doch einen beträchtlichen Visualisierungsaufwand einfordern, zweitens, weil sie eben statische Situationen (Lauerhaltung des Erzählers) evozieren, die nur aus einer strengen Subjektive eines Lesers heraus Spannung erzeugen, und drittens: Murnberger und seine Co-Autoren Josef Hader und Wolf Haas könnten irgendwann sicher Bände schreiben darüber, wie man einen Haas-Text förmlich hinüberzwingen muss in eine logische Handlung, einen Plot, der sich über alle Auf- und Abtritte wesentlicher und unwesentlicher Charaktere und Details, über alle Filmrisse hinweg ausgeht: trotz Redundanzen, die sich so offenbar nur die Literatur leisten kann, selbst wenn sie als „Thriller“ daherkommt. Kurz, wer Haas verfilmt, läuft Gefahr, „rückfällig“ zu werden im Sinne von: Er oder sie fällt hinter den Text zurück, der nach dem Kino war, in etwas, auf dessen Basis ein Haas’scher Nacherzähler maximal wieder seine eigenen Prioritäten ziehen würde. Oder gäbe es eine mögliche Perspektive, aus der heraus man für das Kino wieder etwas Neues entwickeln kann?

Wenn man zuerst einmal feststellt, dass in einem Brenner-Krimi in Relation zu einer relativ kurzen Erzählung sehr viel und gleichzeitig oft auch streckenweise sehr wenig passiert, weil Migräne oder Kopfweh, was aber denkbar intensiv sein kann: dann klagt man diese Intensität, in der nichts passiert, bis etwas passiert, als Leser und Haas-Fan für das Kino ein. Sonst heißt es: Über diesen Film wurde mir besser erzählt, als der Film dann „in Wirklichkeit“ war. Andererseits: Aus der Haltung des Erzählers in den Brenner-Büchern könnten sich rettende, weiter führende Einstellungen, Blickwinkel ergeben. Aber wo ist er? Nicht zu fassen! Zumindest fünf Bände ist einem das völlig schleierhaft, bis in Das ewige Leben der Schleier gelüftet wird: Ein „Hausgeist“ wird da irgendwann einmal doch zu einem „Ich“, das sich nicht nur obsessiv in Brenners Kopf (wie in ein Kopfkino) begibt, sondern auch in dessen altem Familiensitz in Graz-Puntigam lebt, von wo aus er „immer mit einem gewissen Interesse verfolgt“ hat, „wie es dem Brenner so geht in der weiten Welt draußen“. Es heißt zwar, eine mittlerweile bekannte Schlusspointe vorweg nehmen, wenn man sagt: Vermutlich erzählt der „Hausgeist“ seine Geschichten über den Brenner aus dem Reich der Toten. Das heißt, der Kreis schließt sich. Dann wären wir wieder bei Band 1, bei der Auferstehung der Toten. Oder am Sunset Boulevard, wo William Holden im Swimming Pool treibt, und gerade deshalb so kompetent als Erzähler eines Film Noir fungieren kann.

Der Gedanke, dass „tote“ Erzähler wie am Stammtisch, an dem sie gerade den Kirchgang schwänzen, oder wie im Kinderzimmmer schwadronieren: amüsant, gespenstisch. Komödie. Tragödie. Entlang einiger Gegenüberstellungen von Brenner-Romanen und Drehbuchpassagen1 nachzuweisen, dass Literatur und Film jeweils eine andere Sprache sprechen, und dass ein Haas-Text und ein Haas-Plot per se einmal denkbar weit von filmischer Sprache entfernt sind, auch wenn sie vielleicht beim vom Krimikino verdorbenen Publikum ebensolche Filmbilder im Kopf hervorrufen mögen – das ist vor diesem Hintergrund nur bedingt ergiebig.

Das Problem mit dem Brenner, seinem toten Erzähler und dem Kino geht wesentlich weiter. Man sticht, wenn man sich wieder und wieder in Komm, süßer Tod oder Silentium! oder Auferstehung der Toten als Vorlagen existierender, soeben abgedrehter oder in Planung befindlicher Filme vertieft, sehr schnell in ein Wespennest, und das könnte man in etwa so be- und umschreiben: Unwirklichkeitsverhältnisse in der Selbstwahrnehmung und -inszenierung österreichischer Künstler und/oder eine sehr spezifische Kluft zwischen Öffentlichkeit und Erfahrung. Man muss nur bei Wolfgang Murnberger ansetzen, den sich Haas als Regisseur immer gewünscht hat: In Himmel oder Hölle, seinem Langfilmdebüt, zeigt der Filmemacher zum Beispiel sehr deutlich, wie sich hierzulande bevorzugt im Mikroskopischen die großen, gewagten Gedankensprünge, Schnittstellen und Risse ergeben. Wie sich eigentlich nur aus einem unverbrauchten kindlichen Blick, dem auch das Künstlichste natürlich wird, die große Perspektive ganz beiläufig einschleicht, und sei dies auch nur im Vorhof eines vom Zusperren bedrohten Landkinos. Das Kino ist vielleicht tot, aber ein paar Erinnerungen daran und ein paar Rollen Revolver- oder Sexfilm mögen noch erhalten geblieben sein, und daraus ergibt sich dann bei Murnberger oft ein Tonfall eines Kindes, das sich beim Spielen selbst vergisst, mit sich selbst zu sprechen, Szenen nachzuspielen beginnt und fernab aller Einschränkungen die ungeheuerlichsten Assoziationen abspult. Himmel oder Hölle – das ist bis heute einer der wenigen Filme im heimischen Kino, die zwei beliebte Topoi, die Autobiographie wie auch die trashige Entäußerung in billigen Klischees, so souverän verinnerlicht und zugleich hinter sich gelassen haben, dass man sie endlich wiedererkennt. Nicht anders agierte übrigens Josef Hader in seinem jahrelang erfolgreichen Kabarettprogramm Privat, das man auch als gewaltige Plansequenz lesen könnte, heraus aus der Waldviertler und katholisch geprägten Kindheitsbegrenztheit, hinüber zu trivialen pubertären Schweiniglfantasien, und dann hinein in eine neue fantastische Kathedrale, das eigene Kopfkino, in dem es vielleicht weniger erhebend zugeht als in der Kirche, aber Gott trifft man trotzdem, und das ergibt fantastische Dialoge.

Bei Wolf Haas scheinen die Dinge ähnlich gelagert – ebenfalls aus einer Erinnerung heraus, in der man sich noch einmal ganz klein macht oder beim Erzählen näher zusammenrückt. Haas, der zuerst als Werbetexter quasi in Deckung ging, um in einem weiten öden Feld der schnellen Slogans umso eindrücklicher als Autor – „Ö1 gehört gehört“ – aufzufallen, und der sich dann inmitten der Serienproduktion einer relativ schmucklosen Krimireihe versteckte, um erst recht sehr schnell als Sprachkünstler zu reüssieren – bei ihm, der kaum etwas unversucht ließ, um nur ja möglichst nicht zu ernst genommen zu werden, gehen die Unverhältnismäßigkeiten um einiges weiter als in ein Spiel mit Verzögerungen und Beschleunigungen, in dem seitenlang eigentlich nichts passiert und dann „schon wieder was“. Letzteres aber meist in fürchterlicher Eskalation. Man muss nur ins Detail gehen: eine alte Erfahrung heimischer Sprach-, Übertreibungs- oder Verzettelungskünstler.

Siehe zum Beispiel die ersten Sätze des ersten Brenner-Romans Auferstehung der Toten: „Von Amerika aus betrachtet, ist Zell ein winziger Punkt. Irgendwo mitten in Europa. Aber vom Pinzgau aus gesehen ist Zell die Hauptstadt des Pinzgaus. Zehntausend Einwohner, dreißig Dreitausender, achtundfünfzig Lifte, ein See. Und ob du es glaubst oder nicht. Zwei Amerikaner sind letzten Dezember in Zell umgebracht worden. Aber jetzt pass auf.“ Na klar passt man jetzt auf. Man muss ja auch nicht immer alles von Amerika aus betrachten. Und man muss auch nicht immer nach Amerika hinüberschauen, wie das „nach dem Krieg“, der den „Wohlstand nach Zell“ – aber nicht nur dorthin – und gleichzeitig eine immense mediale Verwahrlosung über das ganze Land gebracht hat, immer der Fall war. Das Erzählen hat man hierzulande immer gern anderen überlassen, wahrscheinlich auch, weil die Schlüsse, auf die man da oft notgedrungen kommen musste, nicht immer die Erfreulichsten waren. Deshalb Krimi. Oder Kino. Da fällt in kindlichen, vielleicht sogar kindischen Rollenspielen manches leichter, bis zum ruppigen Ende. Andererseits ist es auch immer ein wenig problematisch, wenn man vom Eigenen zu erzählen beginnt, weil:  „Steht man als österreichischer Autor vor einem nicht österreichischen Publikum, entgleiten einem leicht die Bezugspunkte, die man hier als selbstverständlich voraussetzt.“ So begann Wolf Haas einen kleinen Nachruf auf den 2002 verstorbenen Schriftsteller und Erfinder des Serienhelden Major Kottan, Helmut Zenker. Auch hier das Problem: Veranschaulichung verquerer Verhältnisse in einem Österreich, das etwa zu einer kinematographischen Bebilderung dieser Verhältnisse über TV-kompatible Formate hinaus denkbar wenig Initiative zeigte und zeigt. Wo die großen Erzählformate fehlen, muss man sich quasi auf die Mikroverhältnisse einlassen. „Das muss man sich einmal vorstellen! Die Siebzigerjahre. Das österreichische Land. Der Fernseher mit Alfons Dalma drinnen. Und dann auf einmal der Kottan, der meiner dicksten Tante die unsterblichen Worte entlockte: ,Da fängt für mich das Irrenhaus an.’ Oder war das bei der Humanic-Werbung, wo meine Tante immer ihre unsterblichen Worte sagte, oder war es doch angesichts ihres alten Freundes Jimi Hendrix, der mit den Zähnen Gitarre spielte?“

Insofern ist der schönste Moment, den Wolfgang Murnberger der bisherigen Brennermanie nach den Brenner-Krimis geschenkt hat, derjenige, in dem Josef Hader in Komm, süßer Tod im Fernsehen den Schauspieler Hans Brenner sieht, und man weiß, diese Art von Irrenhaus ist jetzt nicht mehr. Solche Gesichter, für die solche Dialoge wie damals in den 70ern geschrieben wurden, das ist jetzt nicht mehr. Jetzt ist jetzt. Das muss man sich einmal vorstellen, und derweilen entsteht etwas ganz Neues. Der beste Brenner-„Film“, den es je gab, noch stammt er nicht von Wolfgang Murnberger, sondern, auch das typisch für die österreichische Schieflage, von einer kleinen unabhängigen Dramagruppe, dem Grazer Theater im Bahnhof. Dieses lud im Rahmen des steirischen herbst 2003 zu einer touristischen Busfahrt durch Graz, hinüber nach Puntigam, zu den wichtigsten Jugendschauplätzen des großen Sohns der kleinen Murmetropole, Simon Brenner. Man saß da als Publikum, wie es bei derartigen Veranstaltungen üblich ist, in einem Autobus, wurde von einer Reiseführerin mit sinnvollen und sinnlosen Informationen zugedeckt, wurde an Brenners Geburtshaus vorbeigeführt, ohne dass man es je wirklich ausmachen konnte, egal, man presste die Nase ans Busfenster wie ein Kind. Und irgendwann wollte man auch gar nicht mehr unterscheiden, was an dem Puntigam, das da wie ein Film von Emir Kusturica vorbeizog, echt oder gespielt war. Das muss man sich vorstellen! Und obwohl man zuerst schon dachte: Das ist jetzt gewisssermaßen ein Stück für die Zeit „nach dem Brenner“, war am Ende der Brenner kurz wieder da, und dann schon wieder weg: Verfolgungsjagd. Schüsse. Freude. Fast wie im wirklichen Kino. Oder?

 


1 Hier nur als Beispiel: Silentium. Zwei Anfänge.
Haas im Buch: „Jetzt ist schon wieder was passiert. Und ausgerechnet im Marianum, wo man glauben möchte, da kommt der brave Bauernbub als Zehnjähriger auf der einen Seite hinein und acht Jahre später als halbfertiger Pfarrer auf der anderen Seite wieder heraus. Kein Wunder, dass so lange niemand Verdacht geschöpft hat. Weil eigentlich unfassbar, dass ausgerechnet in der saubersten Internatsschule von ganz Salzburg so etwas möglich war.“

Eine mir vorliegende, mit 18. September datierte Drehbuchversion „für einen Spielfilm von Wolfgang Murnberger, Josef Hader & Wolf Haas“ hingegen beginnt mit:

„Eine RABENSCHWARZE LEINWAND und STILLE. In der Mitte wird zentriert weiß auf schwarz (eher kleine Schriftgröße aufgeblendet:
AUFBLENDE
Silentium!
ABBLENDE
AUFBLENDE
Danke!
ABBLENDE


Es folgen Einstellungen, die wie zusammengeklaubte Reste aus dem Mistkübel eines Super-8-Film-Clubs aussehen. Teilweise verschrammte, teilweise überbelichtete, teilweise verwackelte, teilweise sehr kurze Bilder. Farbige und S/W Einstellungen sind sozusagen bunt gemischt. Teilweise soll dieses Material tatsächlich aus alten Filmresten zusammengesucht werden. Das neu gedrehte Material wird absichtlich verdreckt und verschrammt.“